Das Ende des Kirch-Imperiums – detailliertere Information

Wenn sich mittelständische Unternehmer über die knauserige Kreditvergabe der Sparkassen beschweren, lässt Siegfried Naser, Präsident des Sparkassenverbands Bayern, sie gerne abblitzen: Es wäre aber strafbar, an Firmen Geld zu geben, die erkennbar nicht in der Lage sind, Kredite zurückzuzahlen.

Zu den Unternehmern, die lange vom Kreditgewerbe und vor allem von der Bayerischen Landesbank gehätschelt und verwöhnt wurden, zählt der Münchner Filmhändler Leo Kirch. So mancher Kleinunternehmer, dessen Existenz gefährdet ist, weil ihm ein Überbrückungskredit von 50.000 oder 100.000 Euro verweigert wird, kann sich über die Großzügigkeit, mit der deutsche Banken die ehrgeizigen Geschäfte des Leo Kirch finanziert haben, nur wundern. Als die Kirch-Gruppe im April 2002 kollabierte, war der Schuldenberg, den der Medienmogul nur mit Hilfe der Banken angehäuft hatte, auf mehr als sieben Milliarden Euro angewachsen.

Damit hatte Kirch sie alle getoppt, die Spitzenpleitiers der deutschen Wirtschaft. Mit seinen riskanten Engagements in der Medienbranche – dem Abofernsehen Premiere, dem Einstieg in den Formel-1 -Rennzirkus, den Handel mit Film- und Sportrechten sowie dem Aufbau eines der größten Filmarchive – hatte Kirch mehr Geld verzockt als die bisherigen Rekordhalter, der Frankfurter Immobilienjongleur Jürgen Schneider und die Managerriege des einstmals größten deutschen Baukonzems Philipp Holzmann.

Vor allem in den vergangenen zwei Jahren hätte Kirch den Schuldenstand seiner Gesellschaften von rund zwei Milliarden Euro auf über sechs Milliarden Euro hochgetrieben, um die Verluste von zwei Milliarden Euro, die der Abonnementsender Premiere jährlich einspielte, zu finanzieren. Dazu kam noch die milliardenschwere Übernahme der Formel-1-Rechte von EM.TV und dem Formel-1-Gründer Bernie Ecclestone.

Bankübliche Geschäfte
Der mit Abstand größte Kreditgeber ist die halbstaatliche Bayerische Landesbank, bei der Kirch vor allem für das Formel-1-Engagement allein und zwei Milliarden Euro aufgenommen hatte. Die Landesbanker waren Anfang 2001 in letzter Minute als Geldgeber eingesprungen – und das erst nach einem deutlichen Hinweis aus der bayerischen Staatskanzlei, wie Insider immer wieder versichern. Siegfried Naser, Präsident des Sparkassenverbands Bayern, verteidigte das ungewöhnlich hohe Engagement in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. April: Dazu kann ich nur sagen: Auch das war für uns ein bankübliches Geschäft mit besten Sicherheiten und einem klaren unternehmerischen Hintergrund.

Ohne den Einsatz der Landesbank wäre der Formel-1 -Deal vermutlich gescheitert, denn die deutschen Großbanken hatten dem Medienmogul bereits Absagen erteilt. Bei der Deutschen Bank steht Kirch mit 650 Millionen Euro in der Kreide, bei der Dresdner mit 450 Millionen Euro und bei der Commerzbank mit 350 Millionen Euro.

Der Weg in die Pleite
Den ersten Stein, der das Kirch-Imperium schließlich zum Einsturz brachte, warf im Januar 2002 Mathias Döpfner, Chef des Springer-Konzerns. Das Verlagshaus bestand darauf, eine Option einzulösen und ein Aktienpaket der Pro-Sieben-Sat.l-Media AG zurückzugeben und zwar zum im Jahr 2000 fixierten Preis von 767 Millionen Euro. Das war ein geschickter Schachzug des Springer- Chefs, mit dem er einerseits Geld in die Kassen des angeschlagenen Verlagskonzerns bekommen und andererseits möglicherweise auch einen ungeliebten Partner loswerden konnte. Kirch besaß zu dem Zeitpunkt noch 40 Prozent der Anteile am Springer-Konzern.

Kirch versuchte diesen für ihn höchst unvorteilhaften Deal, denn zum damaligen Börsenkurs war das Paket nicht einmal 100 Millionen Euro wert, mit juristischen Winkelzügen zu verhindern. So erklärte der Passauer Jura-Professor Holger Altmeppen den Vertrag für nichtig, weil einige kleinere Nebenvereinbarungen nicht geklärt werden konnten.

Bevor dieser Streit beigelegt werden konnte, warnte Deutsche- Bank-Chef Rolf-E. Breuer am 4. Februar in einem Interview mit dem US-TV-Sender Bloomberg die Banken, Kirch weitere Kredite zu gewähren. Damit hatte der Bankchef, dessen Institut auch als Hausbank von Springer fungiert, indirekt bestätigt, was bisher in der Branche und in den Medien nur spekuliert wurde: Kirch hat sich übernommen und ist finanziell am Ende. Von da an ging es Schlag auf Schlag, immer neue Enthüllungen über weitere Schulden und Zahlungsverpflichtungen verdichteten sich zu einem düsteren Bild und ließen ein sich anbahnendes Desaster erahnen. Der Kollaps des Kirch-Imperiums war nicht mehr aufzuhalten.

Die Kreise, die der Kirch-Zusammenbruch zog, wurden immer größer. Die Deutsche Bank stellte einen 650-Millionen-Euro- Kredit fällig, Rupert Murdoch drohte den 20-Prozent-Anteil an Premiere zurückzugeben und dafür die vereinbarte Summe von 1,7 Milliarden Euro zu kassieren. Kirch hatte seinem Rivalen beim Einstieg in das defizitäre Pay-TV-Geschäftzusichern müssen, dass der amerikanische Medienmogul bei schlechtem Geschäftsverlauf im Oktober 2002 sein Investment zum Einstandspreis zurückerhält. Die Dresdner Bank wollte ihren 450-Millionen-Euro-Kredit bereits im Dezember 2001 zurückgezahlt haben und gewährte nur gegen die Übertragung einer Beteiliguilg, die Kirch am spanischen TV-Sender Telecinco hielt, einen Aufschub bis April 2002. Außerdem erwartete der Deutsche Fußball-Bund im Frühjahr die Zahlung der vereinbarten Rate von 100 Millionen Euro für die Übertragungsrechte an der Bundesliga. Auch der internationale Fußballverband FIFA bekam noch Geld von Kirch für die WM- Rechte. Obendrein stand Kirch bei allen namhaften Banken und Investmentbanken in der Kreide.

Unter dieser enormen Belastung brach Kirchs Kartenhaus schließlich zusammen. Als erste Gesellschaft in dem äußerst verschachtelten Medienkonzern traf es die Rechteverwertungsfirma Kirch Media am 8. April 2002: Für sie wurde der Insolvenzantrag gestellt. Die Juristen Wolfgang van Betteray und Hans-Joachim Ziems wurden vom zuständigen Insolvenzverwalter als neue Geschäftsführer bei Kirch Media eingesetzt. Zunächst als Sanierer zur Kirch-Gruppe geholt, leiten sie die Geschäfte des Kernunternehmens mit den Film- und Sportrechten sowie der Senderfamilie von Pro Sieben und Sat l. Die hochdefizitäre Pay-TV-Tochter mit dem Bezahlfernsehsender Premiere erklärte rund vier Wochen später die Zahlungsunfähigkeit, danach folgte auch die Dachgesellschaft Taurus Holding.

Verschachteltes Imperium
Insolvenzverwalter und Banken stehen vor einem unüberschaubaren Trümmerfeld. Schon die Ermittlung des Gesamtumsatzes und die Zuordnung zu den einzelnen Geschäftsfeldern und Tochtergesellschaften bereitet den neuen Geschäftsführern offenbar erhebliche Mühe. Im Juni 2002 bezifferte die Süddeutsche Zeitung in einem Bericht, der sich auf ein geheimes Gutachten der Schweizer Bank UBS stützt, den Gesamtumsatz mit 3,398 Milliarden Euro, was einem Plus von 2,1 Prozent entsprechen soll. Davon entfallen 645 Millionen Euro auf den Sportrechtehandel, der sich durch die Veräußerung der Übertragungsrechte an der Fußballweltmeisterschaft im vergangenen Jahr ausgehend von 372 Millionen Euro fast verdoppelt hatte.12 Lind da hört die Bilanzklarheit auch schon auf. Im Dunkeln bleiben die internen Umsätze der Kirch-Gruppe: Wie viel beispielsweise die Kirch-Media-Tochtergesellschaft der Pro-Sieben-Sat. 1 – Media AG abkaufte. Keine Angaben werden auch zu dem Umsatzanteil der insolventen Kirch Pay-TV gemacht, zu der Premiere gehört. Nach Schätzungen der WestLB-Investment-Banking-Tochter Panmure soll es sich hier um rund 600 Millionen Euro handeln.

