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Börse für Anfänger – Reichsein ist nicht einfach

Reichtum macht ein Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei, sagt der Volksmund. Mag sein. Aber der Mensch strebt, solange er lebt, gerade nach materiellem Wohlstand. Ist ja nichts Verwerfliches, denn: Der Geist denkt, das Geld lenkt. Und da greifen gerade die am heftigsten in den Lenker, die behaupten, eine besonders feine Nase fürs Reichsein und -werden zu haben, die Vermögensverwalter. In dieser ebenso gediegenen wie manchmal dubiosen Sparte steht das amerikanische Finanzhaus Merrill Lynch fast uneinholbar auf Platz eins.

Die von Merrill Lynch verwalteten Vermögenswerte liegen bei 1,7 Billionen Dollar. Alles, was danach kommt, ist weit abgeschlagen. Der Branchenzweite UBS ist in diesem Bereich fast viermal kleiner, die verwalteten Vermögen betragen insgesamt nur 426 Milliarden Dollar. Da Merrill Lynch weltweit aber immerhin sechs Millionen Kunden betreut, ist das durchschnittliche Vermögen mit etwas über 280 000 Dollar rein statistisch nicht so groß. Da steht UBS schon viel besser da. Hier bringt jeder der 250 000 Kunden im Durchschnitt 1,7 Millionen Dollar mit. Und ganz vornehm ist die Kundschaft bei Goldman Sachs. Dort betreut man in der Vermögensverwaltung zwar nur 15 000 Kunden, die haben es aber ganz dicke. Jeder schob durchschnittlich mehr als 18 Millionen Dollar über den Tresen und erwartet nun, dass sie sich auch überdurchschnittlich gut vermehren. In dem von Merrill Lynch und der Unternehmensberatung Cap Gemini Ernst & Young vorgelegten German Wealth Report 2000, einer von mehreren Studien über den Reichtum in Deutschland und damit über die potenzielle Klientel, kommen die Finanzmanager zu dem Ergebnis, dass es in Deutschland 365 000 Menschen mit einem Geldvermögen von mehr als einer Million Euro gibt. Insgesamt gehören ihnen mehr als zwei Milliarden Euro oder 25,7 Prozent des deutschen Vermögens. Zu den Ultrareichen gehören 3 700 Deutsche mit einem Geldvermögen von mehr als 30 Millionen Euro pro Kopf.

Bezieht man diese Zahlen einmal auf die Gesamtbevölkerung, dann muss man feststellen, dass 0,5 Prozent der deutschen Bevölkerung immerhin 25,7 Prozent des Vermögens gehören, und schaut man noch genauer hin, so zeigt sich, dass 5 Prozent der Bevölkerung insgesamt sogar über 46 Prozent des Vermögens verfügen. Das heißt, 95 Prozent der Deutschen, also die überwiegende Mehrheit, müssen sich mit den restlichen 54 Prozent des vorhandenen Vermögens begnügen. Wer das jetzt für ungerecht hält, kann getröstet werden, denn die Situation hat sich schon deutlich gebessert. In der Zeit von 1996 bis 1999 kamen immerhin 52 000 Euro-Millionäre dazu, das entspricht einem Wachstum von 5,3 Prozent pro Jahr. Allerdings ist das Vermögen der Vermögenden im Zeitraum von 1996 bis 1999 mit 10 Prozent pro Jahr erheblich schneller gewachsen als das Einkommen der arbeitenden Klasse. Wenn man böswillig ist, könnte man es auf den Nenner bringen: Arbeit lohnt sich nicht mehr, es sei denn, man lässt das Geld arbeiten.

Weltweit ist die Situation natürlich noch viel krasser. Da gibt es 7 Millionen Dollar-Millionäre und über 55 000 Ultrareiche, die mehr als 30 Millionen Dollar Finanzvermögen besitzen. Die 225 reichsten Personen auf der Welt verfügen über ein Gesamtvermögen von über einer Billion Dollar, das entspricht dem jährlichen Einkommen der ärmsten 47 Prozent der Weltbevölkerung, also immerhin 2,5 Milliarden Menschen. Von diesen 225 Ultrareichen leben 60 in den Vereinigten Staaten, 14 in Japan und 21 in Deutschland. Wer das in Deutschland alles ist, hat freundlicherweise das Manager Magazin im Januar 2001 aufgelistet. Auf Platz 1 stehen die Gebrüder Karl und Theo Albrecht, die es mit ihren Aldi-Märkten geschafft haben, seit den sechziger Jahren immerhin 20 Milliarden Euro zusammenzutragen. Weitaus weniger bekannt sind die Familien von Baumbach/Boehringer und Engelhorn. Alle drei haben mit Pharmaprodukten ihr Vermögen gemacht. Die Familien von Baumbach und Boehringer (Boehringer Ingelheim) verfügen über 16 Milliarden Euro und die Familie Engelhorn (Boehringer Mannheim) über 10 Milliarden.

