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Die Pleite der Swissair richtig verstehen – detailliertere Information

Am 28. Oktober 2001 ging ein Stück Schweizer Nationalstolz zu Bruch. An diesem Tag erklärte die eidgenössische Fluggesellschaft Swissair ihre Zahlungsunfähigkeit. Die Verluste hatten die Rekordhöhe von 15 Milliarden Franken erreicht. Nach nur sieben Monaten im Amt musste der Chef der Fluggesellschaft, Mario Corti, den Gang zum Konkursrichter antreten. Die Banken, der Branchenriese UBS und die Credit Suisse Group, hatten der flügellahmen Schweizer Fluggesellschaft, die einst zu den besten Unternehmen der Welt zählte, einfach den Geldhahn zugedreht.

Der Sinkflug der Swissair begann bereits 1995 mit der Übernahme von 49,5 Prozent an der abgewirtschafteten belgischen Fluggesellschaft Sabena. Zwei Jahre später gründete der damalige Swissair-Chef Philippe Brugisser die SAir-Group und schlug einen verhängnisvollen Kurs ein. Mit Kapitalbeteiligungen versuchte Brugisser ein weltweites Netz zu knüpfen. Damit sollte die Swissair im weltweiten Kooperationsprozess aufholen und mit einer eigenen internationalen Allianz gegen die Star Alliance von Lufthansa und United Airlines sowie die anderen Bündnisse in der internationalen Luftfahrt bestehen.

Swissair-Passagiere sollten innerhalb der von den Schweizern dominierten Qualifyer-Group mit einem Ticket rund um die Welt reisen können, ohne sich bei Zwischenstopps um ihr Gepäck kümmern zu müssen – und bei den Partnergesellschaften Bonus punkte und Meilen sammeln können. Für die Fluggesellschaften gelten diese Kooperationen seit den 90er Jahren als wichtige Maßnahme, um ihre Maschinen auslasten zu können.

Fehlinvestitionen
Was bei der Lufthansa zu funktionieren scheint, brachte der Swissair kein Glück. Die Zusammenarbeit mit Sabena, der österreichischen Airline AUA, die Beteiligung von 37,6 Prozent an der polnischen Fluglinie LOT, von 49,9 Prozent an dem deutschen Charterflieger LTU sowie weitere finanzielle Beteiligungen an italienischen, französischen und portugiesischen Partnern konnten den Absturz nicht verhindern. Als im September 1998 eine Swissair-Maschine mit 229 Menschen an Bord vor der Küste Kanadas in den Atlantik stürzte, hatte auch der lange entscheidende Wettbewerbsvorteil der Swissair, die sicherste Fluggesellschaft der Welt zu sein, seine Zugkraft verloren.

Vom Imageschaden konnte sich die Swissair nur schwer erholen. Zudem wirkte die Beteiligung an der Sabena wie ein Bremsklotz. Im Januar 2001 konnte die Sabena nur durch einen umfangreichen Sanierungsplan vor dem drohenden Konkurs gerettet werden, der die Swissair viel Geld kostete. Wenige Tage nach den Verhandlungen am 23. Januar trat Swissair-Chef Brugisser zurück.

Umstrukturierungspläne
Sein Nachfolger Mario Corti musste knapp drei Wochen nach seinem Amtsantritt das schlechteste Ergebnis in der fast 70-jährigen Geschichte der Fluggesellschaft verkünden. Im Jahr 2000 hatte die SAir-Group bei einem Umsatz von 16,2 Milliarden Franken einen Verlust von knapp 2,9 Milliarden Franken eingeflogen. Insgesamt türmte sich der Schuldenberg auf 15 Milliarden Franken. Am 25. April 2001 bewilligten Schweizer Banken zwar noch einen weiteren Kredit von einer Milliarde Franken, allerdings nur mit der Auflage, die zahllosen verlustreichen Beteiligungen abzustoßen. In den folgenden Wochen trennte sich die Swissair von Engagements in Frankreich und verkaufte die Swissötel-Hotel- kette an die Luxushoteliers der Raffles-Gruppe. In Frankreich ging die Swissair-Tochter AOM/Air Liberte in Konkurs. Eine weitere französische Beteiligung an der Air Littoral wurde an den früheren Chef und Mehrheitsaktionär Marc Dufour zurückgegeben. Mit der hochdefizitären Sabena wurde ein Deal ausgehandelt, der die Swissair aus der Verpflichtung entließ, die Mehrheit an der belgischen Fluggesellschaft zu übernehmen. Der Preis für die Befreiung betrug 650 Millionen Franken, die Swissair musste 60 Prozent dieser Ablösesumme berappen.

Rückschläge
Mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington wurden alle Sanierungsbemühungen bei der Swissair zunichte gemacht. Durch das Flugverbot im amerikanischen Luftraum in den ersten Tagen nach dem Terrorangriff und dem darauf folgenden dramatischen Rückgang der Passagierzahlen waren bei der Swissair Ausfälle von über drei Milliarden Franken entstanden. Die Gruppe war nicht in der Lage, einen Schock dieser Größenordnung zu verkraften, erklärte Swissair- Chef Corti.

Dem Sanierer, der vor seinem Amtsantritt bei der notleidenden Fluggesellschaft als Finanzchef des Weltkonzerns Nestle viel Lob und Anerkennung erfahren hatte, lief die Zeit davon. Die Chance zur Umsetzung seines neuen, schärferen Umstrukturierungskonzepts, das er am 24. September vorgestellt hatte und mit dem er Kosteneinsparungen von 4,5 Milliarden Franken zu erzielen hoffte, gaben ihm die Banken nicht mehr.