Firmengründer Leo Kirch und sein Vertrauter Dieter Hahn, der die operativen Geschäfte der Kirch Media, der größten Gesellschaft der Gruppe steuerte, weigern sich, Insolvenzverwalter und neuer Geschäftsführung bei der Puzzlearbeit zu unterstützen. Ein Beratervertrag mit den einzigen beiden wirklichen Insidern des Imperiums, das sich in mehr als 100 Tochtergesellschaften und Beteiligungen mit unterschiedlichen Partner aufteilt, kam nicht zustande, weil die Insolvenzverwalter und Gläubigerbanken verlangten, dass Kirch und Hahn eine Konkurrenzausschlussklausel unterschreiben sollten. Dies lehnten die beiden Pleitiers ab – trotz eines fürstlichen Honorars von fünf Millionen Euro allein für Kirch.

Die Verweigerung ist eine weitere schwere Schlappe für die Banken. Nicht nur weil ihnen jetzt der einzige fachkundige Rat fehlt, der ihnen helfen könnte, in verhältnismäßig kurzer Zeit Kirchs Firmendschungel zu durchdringen. Es entstand ihnen auch neue Konkurrenz.

Kirch schlägt zurück
Schon Ende 2001 hatte der alte Fuchs etliche Vorratsgesellschaften gegründet und sie unter Namen wie Blitz 01 – 826 GmbH, Blitz 01 – 857 GmbH und Blitz 01 – 893 sowie Blitz 02 – 104 GmbH und Blitz 02 – 105 GmbH ins Handelsregister eintragen lassen. Als Geschäftszweck wurde Veräußerung eigenen Vermögens sowie Halten und Verwalten von Beteiligungen von in- und ausländischen Gesellschaften sowie Übernahme der persönlichen Haftung und Geschäftsführung in Handelsgesellschaften, die insbesondere im Bereich Medien im weitesten Sinne tätig sind, angegeben. Drei Blitzfirmen wurden noch im November 2001 umfirmiert in Taurus Vermögens- und Beteiligungs GmbH und Taurus Retro GmbH, sowie in Albert Asmussen GmbH, bei der der Kirch-Anwalt Ronald Frohne als Geschäftsführer auftritt. Insgesamt sollen laut Medienberichten bis Mai 2002 acht solcher Blitzunternehmen gegründet worden sein.

Damit war lange vor dem Zusammenbruch eingetreten, was die Banken durch ein Wettbewerbsverbot für Kirch und Hahn verhindern wollten: Dass der Unternehmer und sein Topmanager als Konkurrenten mit eigenen Firmen die möglichst gewinnbringende Verwertung der einzelnen Vermögenspositionen stören würden.

Ungedeckte Kredite
Schon die erste oberflächliche Durchsicht der Ruinen des Kirch- Imperiums erweckte den Verdacht, dass es mit den Sicherheiten der Banken nicht allzu weit her sein könnte. Herbert Klofiber, Chef der Tele-5-Gruppe, warnte die Kreditinstitute sogar vor zu hohen Erwartungen. Vor allem die Kredite, die mit Filmrechten aus dem Kirch-Archiv besichert waren, dürften kaum gedeckt sein: Die Banken haben das Inventar vielleicht zu hoch beliehen. Früher, als ständig neue Sender gegründet wurden, gab es einen großen Bedarf an dieser Ware. Das ist vorbei. Jetzt sind wir in einer Talsohle.

Eine Geheimstudie der Schweizer Bank UBS, mit der Investoren angelockt werden sollten, analysierte das Filmlager von Leo Kirch, das von seinen Fans stets für eine gigantische Schatzkammer, von seinen Kritikern aber für eine Schrotthalde von bestenfalls mittelmäßigen Filmchen gehalten wurde. Letztere scheinen der Wahrheit näher gewesen zu sein. Nach einer internen Aufstellung vom Januar 2001 ist jeder dritte der 9.801 Filme schwer verkäuflich. 17 Prozent sind C-Filme, die nur zu schlechten Sendezeiten abgespult werden können, 19 Prozent fallen in die Kategorie Z-Filme, für die kaum jemand Lizenzgebühren zahlen würde; 35 Prozent des Bestands gelten als B-Filme. Der Topkategorie Mega 1 , zu der beispielsweise der US-Kinohit Der Patriot gehört, werden nur 122 Filme zugeordnet, weitere 213 Filme gelten noch als Mega 2 – darunter auch Filme wie die Comedian Harmonists. Außerdem hortet Kirch Media noch über 40.000 Stunden TV-Serien. Von den 1.447 TV-Movies sind 22 Prozent als nicht sendefähiger Schrott anzusehen.

Keine gute Nachricht für betroffene Banken wie die Commerzbank, die rund 350 Millionen Euro gegen ein Paket von Filmrechten verliehen hat. Um den Zelluloidberg überhaupt loswerden zu können, sollen jetzt Pakete geschnürt werden, denen die Ladenhüter beigemischt werden.

Ungeklärte Vermögensverhältnisse
Auch die anderen Vermögensteile der Kirch-Gruppe lassen sich nicht ohne Weiteres versilbern. Um den 25-Prozent-Anteil am spanischen Fernsehsender Telecinco streiten sich die Dresdner Bank, die HypoVereinsbank und die Bayerische Landesbank sowie weitere Kreditgeber. Die Dresdner Bank will die Anteile, die gesellschaftsrechtlich zur insolventen Kirch Media gehören, als Sicherheit für einen Großkredit von 500 Millionen Euro erhalten haben, der der Kirch Dachgesellschaft Taurus Holding gewährt wurde. Dieser Kredit war bereits im Dezember fällig und wurde nur nach Verpfändung des Telecinco-Pakets bis April 2002 verlängert. Von der Taurus Holding will auch Rupert Murdoch seine 1,7 Milliarden Euro zurückhaben, die Kirch für ein Aktienpaket an dem Abosender Premiere erhalten hatte. Wenn diese Forderung tatsächlich fällig wird, ist wohl auch die Taurus Holding zahlungsunfähig.

Poker um die Springer-Anteile
Auch der 40-Prozent-Anteil, den Kirch am Axel Springer Verlag hält, wurde offenbar als Sicherheit für mehrere Kredite bei unterschiedlichen Instituten verpfändet. Die Deutsche Bank, die mit diesem Aktienpaket einen Kredit von 650 Millionen Euro gesichert hat, muss sich bei der Verwertung des Springer-Anteils nicht nur mit der Hauptäktionärin des Verlagskonzerns Friede Springer einigen, sondern auch mit den drei nachrangigen Pfandgläubigem Bayerische Landesbank, JPMorgan und Lehman Brothers. Erschwert wird der Verkauf durch die spezielle Form der Aktien. Es handelt sich bei den Springer-Papieren nicht um Inhaberaktien, die an jeden Interessenten weiterverkauft werden können, sondern um so genannte vinkulierte Namensaktien, bei denen der Vorstand der Gesellschaft bestimmen darf, wer in die Firma einsteigt. Springer hatte diese Sonderform gewählt, um zu verhindern, dass andere Medienkonzerne Einfluss auf das Verlagshaus ausüben könnten.

Käufer gesucht
An der Vinkulierung waren bereits zwei Versuche gescheitert, das Paket gewinnbringend zu veräußern. Der Vorstoß der Hypo- Vereinsbank, zusammen mit der Dresdner Bank die Springer- Anteile für 1,1 Milliarden Euro zu übernehmen und dann an die IVAZ-Gruppe zu verkaufen, war ebenso fehlgeschlagen wie der Plan eines Bankenkonsortiums unter Führung der Commerzbank. Die wollte im Auftrag von Kirch vorher schon den Anteil verkaufen und einen besseren Preis erzielen, als den, den er von der Deutschen Bank zu bekommen erwartete. Die Commerzbank hatte alle Vorbereitungen für den Aktienverkauf getroffen – mit der Dresdner Bank und der Bayerischen Landesbank sowie den Investmentbanken JPMorgan und Lehman Brothers, die alle Anspruch auf das Paket erhoben, soll sogar eine Übereinkunft über die Verwendung des Erlöses erreicht worden sein. Von den angestrebten 870 Millionen Euro sollten 150 Millionen an die Bayerische Landesbank und die beiden Investmentfirmen gehen, der Rest an Kirch, die Commerzbank und die Dresdner Bank. Vermutlich hätte Kirch seinen Anteil an die Deutsche Bank weiterreichen müssen, um den fälligen Kredit abzulösen. Wegen der Vinkulierung war eine breite Platzierung der Springer-Aktien an der Börse aber nicht möglich. Kirch versuchte bei Springer vergeblich durchzusetzen, dass die Vinkulierung nach einer Haltefrist von höchstens 36 Monaten aufgehoben wird. Für das Verlagshaus kam dieses Ansinnen nicht in Frage: Von vornherein habe Klarheit darüber bestanden, dass die Vinkulierung unter keinen Umständen aufgehoben werde, hieß es in einer Pressemitteilung von Springer.

