Deutschland verliert an Attraktivität für Zuwanderer: Nettozuwanderung geht deutlich zurück
Die Zuwanderung nach Deutschland hat sich innerhalb von nur zwei Jahren deutlich abgeschwächt. Während die Nettozuwanderung im Jahr 2023 noch bei rund 663.000 Menschen lag, sank sie 2025 auf lediglich rund 235.000. Damit zeichnet sich eine Entwicklung ab, die für den deutschen Arbeitsmarkt zunehmend an Bedeutung gewinnt. Neben der insgesamt geringeren Zahl an Zuwanderern beobachten Experten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) eine weitere Veränderung: Bei Menschen aus den neueren EU-Mitgliedstaaten hat sich der Wanderungssaldo inzwischen ins Negative gedreht. Immer mehr Menschen aus diesen Ländern verlassen Deutschland wieder oder entscheiden sich von vornherein für andere Arbeitsmärkte.
Aus Zuwanderung wird Abwanderung
Noch zwei Jahre zuvor hatten sich netto rund 42.000 Menschen aus den betreffenden EU-Staaten in Deutschland niedergelassen. Im vergangenen Jahr kehrte sich diese Entwicklung um: Unter dem Strich verließen rund 45.000 Menschen dieser Gruppe Deutschland. Damit verändert sich ein Trend, von dem der deutsche Arbeitsmarkt über viele Jahre stark profitiert hatte. Nach der EU-Osterweiterung kamen zahlreiche Arbeitskräfte aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa nach Deutschland. Die vergleichsweise hohen deutschen Löhne und die große Nachfrage nach Arbeitskräften machten das Land für viele Beschäftigte attraktiv.
Diese Unterschiede werden inzwischen jedoch kleiner. Gleichzeitig haben sich die wirtschaftlichen Bedingungen und Lebensstandards in mehreren Herkunftsländern verbessert. Dadurch sinkt der finanzielle Anreiz, für eine Beschäftigung dauerhaft nach Deutschland umzuziehen.
Lohnunterschiede innerhalb Europas werden kleiner
Nach Einschätzung der Experten gibt es nicht nur einen einzelnen Grund für die Entwicklung. Eine wichtige Rolle spielt die Verringerung der Lohnunterschiede zwischen Deutschland und mehreren mittel- und osteuropäischen Staaten. Steigende Einkommen in den Herkunftsländern können dazu führen, dass eine Beschäftigung in Deutschland trotz eines weiterhin höheren Gehalts weniger attraktiv erscheint. Schließlich müssen bei einer Entscheidung für eine Auswanderung auch höhere Wohnkosten, Lebenshaltungskosten und die Entfernung von Familie und Freunden berücksichtigt werden.
Hinzu kommt, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung in Teilen Mittel- und Osteuropas in den vergangenen Jahren verbessert hat. Neue Unternehmen und Investitionen schaffen zusätzliche Arbeitsplätze, während qualifizierte Fachkräfte zunehmend auch im eigenen Land attraktive Karrierechancen finden.
Demografischer Wandel verändert die Migration
Ein weiterer Faktor ist die demografische Entwicklung. Viele Länder Mittel- und Osteuropas kämpfen selbst mit einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung. Die Zahl junger Menschen, die potenziell für eine Beschäftigung in einem anderen EU-Land zur Verfügung stehen, nimmt dadurch ab. Deutschland kann deshalb langfristig nicht davon ausgehen, weiterhin im gleichen Umfang Arbeitskräfte aus anderen EU-Mitgliedstaaten gewinnen zu können. Das ist für den deutschen Arbeitsmarkt besonders relevant, weil gleichzeitig auch hierzulande die Bevölkerung altert und in den kommenden Jahren viele Beschäftigte der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen.
Bestimmte Branchen besonders auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen
Beschäftigte aus den neueren EU-Mitgliedstaaten machen zwar nur einen vergleichsweise kleinen Teil aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland aus. Ihr Anteil liegt bei ungefähr fünf Prozent. In bestimmten Wirtschaftszweigen ist ihre Bedeutung jedoch wesentlich größer. Besonders betroffen von einer stärkeren Abwanderung könnten Landwirtschaft, Logistik, Produktion, Bauwirtschaft und verschiedene Dienstleistungsbereiche sein. Auch bei saisonalen Tätigkeiten spielen Arbeitskräfte aus anderen europäischen Staaten traditionell eine wichtige Rolle.