Die weiteren Plätze der deutschen Top-Ten-Liste werden von Reinhard Mohn (Bertelsmann), der Familie Herz (Tchibo, Reemtsma), der Familie Otto (Otto Versand), der Familie von Siemens (Siemens), Susanne Klatten, geborene Quandt (BMW und Altana), Erivan Haub (Tengelmann) und Otto Beisheim (Metro) besetzt.

Wenn Sie einen dieser Superreichen auf der Straße träfen, Sie würden ihn nicht erkennen, denn die wirklich Reichen sind alles andere als mediengeil. Man könnte sogar sagen, sie scheuen das Licht der Öffentlichkeit. Einerseits, weil sie Kidnapping oder Erpressung fürchten, andererseits, weil sie offensichtlich ein ziemlich normales Leben führen wollen, ohne Glamour und ohne Homestorys. Das ist ja bei einigen Newcomern, die ihr Geld am Neuen Markt gemacht haben, ganz anders. Die tun für Publicity (fast) alles.

Insgesamt konzentrieren sich in Deutschland knapp 30 Prozent des europäischen Vermögens der High Net Worth Individuals (HNWI). Als Ursache sieht Merrill Lynch dafür den seit den fünfziger Jahren anhaltenden Wirtschaftsaufschwung. Auch wenn sich die Verteilung zwischen den oberen 5 Prozent und den übrigen 95 Prozent etwas unproportional ausnimmt, ist es in Deutschland – anders als in Großbritannien – trotzdem zu einer immer breiteren Verteilung des Geldvermögens in der Bevölkerung gekommen. Dass die Reichen in Deutschland aber dennoch immer überproportional reicher wurden als die anderen, liegt an der allgemeinen Börsenentwicklung, den Veränderungen in der deutschen Investmentkultur, aber auch daran, dass viele Familienunternehmen verkauft, also zu Bargeld gemacht worden sind. Zwar ist in Deutschland das Verhältnis von Börsenkapitalisierung zu Bruttoinlandsprodukt in den Jahren von 1996 bis 1999 von 28,4 Prozent auf 67,8 Prozent gestiegen, dennoch liegt Deutschland in diesem Bereich weit abgeschlagen hinter der Schweiz, Großbritannien und den USA. Hier ist also noch Potenzial zum Reichwerden vorhanden.

Merrill Lynch erwartet, dass sich das überdurchschnittliche Wachstum in den Geldvermögenswerten der Reichen und Ultrareichen weiter fortsetzen wird. Wofür auch die ab 2001 geltende Steuerreform sorgt. Die meisten Ultrareichen Deutschlands leben in den Ländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. In genau diesen Ländern wird auch erwartet, dass bis zum Jahr 2004 fast 50 000 Familienunternehmen unter den Hammer kommen und damit noch einmal ein ordentlicher Vermögensschub entsteht. In der gesamten Bundesrepublik sollen bis 2004 schätzungsweise 84 000 Familienunternehmen verkauft werden, weil kein Nachfolger in der Familie zu finden ist. Merrill Lynch unterscheidet so schön zwischen neuem und alten Reichtum. Leute, die erst in den letzten paar Jahren richtig reich geworden sind, sind bei der Auswahl ihrer Anlagen sehr leistungsorientiert und auch bereit, risikoreichere Anlageformen zu wählen, die sich schnell realisieren lassen. Meist sind sie besonders der Branche zugewandt, in der sie ihr Geld gemacht haben, und eigentlich haben sie nur eines im Kopf: dass ihr Vermögen noch weiter wachsen soll. Wenn die Bank nicht so funktioniert, wie sie möchten, gehen sie auch schnell zur nächsten. Das ist beim alten Reichtum anders. Hier legt man mehr Wert darauf, das Vermögen zu erhalten, und richtet sein Augenmerk besonders auf Renditen, die im Schnitt 15 Prozent für das Gesamtportfolio ausmachen sollten. Verschwiegenheit, Exklusivität und Erfahrung aufseiten der Finanzberater sind besonders gefragte Eigenschaften. Man wechselt nicht die Bank, sondern allenfalls den dortigen Ansprechpartner. Alter Reichtum besitzt circa 70 Prozent Geldvermögen und 30 Prozent Sachvermögen. 40 bis 50 Prozent des liquiden Vermögens sind global angelegt. Wieder ein Beweis für die Mobilität des Geldes.

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