Als es sich abzeichnete, dass nun die Deutsche Bank den Zuschlag für die Verwertung der Springer-Anteile erhalten würde, versuchte Kirch per einstweiliger Verfügung beim Landgericht München den Zugriff zu verhindern. Doch vergebens: Er konnte nur einen Aufschub bis August 2002 erwirken, dann kann die Deutsche Bank den Springer-Anteil versilbern – allerdings nur mit Zustimmung von Seiten des Springer-Vorstands. Der wird sich bei der Deutschen Bank vermutlich weniger sperrig zeigen – schließlich ist sie Hausbank bei Springer und das Verlagshaus kämpft gerade mit Verlusten.

Gerichtliches Nachspiel
Im Dezember 2003 konnte der Ex-Filmmogul Leo Kirch dennoch eine kleine Genugtuung erfahren. Der Filmhändler versuchte den damaligen Deutsche-Bank-Chef Rolf-Ernst Breuer wegen seiner öffentlich geäußerten Zweifel an der Kreditwürdigkeit der Kirch- Gruppe zur Rechenschaft zu ziehen und stellte im Mai 2002 in Frankfurt Strafanzeige, die allerdings im Oktober des Jahres abgewiesen wurde. Das Münchner Landgericht hingegen nahm die Klage Kirchs auf Schadenersatz gegen die Deutsche Bank und ihren Chef Breuer an. Im Februar 2003 urteilte das Gericht, dass Breuer und die Bank Kirch sämtliche Schäden ersetzen müssten, die dem ehemaligen Medienmogul durch die Äußerdungen Breuers entstanden waren. Der Streitwert lag bei 100 Millionen Euro, die Höhe der Schadenersatzforderungen wurde allerdings offen gelassen. Die Bank und Breuer legten Berufung gegen das Urteil ein. Im Mai 2003 wurde auch in Frankfurt wieder gegen Breuer ermittelt. Im August 2003 begann der Berufungsprozess vor dem Oberlandesgericht München. Im November musste Breuer als Zeuge aussagen. Er wies alle Vorwürfe zurück, die Frage des Journalisten von Bloomberg TV hätte er als Privatperson beantwortet.

Am 10. Dezember 2003 kam das Gericht zu dem Urteil, dass die Deutsche Bank Kirch Schadenersatz leisten müsse. Die Summe solle in einem weiteren Gerichtsverfahren bestimmt werden. Bank-Chef Breuer wurde jedoch nicht persönlich für den Schaden verantwortlich gemacht, weil er nach Ansicht des Gerichtes von Amts wegen gehandelt hatte.

Kirch soll Medienberichten zufolge als Entschädigung sechs Milliarden Euro gefordert haben. Obwohl das Münchner Oberlandesgericht die Entscheidung als letztinstanzlich erklärt hatte, versuchten die Bank und ihr Aufsichtsratschef wegen Verkürzung des Rechtsweges beim Bundesgerichtshof Beschwerde einzulegen. Im Februar gab es dazu noch keine Entscheidung.
Kirch hat auch in den USA gegen Breuer und die Bank Klage eingereicht.

Der Einsturz der Philipp Holzmann AG richtig verstehen – detailliertere Information

So manchem Banker, der am 21. März 2002 einen Blick aus seinem eleganten Hochhausbüro im Frankfurter Finanzdistrikt riskiert hat, dürften die Szenen, die sich unten auf der Straße abspielten, ein Dejä-vu-Erlebnis beschert haben. Sie blickten auf einen Zug von rund 500 verzweifelten Bauarbeitern der Philipp Holzmann AG, die mit Trillerpfeifen und Fahnen noch einmal die Aufmerksamkeit der Geldmanager auf ihre Existenznöte lenken und an das Gewissen der Frankfurter Banker appellieren wollten: Holzmann muss leben, beschworen die Demonstranten immer wieder. Bei so vielen bedrohten Arbeitsplätzen darf es nicht nur um das Geld gehen, mahnte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des angeschlagenen Baukonzerns bei einer Kundgebung vor dem Portal der Dresdner Bank.

Die Banken senken den Daumen
Das gab es schon einmal: Im November 1999 hatten sich die Holzmann-Mitarbeiter ebenfalls bis zur Höhle der Kreditlöwen vorgewagt und für den Erhalt des Traditionsunternehmens demonstriert. Auch damals hatten sich die Kreditmanager der deutschen Großbanken stur gestellt. Erst als der Kanzler kam und 250 Millionen € als Sonderkredite und Bürgschaften aus Steuermitteln zur Verfügung stellte, konnten sich die Banker an ihre soziale Verantwortung erinnern: Holzmann durfte weitermachen.

Doch dieses Mal war alles anders. Gerhard Schröder kam nicht und die Banken – allen voran Commerzbank, Dresdner Bank und HypoVereinsbank senkten am 20. März 2002 den Daumen. Um 17.09 Uhr des folgenden Tages stellte der Bauriese, der vor mehr als 153 Jahren gegründet wurde, den Antrag auf Insolvenz wegen Zahlungungsunfähigkeit. 23.000 Arbeitsplätze im In- und Ausland stehen auf der Kippe.

Die Belegschaft ist wütend und frustriert. Viele von den 10.000 in Deutschland Beschäftigten haben kaum Chancen auf einen neuen Job, die Bauwirtschaft steckt in einer schweren Krise. 85.000 Arbeitsplätze sind allein im vergangenen Jahr durch Pleiten von kleinen und mittleren Betrieben verloren gegangen. Besonders bitter für die Holzmann-Mitarbeiter ist, dass das Überleben des Konzerns an einer Finanzspritze von nicht einmal 200 Millionen Euro hing. Rund 100 Millionen Euro hatten ausländische Investmenthäuser bereits zugesagt. Den von Bundeskanzler Schröder 1999 versprochenen Kredit und die Bundesbürgschaft hatte der Konzern nicht einmal in Anspruch genommen. Das von der Kreditanstalt für Wiederaufbau bereitgestellte Darlehen von 150 Millionen € ist verfallen. Die Bundesbürgschaft von 100 Millionen € konnte Holzmann nicht in Ansprach nehmen, weil erst die laufenden Bankkredite ausgeschöpft werden müssen.

Ein Denkzettel für die Deutsche Bank?
Viele Mitarbeiter des einstigen Branchenführers werden deshalb den Verdacht nicht los, dass sie zum Spielball eines besonders perfiden Machtgerangels in der deutschen Bankenwelt geworden sind. So wollte die Deutsche Bank dem Konzern, der 2001 einen Verlust von 237 Millionen Euro erwirtschaftet hat, noch eine Überlebenschance gewähren und hatte sogar ein weiteres Sanierungskonzept vorgelegt. Doch Commerzbank, Dresdner Bank und die HypoVereinsbank ließen den Branchenführer im Geldgewerbe hängen.

War die Verweigerung der Konkurrenten am Ende gar ein Denkzettel für das Debakel um Kirch, bei dem die Deutsche Bank das Startsignal für die Zerschlagung des Imperiums gegeben hatte? Nach dem Motto: Schlägst du unseren Kirch, hauen wir deinen Holzmann? Die Deutsche Bank handelte im Fall des Münchner Medienunternehmens aus einer relativ gut gesicherten Position: Sie hatte ihre Kredite an den Medienmogul mit dessen Anteil am Springer-Verlag abgedeckt. Die anderen Kirch-Gläubiger-Banken stehen weniger gut da.

Bei Holzmann hingegen steckt Deutschlands größtes Geldhaus in der Bredouille: Die Bank hat nicht nur die meisten Kredite gegeben, insgesamt sollen es 320 Millionen Euro gewesen sein, sie ist mit einem Anteil von 28 Prozent auch der Großaktionär bei Holzmann – der belgische Gevaert-Konzern hält noch einen Anteil von 13 Prozent. War die Rettungsaktion im November 1999 nicht doch nur ein Aufschub gewesen, um den drohenden Zusammenbrach noch so lange hinauszuzögern, bis sich ein Käufer für den Anteil gefunden hat und die Bank aus dem Schneider gewesen wäre? Sollte im März 2002 also vor allem die Deutsche Bank in ihre Schranken gewiesen werden oder geht es vielleicht doch um eine aus rationalen Erwägungen notwendige Korrektur einer Fehlentscheidung?

Diese Fragen drängen sich nicht nur den Mitarbeitern der Philipp Holzmann AG auf. Zu viele Ungereimtheiten machen den Fall Holzmann auch zu einem Exempel für nachlässige Aufsicht und Kontrolle von Unternehmen und den Missbrauch von Bankenmacht.