In diesen Branchen besteht teilweise bereits heute ein Mangel an Arbeitskräften. Wenn weniger Menschen nach Deutschland kommen und gleichzeitig mehr bereits hier beschäftigte Arbeitnehmer das Land verlassen, könnte sich die Situation weiter verschärfen.
Auch Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten geht zurück
Die rückläufige Entwicklung beschränkt sich nicht auf europäische Arbeitskräfte. Auch bei mehreren wichtigen Herkunftsländern außerhalb der Europäischen Union ist die Zahl der neu nach Deutschland kommenden Menschen deutlich gesunken. Besonders stark ist der Rückgang bei syrischen Staatsangehörigen. Nach Angaben der Analyse sank ihre Nettozuwanderung innerhalb von zwei Jahren um rund 78 Prozent. Waren es 2023 noch etwa 103.000 Menschen, lag die Zahl 2025 nur noch bei ungefähr 23.000. Als wichtiger Faktor für diese Entwicklung wird die veränderte politische Situation in Syrien nach dem Ende des Regimes von Baschar al-Assad im Jahr 2024 genannt.
Deutlich weniger Zuwanderer aus Afghanistan und der Türkei
Auch bei afghanischen Staatsangehörigen ist ein deutlicher Rückgang festzustellen. Ihre Zahl sank im betrachteten Zeitraum von rund 51.000 auf etwa 24.000. Als mögliche Gründe gelten unter anderem Veränderungen der europäischen Migrationspolitik sowie die politischen Entwicklungen nach der Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan.
Noch stärker fiel der Rückgang bei türkischen Staatsangehörigen aus. Ihre Nettozuwanderung nach Deutschland sank demnach von etwa 61.000 auf nur noch rund 12.000 Menschen. Die Zahlen zeigen, dass sich die Zusammensetzung der Migration nach Deutschland innerhalb relativ kurzer Zeit erheblich verändern kann. Politische Entwicklungen in den Herkunftsländern, europäische Migrationsregeln und die wirtschaftliche Attraktivität Deutschlands spielen dabei gleichzeitig eine Rolle.
Ukraine bildet eine Ausnahme
Eine wichtige Ausnahme bilden Menschen aus der Ukraine. Während bei zahlreichen anderen Herkunftsgruppen ein Rückgang zu beobachten ist, ist die Zahl der ukrainischen Zuwanderer weiter gestiegen. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre kamen mehr als 205.000 Menschen aus der Ukraine nach Deutschland. Bei der Einordnung dieser Zahlen muss allerdings berücksichtigt werden, dass ukrainische Geflüchtete aufgrund des russischen Angriffskrieges einen besonderen rechtlichen Status besitzen. Sie durchlaufen daher grundsätzlich nicht das reguläre Asylverfahren, das für viele andere Schutzsuchende gilt. Ein direkter Vergleich mit klassischen Asyl- oder Arbeitsmigrationszahlen ist deshalb nur eingeschränkt möglich.
Deutschland braucht Zuwanderung für seinen Arbeitsmarkt
Der deutliche Rückgang der Nettozuwanderung stellt Deutschland vor ein grundsätzliches Problem. Die deutsche Wirtschaft ist angesichts des demografischen Wandels langfristig auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen.
In den kommenden Jahren erreichen immer mehr Beschäftigte das Rentenalter. Gleichzeitig rücken aufgrund niedriger Geburtenraten weniger junge Arbeitnehmer nach. Ohne ausreichende Zuwanderung könnte sich der Fach- und Arbeitskräftemangel in zahlreichen Branchen deshalb weiter verschärfen. Die bisherige Strategie, einen erheblichen Teil dieses Bedarfs mit Arbeitskräften aus anderen europäischen Ländern abzudecken, stößt jedoch zunehmend an Grenzen.
Deutschland konkurriert international um Fachkräfte
Deutschland muss sich daher stärker auf den internationalen Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte einstellen. Hochqualifizierte Arbeitnehmer aus Drittstaaten können häufig zwischen verschiedenen Zielländern wählen. Dabei spielen nicht nur Gehälter eine Rolle. Entscheidend sind auch Steuern und Abgaben, Wohnkosten, Karrierechancen, die Geschwindigkeit von Visa- und Anerkennungsverfahren sowie die Möglichkeiten für Familienangehörige.