Am 1. Oktober 2001 übernahmen die Banken den Steuerknüppel der zahlungsunfähigen Traditionsgesellschaft. Die Muttergesellschaft Swissair sollte Ende Oktober 2001 von ihrer bisherigen Tochterfirma, dem Basler Regionalflieger Crossair, aufgefangen werden, um der Schweiz auch weiterhin eine internationale Fluggesellschaft zu erhalten. Auch der Name Swissair und das Firmenemblem sollten weiter geführt werden. 1,3 Milliarden Franken wollten die beiden Schweizer Großbanken UBS und CSG in die Reorganisation des Schweizer Luftverkehrs investieren.

Düpierte Passagiere
Was dann geschah, hätte sich kein Eidgenosse träumen lassen. Von diesem Geld gaben die Banken nur 250 Millionen Franken für den Kauf der Crossair frei. Als Mario Corti die Banken als neue Eigentümer der Fluggesellschaft um eine weitere Finanzspritze von 125 Millionen Franken angehen wollte, stieß er auf verschlossene Türen. Der UBS-Chef Marcel Ospel war für (Jen Bittsteller nicht zu sprechen: Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich auf Knien um Geld betteln müsste, sagte der ehemalige Nestle- Finanzchef, dem früher die Banken die Türen eingerannt hatten, um mit ihm als obersten Kassenwart des erfolgreichen Weltkonzerns ins Geschäft kommen zu können. Doch jetzt lernte er wie es ist, wenn man gegenüber Banken in der schwächeren Position ist. Genauso wie die 19.000 Swissair-Passagiere in aller Welt. Am 2. Oktober 2001 wurden 262 Flüge gestrichen, weil die Fluggesellschaft kein Geld mehr hatte zum Betanken ihrer Jets. Der Flugverkehr des einstigen Flaggschiffs der eidgenössischen Wirtschaftsnation war dadurch fast völlig eingestellt worden.

Das Nachsehen hatten die Passagiere, ihre Flugscheine waren wertlos, keine andere Gesellschaft nahm sie an. Wer dennoch reisen wollte, musste sich ein neues Ticket bei einer anderen Fluggesellschaft kaufen.

Banken am Pranger
Diese rüde Behandlung argloser Swissair-Kunden schadete allerdings auch dem Bankgewerbe, das bisher als einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Schweiz besondere Protektion genossen hatte. Jetzt standen die großen Kreditinstitute am Pranger. Ein Sturm der öffentlichen Empörung brach los – in den auch die Politik, die sich von den Banken über den Tisch gezogen fühlte, einstimmte. Der Bundespräsident und sein Finanzminister drängten den Banken eine Beteiligung der Eidgenossenschaft an der dringend benötigten Finanzspritze geradezu auf: Die Hälfte der zur Aufrechterhaltung des täglichen Flugbetriebs fehlenden 250 Millionen Franken wollten sie zur Verfügung stellen.

Der UBS-Chef reagierte erst, als es zu spät war, um die letzte Blamage für die Swissair doch noch zu verhindern. In den Schweizer Medien entlud sich die Wut von Volk und Regierung auf die Banken, allen voran auf die UBS, die allein im Jahr 2000 einen Gewinn im operativen Geschäft von 7,8 Milliarden Franken erzielt hatte. Damit wäre auch die Zahlung der 125 Millionen Franken für die Aufrechterhaltung des Flugbetriebs der Swissair drin gewesen, meinten die Kommentatoren in der Schweizer Presse.

Der in Zürich erscheinende Tagesanzeiger kommentierte am 3. Oktober das Ereignis: Noch nie seit Bestehen des Bundesstaates ist eine demokratisch gewählte Regierung in der Schweiz von einem Bankier so gedemütigt worden wie am 2.Oktober. (…) Die Öffentlichkeit wurde hinters Licht geführt. Die Banken nahmen das in Kauf – was vielleicht umso leichter fiel, als damit gekaufte Tickets von bis zu einer Milliarde Franken in der Konkursmasse versinken. (-) Man fragt sich, wo leben diese Menschen? Dass sie politisch längst Abschied genommen haben von diesem Land, ahnte man. Doch mit einer solch brutalen Offenheit haben sie es dem Stimmvieh noch nie vermittelt. Dass sie aber auch als Unternehmer in andere Dimensionen aufgestiegen sind, wo keine Kunden mehr leben, sondern bloß nützliche Idioten, war weniger bekannt. Die Schweiz sei jetzt eine Bananenrepublik befand das Boulevard-Blatt Blick.

Geprellte Anleger und Mitarbeiter
Natürlich waren nicht nur die Passagiere vom harten Kurs der Banken betroffen. Die 63.000 Aktionäre erlitten ebenfalls einen Totalschaden. Als der Handel der Swissair-Aktien am 3. Oktober wieder aufgenommen wurde, war das Papier gerade mal 1,27 Franken wert. Im Juni 2001 wurde der einstige Blue Chip der Schweizer Börse noch mit 140 Franken bewertet. Der Verlust hatte eine Größenordnung erreicht, wie es sie sonst nur am Neuen Markt bei Internetpapieren gab: satte 91 Prozent.

Auch die Swissair-Mitarbeiter mussten nicht nur um ihre Jobs bangen – etwa ein Drittel der Stellen bei der Fluggesellschaft sollen wegfallen -, sondern auch um ihre Ersparnisse. Jahrelang hatten sie ihre Löhne bei der hauseigenen Depositenkasse angelegt. Nach der Übernahme ließen die neuen Eigentümer UBS und CSG die Gelder bis auf 5.000 Franken pro Person blockieren. Die Vereinigung des Cockpitpersonals schätzt das aktuelle Guthaben der Depositenkasse auf rund 90 Millionen Franken.