Die Pleite bahnt sich an
Anzeichen für den Niedergang des alteingesessenen Baukonzerns gab es schon lange. Bereits 1995 geriet Holzmann in die Schlagzeilen: Schieflagen im Immobiliengeschäft mit leichtsinnig hohen Mietgarantien erforderten erhebliche Wertberichtigungen, Risikovorsorge und Ergebniskorrekturen von rund einer halben Milliarde €, die den operativen Gewinn bei weitem übertrafen. Ein Jahr später trübten Verluste bei der Holzmann-Tochtergesellschaft Deutsche Asphalt, den Niederlassungen in Sachsen und Thüringen sowie den Auslandsfirmen Nord France S.A. und Philipp Holzmann (Thai) Ltd. das Ergebnis. Die angekündigte Wende blieb aus. Der Konzern rutschte weiter ins Minus: Zum Betriebsverlust von rund 300 Millionen € kamen noch weitere 700 Millionen € an Abschreibungen, Forderungsverzichten, Wertberichtigungen und Strukturaufwendungen. Der Erlös aus dem Verkauf von Beteiligungen, Anlagevermögen und rund 4.000 Wohnungen konnte den Verlust nicht auffangen. Deshalb wurden Bewertungsspielräume von 432 Millionen € genutzt. Durch diese Bilanzkosmetik wollte man Zeit gewinnen, um weitere Immobilien zu besseren Bedingungen veräußern zu können.

1997 beschleunigte sich die Talfahrt: Neue Verluste aus Frankreich und Thailand sowie Bilanzvorsorge addierten sich zu einem Defizit von 1,52 Milliarden €. Der neue Aufsichtsratsvorsitzende Carl Ludwig von Boehm-Bezing, der immerhin seit 1992 als einfaches Mitglied in dem Gremium gesessen hatte, versprach den Aktionären, bei Holzmann aufzuräumen. Doch Boehm-Bezing war ein viel beschäftigter Mann, er gehörte insgesamt 19 Aufsichts- und Kontrollgremien an – darunter auch den Gremien von Schwergewichten wie dem italienischen Autobauer Fiat, dem neu fusionierten Stahlriesen Thyssen-Krupp und dem Energiekonzern RWE.

Zum Zeichen des Kurswechsels besetzte Boehm-Bezing, im Hauptberuf Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und dort zuständig für die Immobiliengeschäfte, die Führungsspitze neu. Heinrich Binder, ein ehemaliger Manager der Deutsche-Bank- Beteiligung Metallgesellschaft wurde an die Spitze des Baukonzerns berufen. Ein fataler Missgriff, wie sich bald zeigen sollte.

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel schilderte Binders Wirken in dem schwer angeschlagenen Baukonzern folgendermaßen: Auf Baustellen haben die Holzmänner ihren Vorstandschef Heinrich Binder nur selten gesehen. Den Respekt der Belegschaft verspielte der Jurist schon in den ersten Wochen seiner Amtszeit mit peinlicher Protzerei. Für seine Sekretärin belegte er ein ganzes Vorstandszimmer im teuer renovierten Stammsitz – trotz Platznot. Bei Dienstreisen bevorzugte er gern das erste Haus am Platz, mokieren sich Mitarbeiter.

Binder und seine Vorstandskollegen hätten – so Der Spiegel weiter – auch peinlich darauf geachtet, in dem maroden Konzern nicht zu kurz zu kommen. Deshalb sicherten sie sich nach ihrem Eintritt in die Gesellschaft einen schönen Zusatzverdienst. Rainer Klee kassierte 1998 für Aufsichtsratsposten bei Holzmann-Töchtern 80.000 € und 24.000 Dollar. Bei Johannes Ohlinger waren es noch 5.000 € mehr. Je 30.000 € strichen beide allein von der Philipp Holzmann Grundbesitz GmbH ein – dabei war die erst im Dezember gegründet worden. Bei der völlig maroden Bauprojekt GmbH gab es das gleiche Salär – ihre Vorgänger im Aufsichtsrat waren dagegen noch leer ausgegangen. Noch im Sommer bat auch Binder seinen Aufsichtsrat um mehr Geld. Die Kontrolleure gewährten ihm eine stattliche Tantieme – gerade noch rechtzeitig vor Bekanntwerden des 2,4-Milliarden-Lochs.

Und der Aufsichtsrat wusste von nichts Während es sich Binder und seine Kollegen wohl ergehen ließen, kam der angeschlagene Konzern in immer größere Nöte. Die angekündigte Kehrtwende fand nicht statt. 1998 schließlich engagierte Aufsichtsratschef Boehm-Bezing die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Schitag Ernst Et Young für ein Sondergutachten zur Lage von Holzmann.

Doch bevor die Ergebnisse öffentlich bekannt wurden, kam es am 15. November des Jahres 1999 zum ersten Crash bei dem Bauriesen. Per Ad-hoc-Meldung an die Börsen berichtete der Vorstand der Philipp Holzmann AG, dass es eine bedrohliche finanzielle Schieflage gäbe, die nur durch weitere( Bankkredite behoben werden könne. Der Fehlbetrag belief sich auf 2,4 Milliarden €, der Konzern war überschuldet, frisches Kapital von drei Milliarden € war nötig, um den Riesen weiterhin am Leben zu halten.

Boehm-Bezing zeigte sich von der Entwicklung überrascht. Der damals 59-jährige Bankier lehnte jede Mitschuld am Desaster ab. Die Wirtschaftsprüfer seien zu kurz gesprungen, monierte der Jurist, sie hätten in ihrem im Mai 1999 präsentierten Zahlenwerk nicht die jüngsten Zahlen und Ergebniserwartungen, sondern nur die Verluste aus den Holzmann-Geschäften bis Ende 1997 geprüft. Das seien jedoch die bekannten Altlasten gewesen. Die Prüfer kamen hingegen zu einem anderen Ergebnis, als sie auch die jüngsten Geschäfte der Holzmann AG begutachteten. Sie entdeckten weitere Fehlbeträge von 2,4 Milliarden €, von denen der Aufsichtsratsvorsitzende trotz seiner langjährigen Mitgliedschaft im Kontrollgremium nichts mit bekommen haben wollte.

Kein Hinweis auf Fehlbeträge?
Das konnten selbst gutwillige Kollegen kaum glauben, denn an Hinweisen auf erhebliche Verluste in dreistelliger Millionenhöhe hatte es bereits im Sommer 1999 nicht gefehlt. Dennoch wurden dem Kontrollgremium auf der Sitzung am 17. September nur die Geschäftsergebnisse bis 30. Juni 1999 vorgelegt, aber keine Prognosen über den Verlauf des restlichen Jahres und auch keine Hinweise über mögliche Fehlbeträge. Auf Nachfragen nach konkreteren Informationen hätte es keine Antwort gegeben, sagten Aufsichtsräte nach der Sitzung.

Auch zu jenem Zeitpunkt will der Aufsichtsratschef nichts von dem sich anbahnenden Desaster erfahren haben. Erst im November sei schließlich die gesamte Wahrheit auf den Tisch gekommen, weil er sich so intensiv um Aufklärung gekümmert habe, wie der Banker nicht müde wurde, immer wieder zu betonen. Nun sei, Holzmann aber durchgeputzt, die Untiefen ausgelotet, der Unrat gefunden, versprach der Oberkontrolleur den Vertretern der Banken, als sie am 19. November 1999 über die Lage des Konzerns berieten. Das Sanierungskonzept, das Vorstandschef Binder vorlegte, lehnten die Banken nach heftiger Diskussion jedoch ab. Binder musste am 23. November den Insolvenzantrag stellen. Die Mitarbeiter von Holzmann gingen auf die Straße.

Der Kanzler springt in die Bresche
Am 24. November 1999 nahte die Rettung: Bundeskanzler Gerhard Schröder versprach die Sonderkredite sowie eine Bundesbürgschaft. Die Banken beugten sich dem politischen Druck. Holz- mann-Chef Binder zog den Insolvenzantrag zurück und trumpfte sofort wieder auf: Holzmann ist kerngesund, erklärte er auf die Frage von Commerzbank-Vorstand Klaus-Peter Müller nach einem Sanierungskonzept. Am 9. Dezember 1999 wurde Binder endlich gefeuert. Boehm-Bezing blieb allerdings – noch.

Den neuen Vorstandschef Konrad Hinrichs hatte der Baulöwe
Ignaz Walter im Auftrag von Boehm-Bezing in Südfrankreich aufgestöbert. Dorthin hatte sich der frühere Chef der Baufirma Züblin, einer Tochtergesellschaft von Walterbau, schon mit 59 Jahren zurückgezogen, um seinen Ruhestand zu genießen. Dennoch ließ sich der Bauingenieur noch einmal verpflichten – für eine eher hoffnungslose Aufgabe. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung, die am 30. Dezember 1999 stattfand, mussten zunächst die Aktionäre bluten: Um die ausgezehrte Gesellschaft mit frischem Kapital zu versorgen, wurde ein radikaler Kapitalschnitt mit gleichzeitiger Nachschusspflicht für die Aktionäre vorgenommen. Das brachte 1,265 Milliarden € in die Konzernkasse.

Doch schon damals wussten alle Beteiligten, dass bei der Generalabrechnung nicht sämtliche Verluste gebeichtet worden waren, ein weiterer Fehlbetrag von 300 Millionen musste aus dem frisch aufgefüllten Eigenkapital gedeckt werden. Am 31. Januar 2000 wurde auch Boehm-Bezing durch den ehemaligen RAG-Vorstandsvorsitzenden Gerhard Neipp abgelöst.