Auch bürokratische Hürden können die Entscheidung beeinflussen. Lange Bearbeitungszeiten bei Visa, Aufenthaltstiteln oder der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse können dazu führen, dass Fachkräfte andere Länder bevorzugen.
Schnellere Visa und einfachere Arbeitsmigration gefordert
Nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft muss Deutschland deshalb seine Attraktivität für internationale Fachkräfte erhalten beziehungsweise verbessern. Ein wichtiger Ansatzpunkt sind schnellere Verfahren für Menschen aus Drittstaaten. Wer bereits einen Arbeitsplatz gefunden hat, sollte möglichst unkompliziert und schnell die notwendigen Visa und Genehmigungen erhalten können.
Darüber hinaus könnten die gesetzlichen Möglichkeiten zur Arbeitsmigration ausgeweitet werden. Als mögliches Vorbild wird die sogenannte Westbalkanregelung genannt, die Menschen aus bestimmten Staaten einen vereinfachten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt ermöglicht. Ähnliche Modelle könnten dazu beitragen, zusätzliche Arbeitskräfte aus anderen Regionen der Welt zu gewinnen und zumindest einen Teil der rückläufigen Migration aus europäischen Staaten auszugleichen.
Deutschland kann nicht mehr selbstverständlich mit Zuwanderung rechnen
Die aktuellen Zahlen verdeutlichen einen strukturellen Wandel. Deutschland kann nicht mehr davon ausgehen, dass hohe Löhne und ein großer Arbeitsmarkt automatisch ausreichend Menschen aus anderen europäischen Staaten anziehen. Mit steigenden Einkommen und besseren wirtschaftlichen Perspektiven in vielen Herkunftsländern verändert sich das Verhältnis. Gleichzeitig benötigen diese Staaten aufgrund ihrer eigenen demografischen Probleme zunehmend selbst Arbeitskräfte.
Deutschland steht damit vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits muss das Land für bereits hier lebende ausländische Beschäftigte attraktiv bleiben. Andererseits muss es neue Fachkräfte aus Regionen gewinnen, die bisher eine geringere Rolle für den deutschen Arbeitsmarkt gespielt haben. Der starke Rückgang der Nettozuwanderung von 663.000 Menschen im Jahr 2023 auf rund 235.000 im Jahr 2025 zeigt, wie schnell sich die Situation verändern kann. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnte die Frage der Arbeitsmigration zu einem noch wichtigeren Faktor für die langfristige Entwicklung der deutschen Wirtschaft werden.
FAQ
Wie stark ist die Nettozuwanderung nach Deutschland gesunken?
Die Nettozuwanderung lag 2023 bei rund 663.000 Menschen. Im Jahr 2025 waren es nur noch ungefähr 235.000, womit sich der Wanderungsüberschuss innerhalb von zwei Jahren deutlich reduziert hat.
Warum kommen weniger Menschen aus anderen EU-Staaten nach Deutschland?
Zu den wichtigsten Faktoren gehören kleinere Lohnunterschiede innerhalb Europas, bessere wirtschaftliche Perspektiven in den Herkunftsländern, steigende Lebensstandards sowie der demografische Wandel, durch den auch dort weniger junge Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.
Welche deutschen Branchen könnten besonders betroffen sein?
Eine stärkere Abwanderung ausländischer Arbeitskräfte könnte insbesondere Landwirtschaft, Logistik, Produktion, Bauwirtschaft, Dienstleistungen und saisonale Beschäftigungsbereiche treffen.
Geht auch die Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern zurück?
Bei mehreren wichtigen Herkunftsländern ist ein deutlicher Rückgang festzustellen. Dazu gehören insbesondere Syrien, Afghanistan und die Türkei.
Bei welcher Gruppe steigt die Zuwanderung weiterhin?
Eine wichtige Ausnahme sind ukrainische Staatsangehörige. Innerhalb von zwei Jahren kamen mehr als 205.000 Menschen aus der Ukraine nach Deutschland. Sie besitzen aufgrund des Krieges allerdings einen besonderen rechtlichen Schutzstatus.
Was könnte Deutschland gegen den Arbeitskräftemangel tun?
Experten sehen unter anderem schnellere Visa- und Anerkennungsverfahren, attraktivere Bedingungen für qualifizierte Fachkräfte und zusätzliche Möglichkeiten für die geregelte Arbeitsmigration aus Drittstaaten als wichtige Maßnahmen.