Unentgeltliche Mehrarbeit für die Mitarbeiter
Hinrichs Sanierungsplan sah den Abbau von 6.000 Arbeitsplätzen allein in Deutschland vor, außerdem musste die Belegschaft fünf Stunden pro Woche mehr arbeiten – unentgeltlich. Das undurchschaubare Geflecht von 600 Tochterfirmen und Beteiligungsgesellschaften im In- und Ausland wurde auf die Hälfte reduziert und die Leitung der US-Töchter von New York wieder nach Deutschland verlegt – ohne Erfolg. Obwohl Hinrichs immer wieder schwarze Zahlen versprach, am Jahresende stand immer ein Minus, das immer viel größer ausfiel als erwartet – im Februar 2002 waren es wieder 237 Millionen Euro.

Für erfahrene Manager sind solche Fehlprognosen ein klares Indiz für grobe Mängel im Controlling einer Gesellschaft. Hinrichs hielt sich mit diesen Finessen nicht mehr auf, er vollzog im Februar den bereits im September 2001 angekündigten Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats. Als Holzmann Insolvenzantrag stellte, war Hinrichs nicht zu erreichen. Diese Aufgabe musste der Finanzmanager Johannes Ohlinger übernehmen. Einen neuen Vorstandschef gab es nicht. Hinter den Kulissen hatte die Deutsche Bank noch im Herbst versucht, ihre Anteile an dem maroden Konzern zu veräußern oder mit einem profitableren Konkurrenten zu verschmelzen. Dieser Plan schlug fehl, die schwache Baukonjunktur machte den Bankern einen Strich durch die Rechnung.

Der Primus auf der Anklagebank
Für die Deutsche Bank hat das Holzmann-Debakel neben dem bereits entstandenen Imageverlust noch ein gerichtliches Nachspiel. Die belgische Gevaert-Gruppe hat Klage gegen die Bank erhoben. Die Belgier hatten 1998 über die Tochterfirma Gebema einen Anteil von rund 30 Prozent an Holzmann erworben – ein Jahr vor der Beinahepleite im November 1999. Als die Hintergründe der Existenzkrise, die Schlampereien im Aufsichtsrat und die Machenschaften des Vorstands ans Licht kamen, fühlte sich Gevaert von der Deutschen Bank, dem anderen Großaktionär und Hauptkreditgeber des Konzerns, falsch informiert, erklärte der ehemalige Chef des belgischen Konglomerats, Andre Leysen, das Vorgehen gegenüber dem Handelsblatt. Leysen gehörte bis zum 27. Mai 2000 selbst dem Holzmann-Kontrollgremium an und hat die Deutsche Bank und Holzmann im März 2000 auf Prospekthaftung verklagt und fordert 165 Millionen Euro Schadensersatz.

Bisher hatte der auch in Deutschland geschätzte Manager mit seiner Klage wenig Erfolg. Erst wurde der Beginn des Verfahrens um mehrere Monate verzögert, weil die Zuständigkeit nicht geklärt werden konnte, dann beschloss das Gericht im Juni 2001 ein Sachverständigengutachten einzuholen. Seit Ende Dezember 2001 – und nicht erst seit dem Insolvenzantrag – liegt das Verfahren auf Eis, berichtet ein Mitarbeiter der BDO Deutsche Warentreuhand, die das Gutachten erstellen sollte. Zunächst wollte das Frankfurter Landgericht den Parteien Gelegenheit geben sich zu äußern. Nun verweist es auf den Insolvenzantrag, dadurch sei die Teilklage gegen Holzmann unterbrochen und müsse abgekoppelt werden. Ein für Wirtschaftsanwälte nicht gerade übliches Vorgehen. Denn das eigentliche Verfahren gegen die Deutsche Bank ist von der Insolvenz völlig unberührt6, zitiert das Handelsblatt einen Wirtschaftsjuristen.

Ein außergerichtlicher Vergleich ist auch nicht in Sicht. Mit Verwunderung hat Leysen indessen registriert, dass sich die Deutsche Bank Ende 2001 mit sechs Altvorständen von Holzmann verglichen habe. Den Herren waren kriminelle Machenschaften wie Falschinformation des Aufsichtsratsvorsitzenden und Deutsche- Bank-Vorstands Boehm-Bezing vorgeworfen worden. Leysens Kommentar zu diesem Vorfall: Mit den Tätern vergleicht man sich, mit dem Opfer nicht.

Geschichte über Infomatec – die Pleite eines Börsenlieblings

Wie schlampig, ja geradezu fahrlässig Banken, Börsenaufsicht, Wirtschaftsprüfer und Analysten die Börsendebütanten bisweilen geprüft haben, wird mit jeder Pleite am Neuen Markt deutlicher. Ob die Firmen ihr Geld wert waren, wurde in jenen Tagen des Börsenhypes nicht abgeklopft. Kaum einer der Börsenprofis kam offenbar ins Grübeln, als der Film- und Markenrechtehändler EM.TV, eine junge Firma ohne unternehmerische Erfolgsbilanz und mit ein paar Hundert Mitarbeitern, gemessen am Börsenwert damals mehr wert war als die Deutsche Lufthansa, einer der Branchenführer mit einer Luftflotte neuester Jets und 70.000 Mitarbeitern.

Die Analysten der Investmentabteilungen, die eigentlich zu kritischer Überprüfung der börsennotierten Unternehmen verpflichtet sind, beriefen sich für ihre Kaufempfehlung oft nur auf Informationen der Unternehmensleitung. Der Zulassungsausschuss der Deutschen Börse AG prüft die geforderten Unterlagen auf Vollständigkeit, aber nicht auf ihre inhaltliche Richtigkeit. Anschließend wird kassiert: Die Bank gibt ihre Anteile zu Vorzugskursen an die Alteigentümer zurück und streicht ihre Provision ein, Fondsmanager, die das Wertpapier in ihre Portfolios nehmen, verdienen an den Ausgabeaufschlägen und Verwaltungsgebühren, und die Altaktionäre sind plötzlich nicht mehr Inhaber einer fragwürdigen Pleitefirma, sondern an einem viel versprechenden Millionenunternehmen beteiligt. Wenn dann noch die Finanzmarktmedien Gefallen an der Aktie fanden, ließ sich der Strom von Anlegerkapital kaum noch aufhalten.

Wie leicht es Firmengründern gemacht wurde, sich durch Aktienplatzierungen am Neuen Markt zu bereichern, enthüllt der Fall der Augsburger Infomatec AG, bei der Hunderte von Kleinanlegern insgesamt 300 Millionen € verloren haben.

Wettlauf in die Pleite
Der Fall Infomatec AG geriet zu einem Lehrstück für Kleinaktionäre und Wirtschaftsjuristen: Selten konnte bisher in einer Aktiengesellschaft eine ähnliche Häufung von dubiosen Machenschaften, peinlichen Pannen sowie Schlampereien bei den Firmengründern, ihren Wirtschaftsprüfern und den beteiligten Banken beobachtet werden. Der Krimi um die Firma, die sich in dem Augsburger Vorort Gersthofen angesiedelt hatte, begann Mitte der 90er Jahre. Bei einem Stammtisch für Unternehmensgründungen erhielten die beiden Unternehmer Alexander Häfele und Gerhard Harlos wohl die entscheidenden Tipps zur Kapitalbeschaffung und zur Mehrung ihres persönlichen Wohlstands. Ein Finanzberater bot sich an, ihnen einen Businessplan für den Börsengang auszuarbeiten. Ein Geschäftsmann mit besten Kontakten zur WestLB war auch zur Stelle. Danach war alles ganz einfach. Die Bank übernahm die fünf Firmen, die Harlos und Häfele bereits gegründet hatten, zahlte die bisherigen Gesellschafter aus und schoss einen Kredit für den Börsengang vor. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Haarmann, Hemmelrath ft Partner wurde beauftragt, ein Gutachten zu erstellen. Darin sollten die Experten untersuchen, ob der Wert von fünf kleineren Beratungs und Internetfirmen, die Harlos und Häfele in die Dachgesellschaft Infomatec (Integrated Information Systems AG) eingebracht hatten, eine Kapitalerhöhung um rund 16,5 Millionen € durch Ausgabe von 5,4 Millionen neuer Aktien absichert.

Risiken klein gerechnet
Ende 1997 kamen die Kontrolleure zu dem Schluss, dass die fünf Gesellschaften, die die Infomatec-Chefs Harlos und Häfele als Sacheinlage einbringen wollten, durchaus einen Wert von 207,575 Millionen € darstellen könnten – allerdings nur bei sehr günstigem Geschäftsverlauf. Bei Zugrundelegung eines pessimistischen Szenarios, in welchem die Erträge und Aufwendungen des Geschäftsbereichs Internet unberücksichtigt blieben, die Entwicklungsaufwendungen auf zehn Prozent des Umsatzes festgelegt wurden, die durchschnittliche Auslastung der Mitarbeiter im Beratungs und Schulungsbereich von 200 auf 180 Tage reduziert wurde sowie die durchschnittlichen Personalaufwendungen von 106.000 € pro Jahr auf 120.000 € pro Jahr erhöht wurden, ergab sich nach Rechnung der Wirtschaftsprüfer nur noch ein Unternehmenswert von 92 Millionen €.

Nach Ansicht der Gutachter war das aber genug, umweiterhin den Umfang der Kapitalerhöhung von 16,5 Millionen € abzudecken. Doch potenzielle Infomatec-Anleger hätte eine Herabstufung des Unternehmenswerts um rund 50 Prozent bei geringfügiger Verschlechterung der Geschäftsentwicklung wohl eher abgeschreckt – wenn sie diese Risiken denn gekannt hätten.

Die Bank hielt Informationen zurück
Im Verkaufsprospekt, in dem die WestLB als Emissionspartner potenziellen Anlegern die wirtschaftliche Lage des Unternehmens schilderte und die Bedingungen für den Erwerb von 5,64 Millionen Inhaber- und Stückaktien erklärte, werden die unterschiedlichen Prognosen aber nicht erwähnt. Für die Wirtschaftsprüfer kein ungewöhnlicher Vorfall: Da wäre ja die Bank verrückt, wenn man Aussagen über den Unternehmenswert reinschreibt, so Hansjörg Zeiger, Wirtschaftsprüfer bei Haarmann, Hemmelrath ft Partner und einer der Verfasser der Infomatec-Expertise.

Daran hatten die WestLB und die von ihr protegierten Infomatec-Chefs auch kein Interesse. Die Platzierung von 4,7 Millionen Aktien sollte mindestens 240 Millionen € einspielen. Bei dem ursprünglich anvisierten Aktienkurs von 60 € wären sogar 282 Millionen € zusammengekommen. Tatsächlich lag der Emissionspreis bei 53 €. Die WestLB hat dabei gut verdient: Ihre Provision aus dem Börsengang betrug rund 8,5 Millionen €.

Zweifel an der Arbeit von Haarmann, Hemmelrath ft Partner hatte keiner der Beteiligten. Die Banken nicht, die Analysten nicht und auch nicht die Börsenaufsicht. Man ziehe bei der Bewertung von Unternehmen die üblichen Planungsverfahren wie Cashflow-Entwicklung und dergleichen heran, die auch Analysten bei der Bewertung von Unternehmen für ihre Kursprognosen nutzen. Diese Experten wiederum verließen sich auf die Informationen, die die Infomatec-Führung ihnen zur Bewertung präsentierte. So konnte das Blendwerk prächtig funktionieren.

Fahrlässige Gutachter
Erst knapp vier Jahre später wurden die Ergebnisse der Wirtschaftsprüfer zur Lage der Unternehmensgruppe vor dem Börsengang noch einmal untersucht. Zu diesem Zeitpunkt hatte Infomatec längst Konkurs angemeldet, und gutgläubige Anleger hatten ihre Einsätze verloren. Im Auftrag der Augsburger Staatsanwaltschaft, die gegen die Infomatec-Gründer Harlos und Häfele wegen Kapitalanlagebetrugs ermittelte, wurde der Münsteraner Betriebswirtschaftsprofessor Klaus Röder mit dieser Aufgabe betraut. Röder kam zu überraschenden Erkenntnissen: Die Infomatec AG, die im Mai 1998 durch Zusammenführung von fünf kleineren Firmen entstanden war, hätte schon damals als ein hoffnungsloser Kandidat für den Gang an die Börse – im Börsenjargon auch Initial Public Offering (IPO) genannt – angesehen werden müssen: Mit zwei insolventen beziehungsweise der Insolvenz nahe stehenden Gesellschaften wäre ein Börsengang nicht möglich gewesen. Die gesamte Firmengruppe habe wegen ihrer Kapitalverflechtungen und zahlreicher Scheingeschäfte vor dem Konkurs gestanden.

Zu diesem für die verantwortlichen Banker und Wirtschaftsprüfer vernichtenden Urteil kommt der Finanzwissenschaftler nach einer Analyse des Gutachtens, das die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Haarmann, Hemmelrath Ö Partner angefertigt hatte. In diesem Schriftstück, auf das sich auch die Infomatec-Emissionsbank WestLB in ihrem Börsen- und Verkaufsprospekt beruft, hatten die Wirtschaftsprüfer dem Unternehmen wie bereits erwähnt noch einen Gesamtwert von 207 Millionen € attestiert.

Die Rechnung geht nicht auf
Röder kommt bei seiner Rechnung nur auf einen Firmenwert von 5,324 Millionen €. Durch Scheingeschäfte, unzulässig niedrige Risikozuschläge und allzu optimistische Prognosen der künftigen Zahlungsströme seien die Unternehmenswerte der fünf Firmen aufgebläht worden. Die Berechnungen im Gutachtenentwurf weisen einen Rechenfehler auf, der auf der Basis des prognostizierten Cashflows zu einer Überbewertung der Gesellschaften um 192.000€ führt.“ Dabei hätten die Wirtschaftsprüfer von Haarmann, Hemmelrath H Partner die Angaben der Firmenchefs Harlos und Häfele zur Entwicklung der Zahlungsströme (Cashflow) ab 2001 ohne Plausibilitätsprüfung übernommen, obwohl diese Kennziffer im Kalenderjahr 2001 bei allen Gesellschaften durch einen starken Anstieg gegenüber dem Vorjahr gekennzeichnet ist, so das Resümee des Betriebswirtschaftlers Röder: Dadurch bleibt nach Berechnung im Gutachtenentwurf ein wesentlicher Wertbeitrag in Höhe von insgesamt 191,778 Millionen € ungeprüft.

Schwere Mängel entdeckte Röder auch in der Bewertung des Risikos, das in den kalkulatorischen Zinsen ausgedrückt wird. Die Gefahr, dass die prognostizierten Geschäfte, Umsätze und Gewinne nicht erzielt werden können, spiegelt sich normalerweise im reduzierten Unternehmenswert wider. Die Wirtschaftsprüfer von Haarmann, Hemmelrath ft Partner hätten lediglich mit einem Zins von rund zwölf Prozent diskontiert, üblich wären bei Neugründungen aber 25 Prozent gewesen. Röders Fazit: Die im Gutachtenentwurf angesetzten Kalkulationszinsen spiegeln das Risiko der prognostizierten Cashflows nicht angemessen wider.

Um die vernichtende Kritik von Professor Röder an ihrer Arbeit zu entkräften, hatte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Haarmann, Hemmelrath ft Partner ein neues Gutachten in Auftrag gegeben. Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Ballwieser vom Seminar für Rechnungswesen und -prüfung im Department für Betriebswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München kam in seinem 48 Seiten umfassenden Gutachten zur Bewertung von Unternehmen der Infomatec-Gruppe durch Haarmann, Hemmelrath ft Partner am B. Mai 1998 zu dem folgenden Ergebnis: Die wesentlichen Vorwürfe von Röder sind nicht berechtigt; seine eigenen Rechnungen sind nicht begründet.

Wie zwei Experten zu so unterschiedlichen Bewertungen kommen, zeigt sich am Beispiel der von Röder monierten kalkulatorischen Zinsen, die seiner Ansicht nach bei einem Venture-Capital- Projekt mit rund 25 Prozent angesetzt werden müssten, aber von Haarmann, Hemmelrath nur mit zwölf und 12,5 Prozent berechnet wurden. Ballwieser führt nun aus, dass in der Literatur höchst unterschiedliche Sätze für junge Unternehmen in ihren einzelnen Entwicklungsstadien angegeben werden, die zwischen 15 und 50 Prozent liegen können, je nach der Höhe des Risikos. Nach detaillierter Abwägung kommt der Gutachter dann zu dem Schluss, dass ein Satz von 13,5 Prozent durchaus angemessen sei und von den in drei Fällen im HHP-Gutachten verwendeten Diskontierungssätzen von zwölf Prozent und 12,5 Prozent nicht sehr weit entfernt.

Ebenso akribisch beschäftigt sich Ballwieser mit der Fragestellung, ob es sich bei der Gründung der Infomatec Information Systems AG überhaupt um ein Venture-Capital-Projekt gehandelt habe, wovon Röder in seinem Gutachten noch ausgeht: Die Geschäftsbeziehung zwischen der WestLB und Infomatec weist die klassischen Merkmale einer Venture-CapitalBeziehung auf. Ein externer Kapitalgeber beteiligt sich mit Eigenkapital an einer jungen Gesellschaft, mit dem Ziel mit einem Ertrag auszusteigen, der eine Vergütung für das eingegangene Risiko erwarten lässt.

Ballwieser sieht das anders, seine Argumentation gibt aber auch interessante Hinweise auf die wahren Absichten der Unternehmensgründer Häfele und Harlos: Die WestLB wurde nach Auskunft von Herrn Zeiger aus steuerlichen Gründen als Eigentümer an der neu zu gründenden IIS AG eingeschaltet. Harlos und Häfele sollten ihre Anteile in die IIS AG einbringen, hierbei jedoch keine steuerschädliche Aufdeckung stiller Reserven erleiden. Um die Einbringung handelsrechtlich zu höheren als Buchwerten, steuerlich jedoch nur zu Buchwerten zu realisieren, hat man die IIS AG mehrheitlich von der WestLB gegründet. Von den 20.400 Stückaktien im Nominalwert von fünf € hielt die WestLB 20.000, Häfele und Harlos hielten je 200 Stück. Der Emissionsvertrag für Aktien der IIS AG sah vor, dass die von der WestLB bei Gründung übernommenen Aktien wieder verkauft werden sollten. Ankauf- und Verkaufskurs wurden nach Auskunft von Herrn Zeiger als identisch geplant. Das passt zu der Absicht zum damaligen Zeitpunkt, eine steuerschädliche Aufdeckung stiller Reserven zu vermeiden, nicht aber zu dem Verhalten von Venture-Capital- Gebern. Vom Landgericht Augsburg wurde im Sommer 2002 noch ein Obergutachten bestellt.

Das verschwundene Gutachten
Erstaunlich ist allerdings, dass die Luftbuchungen der Infomatec – Gründer beim Börsendebüt dem Zulassungsausschuss der Deutschen Börse AG nicht aufgefallen sind. Verwirrend ist auch, dass das Haarmann-Hemmelrath-Gutachten im Original nicht aufzufinden war. Selbst das emittierende Bankhaus – die WestLB – hat erst im Januar 2001 ein testiertes Exemplar des ursprünglichen Gutachtens erhalten. Der EIHP-Prüfer Zeiger schrieb dazu: In der Anlage erhalten Sie unser Gutachten zum Unternehmenswert der Infomatec Gesellschaften zum Bewertungsstichtag 31. Dezember 1997/1. Januar 1998. (…) Ich möchte darauf hinweisen, dass die Durchsicht unserer Korrespondenz ergeben hat, dass das Gutachten uns als Entwurf, d. h. nicht in einer unterschriebenen Form, an Infomatec ausgeliefert wurde.

Im Prospekt zum Börsendebüt von Infomatec berief sich die WestLB aber auf ein Gutachten vom 15. Mai 1998 der Haarmann, Hemmelrath Et Partner GmbH, Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und Steuerberatungsgesellschaft, München. Tatsächlich gibt es nur ein Gutachten vom 8. Mai 1998. Haarmann, Hemmelrath ft Partner behauptete aber, dass es nur dieses Gutachten vom B. Mai gebe und dass die Datumsangabe im Börsenprospekt ein Tippfehler sei.

Gepflegte Kurse
Dies waren nicht die einzige Ungereimtheit im Fall Infomatec. Kaum hatten die Unternehmensgründer die Aktien ihrer Klitsche am Neuen Markt platziert, als sie auch massive Kurspflege betrieben – so nennen Börsianer Maßnahmen zur Stützung des Aktienwerts. Die Infomatec-Chefs schossen jedoch über das Ziel hinaus. Sie schürten das Interesse der Anleger immer wieder mit falschen oder völlig übertriebenen Meldungen: So hatte Infomatec am 29. Dezember 1998 in einer Ad-hoc-Mitteilung einen Großauftrag über die Lieferung von 30.000 Lizenzen an die neu gegründete Schneider Cybermind Systems AG verkündet. Am 20. Mai 1999 wurde – ebenfalls ad hoc – der größte Deal der Firmengeschichte, ein Millionenauftrag von Mobilcom, angekündigt: Für 55 Millionen € (28,1 Millionen Euro) habe Deutschlands zweitgrößter netzunabhängiger Mobilfunkanbieter per Rahmenabkommen Surfstationen und JNT-Lizenzen geordert.

In einer dritten Ad-hoc-Meldung verkündete Infomatec dann einen weiteren Großauftrag über rund 55 Millionen € mit der Global Wellcom AG, einer Vertriebsorganisation mit über 5.000 Mitarbeitern, die in den Bereichen Telekommunikation und Internet tätig ist. Am 16. November 1999 wurde ein vierter Deal veröffentlicht. Diesmal sollte die Worldwide Database Company Ltd. für 50 Millionen € JNT-Lizenzen bestellt haben.

Die Meldungen verfehlten nicht ihre Wirkung auf den Börsenkurs: Vom Ausgabepreis von 27,10 Euro am 7. Juli 1998 stieg er auf 126,55 Euro Anfang November 1998 und erreichte mit 263 Euro im Februar 1999 seinen Höchststand. Nach dem Aktiensplit im Verhältnis von 1:5 im August 1998 attestierten Analysten dem Unternehmen nach ausführlichen Gesprächen mit der Firmenleitung noch im März 2000 ein Kurspotenzial von 60 Euro, was einem ungesplitteten Kurswert von 300 Euro entsprach.

Die glänzenden Aufträge wurden jedoch nie realisiert. Im August 2000 kursierten vielmehr Gerüchte, dass die Verträge gar nicht existierten oder aber die Auftragssummen deutlich überzogen seien. Erst am 29. August 2000, nachdem längst Presseberichte die Jubelmeldungen entzaubert hatten, entschloss sich schließlich auch das Infomatec-Management zu einer Korrektur der Megadeals. Der Mobilcom-Auftrag schrumpfte von 100.000 Surfstationen auf magere 14.000 Geräte, der Vertrag mit Global Wellcom entpuppte sich als vage Vereinbarung, 100.000 Surfstationen gemeinsam zu vermarkten. Und die Bestellung von Worldwide Database im Wert von 50 Millionen € zerplatzte gar wie eine Seifenblase. Aus diesem Projekt sind keine weiteren Umsätze mehr zu erwarten, ließ das Unternehmen am 29. August 2000 lapidar mitteilen – zusammen mit der Nachricht, dass für das Jahr 2000 nun mit einem Umsatz von 50,1 Millionen Euro und einem Ergebnis von minus 25,9 Millionen Euro zu rechnen sei.

Die Folge: Der Börsenkurs sackte weg, die Infomatec-Anleger sahen ihre Investitionen dahinschmelzen. Die Vorstände Harlos und Häfele hatten da bereits vorgesorgt und ansehnliche Batzen ihres Vermögens beiseite geschafft: Im Februar 1999 – also beinahe zum Höchstkurs – hatten sie jeweils 62.500 Aktien verkauft und knapp 29 Millionen € erlöst. Im Juli 2000 veräußerten sie noch jeweils 39.500 Aktien für eine Million € pro Nase.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt
Weder die Aktionäre noch die Analysten wurden im Sommer 2000 darüber informiert, dass die Augsburger Staatsanwaltschaft schon seit Mai 2000 gegen die beiden Firmengründer ermittelte – wegen Insiderhandels, Kursmanipulation und unrichtiger Darstellung von Firmendaten. Im November 2000 wurde schließlich Haftbefehl gegen die beiden Unternehmer erlassen, umfangreiche Kapitalanlagen auf Schweizer Bankkonten legten nach Meinung der Ermittler den Verdacht nahe, dass sich die beiden Manager ins Ausland absetzen wollten. Erst im Mai 2002 wurden die Unternehmer auf Beschluss des Münchner Oberlandesgerichts – zum Ärger der Augsburger Ermittlungsbehörden – wieder aus der Untersuchungshaft entlassen, allerdings nur gegen Kaution und mit der Auflagestrenger Meldepflicht. Die Firma hatte mittlerweile Konkurs angemeldet.

Die Wirtschaftsprüfer von Haarmann, Hemmelrath Et Partner, die das erste Prüfgutachten erstellt hatten, hatten nach der Hauptversammlung von Infomatec im Sommer 1999 das Mandat niedergelegt. Die Begründung, so sagte HHP-Prüfer Hansjörg Zeiger, der Infomatec für den Börsengang begutachtet hatte, im Jahr 2001: Die Infomatec-Chefs Harlos und Häfele waren sich ihrer Verantwortung den Aktionären gegenüber nicht bewusst. Heute füllt das einst so begehrte Unternehmen unzählige Aktenordner bei Anwälten sowie bei Ermittlungsbehörden. Frustrierte Anleger, die den Prognosen von Firmenchefs und Anlageberatern geglaubt und ihnen ihre gesamten Ersparnisse anvertraut haben, wollen jetzt ihr Geld zurück. So mancher hat bereits gegen die Manager des abgewirtschafteten Unternehmens Klage auf Schadensersatz erhoben. Zu Recht, wie der Münchner Rechtsanwalt Klaus Rotter meint: Wie mit dem Kapital der Kleinaktionäre umgegangen wurde, ist die moderne Form der Geldvernichtung.

Leidgeprüfte Kleinanleger
Rotter weiß, wovon er redet, er vertritt Hunderte geschröpfter Kleinaktionäre, die bei Infomatec und EM.TV zum Teil ansehnliche Vermögen eingebüßt haben. Rund 120 Mandanten haben allein bei dem Augsburger Geräte- und Softwareentwickler Infomatec rund 4,3 Millionen € (2,2 Millionen Euro) verloren. Im Einzelfall reicht die Bandbreite der entstandenen Vermögensschäden von 900 bis 518.000 €, berichtet Rotters Sozius Bernd Jochem. Zu den Geprellten gehört auch der Rundfunk- und Fernsehtechniker Adam E. Die Infomatec-Gründer Harlos und Häfele hat er beim Augsburger Oberlandesgericht auf Schadensersatz für seine Investition von 12.000 € (6.136 Euro) verklagt. Aufgrund von falschen Informationen über die zukünftige Geschäftsentwicklung bei Infomatec habe er im April und Mai des Jahres 2000 noch 300 Aktien des Unternehmens zum Preis von 26 Euro gekauft. Den Ausschlag für den Aktienkauf hätten die Meldungen gegeben, in denen das Management den Abschluss von lukrativen Kaufverträgen bekannt gegeben und damit eine glänzende Geschäftsentwicklung in Aussicht gestellt habe.

Am 23. April 2002 hat die Augsburger Staatsanwaltschaft Anklage gegen die einstigen Vorzeigeunternehmer Harlos und Häfele erhoben – wegen Kapitalanlagebetrug, Insiderhandel und Kursmanipulation.

Albtraum Hausbau – wichtige Tipps bei Immobilienfinanzierung

Den Traum vom eigenen Heim hegen rund 80 Prozent aller Bundesbürger. Und viele haben sich auf das Abenteuer eines Hausbaus eingelassen. Niedrige Zinsen und scheinbar günstige Finanzierungen lassen die eigenen vier Wände in greifbare Nähe rücken. Doch für mehr als zwei Drittel aller privaten Bauherren wird das Traumhaus schnell zum Albtraum.

Sie kommen schon während der Laufzeit der ersten Hypotheken in massive Finanzprobleme. Schuld daran sind, so fand die Stiftung Warentest heraus, unseriöse Beratungen durch Banken und Bausparkassen. Im Oktober 1999 ließen sich Mitarbeiter der Stiftung Warentest in 140 Filialen von 20 Kreditinstituten zur Finanzierung eines Eigenheims beraten. Die Gespräche wurden minuziös protokolliert und anschließend von Finanzierungsexperten der Stiftung Warentest ausgewertet.

Das Ergebnis ist für die Kreditinstitute wenig schmeichelhaft: Schlampige Finanzierungspläne, falsche Belastungsberechnungen und mangelndes Fachwissen – jeder dritte Bank- und Bausparkassenberater ist beim Test durchgefallen. Nur in jeder fünften Filiale erhielten die Tester eine gute, in Einzelfällen auch sehr gute Beratung. Jede vierte Beratung war schlicht und einfach mangelhaft.

Zahlreiche Beratungsfehler
Zu den gröbsten Versäumnissen gehörte, dass die günstigen öffentlichen Förderungsdarlehen nicht berücksichtigt wurden – an denen verdienen die Banken ja auch nichts. Häufig wurde auch die Belastung nach Ende der Zinsbindung nicht berechnet oder die Restschuld nicht angegeben. Die ist jedoch das entscheidende Kriterium, um verschiedene Finanzierungsangebote miteinander vergleichen zu können. Auch daran scheinen die Kreditinstitute kein Interesse zu haben. Die Finanzierung wurde darüber hinaus oft nicht richtig berechnet, so dass entweder Finanzierungslücken bestanden oder über den Bedarf hinaus finanziert wurde. So wurden Kredite vergeben, die 20.000 bis 50.000 € zu niedrig oder zu hoch angesetzt waren, in einem Fall sogar um 70.000 € über dem erforderlichen Betrag lagen. Nebenkosten wurden nicht berücksichtigt und das Eigenkapital der Käufer nicht optimal eingesetzt.

Neutralen Rat einholen
Das Testergebnis ist niederschmetternd: Die Experten der Stiftung Warentest empfehlen Bauherren daher dringend sich noch vor dem ersten Spatenstich oder dem Notartermin für den Wohnungskauf bei einer neutralen Stelle zu informieren. Verbraucherberatungen bieten individuelle Baufinanzierungsberatungen an – gegen eine Gebühr kann sich der Häuslebauer von neutraler Stelle über seine Möglichkeiten informieren lassen. Das ist allemal günstiger als einer überteuerten Bankfinanzierung aufzusitzen.

Hypothekenkredite, mit denen der Bau eines Hauses oder der Erwerb einer Immobilie finanziert werden soll, bieten den Banken immer wieder neuen Spielraum für schnödes Abkassieren. In den vergangenen zwei Jahren – als die Zinsen auf ein historisch niedriges Niveau gesunken waren – boten Kreditberater ihren Kunden gerne so genannte Forward-Darlehen an. Mit diesen Überbrückungsdarlehen sollte jenen Kreditnehmern, deren Hypotheken erst in den darauf folgenden zwölf Monaten zur Umschuldung oder Verlängerung anstanden, die Möglichkeit gewährt werden, von dem niedrigen Satz langfristig zu profitieren. Natürlich lassen sich die Banken auch diese Fürsorge kräftig bezahlen – mit einem speziell berechneten Zinsaufschlag, obwohl das Geld noch nicht in Anspruch genommen wird.

Deutsche Bank gebühren und Kredite und der Ruf aus der Europäische Union

Druck auf das deutsche Kreditgewerbe kommt aber auch aus Brüssel. Die EU-Kommission hat Anstoß an der Gebührenpolitik der Banken bei Auslandsüberweisungen genommen. Wann immer Geld offiziell über die Landesgrenzen transferiert wird, werden besonders happige Gebühren fällig. So kostete 1999 eine Auslandsüberweisung selbst im Euroland noch durchschnittlich 24 Euro. Dieses Entgelt für eine simple Leistung in einer Branche, die sich wie keine andere der Internationalisierung ihrer Geschäfte und Globalisierung ihres Marktes verschrieben hat, ärgerte nicht nur Verbraucher und Unternehmer, sondern auch die EU-Kommission. EU-Präsident Romano Prodi machte die grenzüberschreitende Abzockerei zur Chefsache und verlangte eine Angleichung der Gebühren für Auslandstransfers an die Kosten für inländische Überweisungen. Falls das Bankgewerbe nicht von sich aus kooperieren werde, drohte die EU-Kommission mit gesetzlich festgesetzten Einheitsgebühren. Die deutschen Banken protestierten und lehnten dieses Vorhaben, sie könnten Dienstleistungen zum Nulltarif erbringen, empört ab. Der Bundesverband deutscher Banken verurteilte die Pläne als Preisdiktat.

Schließlich schritt Bundesfinanzminister Hans Eichel als Vermittler ein und forderte eine Selbstverpflichtung der Geldbranche. Die teils extrem hohen Tarife für grenzüberschreitende Transfers sollten bis Ende 2001 vor der Einführung der Euro-Münzen und -Banknoten auf ein Niveau reduziert werden, das annähernd den Gebühren für inländische Überweisungen entspricht, teilte er dem Bundesverband deutscher Banken mit.

Was die Branche unter annähernd versteht, kann der Bankkunde in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen nachlesen: Da werden dem Auftraggeber bei der Deutschen Bank für eine Auslandsüberweisung im Wert bis 250 Euro stolze elf Euro aufgebrummt, bei höheren Beträgen 1,5 Prozent der Summe oder mindestens 13 Euro in Rechnung gestellt. Dazu kommen Porto und 17,50 Euro Fremdspesen, wenn er die Kosten des Geldtransfers allein trägt. Wenn sich Auftraggeber und Empfänger die Gebühren teilen, bleibt dem Auftraggeber eine Gebühr von elf beziehungsweise 13 Euro oder 1,5 Promille der überwiesenen Summe. Für die Banken ist selbst diese Pauschale noch ein glänzendes Geschäft, für den Interbankentransfer der Kundengelder einigten sich die europäischen Kreditinstitute auf eine Pauschale von drei Euro für kleinere Überweisungsbeträge. Gleichzeitig wurden die Gebühren für Barauszahlungen an ausländischen Geldautomaten erhöht – im Schnitt von bisher fünf € auf durchschnittlich sieben €.

Beliebte Einnahmequellen für das Bankgewerbe sind auch der Umtausch fremder Währungen und die Ausgabe beziehungsweise Annahme von Reiseschecks. Für Kauf und Versand von Travellerschecks werden ein bis 1,75 Prozent des Betrags, mindestens aber 7,67 Euro kassiert. Die Rückgabe kostet dann oft noch einmal zwischen zwei und fünf Euro. Wer Dollar wechseln möchte, muss schon mit einer Gebühr in Höhe von drei Prozent des Betrags in Euro rechnen oder mit 4,50 Euro pro Posten.

Zu den größten Ärgernissen der Bankkunden zählte lange Jahre die zögerliche Bearbeitung ihrer Überweisungsaufträge durch die Banken. Zwischen Belastung des Auftraggebers und der Gutschrift auf dem Konto des Empfängers vergingen mehrere Tage, nicht selten sogar Wochen. Die Entdeckung der Langsamkeit im Bankenalltag war höchst profitabel – für die Kreditwirtschaft. In der Transferzeit arbeitete das Geld für die Bank. Das Nachsehen hatte der Kunde. Wenn durch die verzögerte Bearbeitung seine Zahlung zu spät beim Empfänger eintraf, bekam er den Ärger und musste womöglich noch Verzugszinsen zahlen. Wenn die Gutschriften zu spät auf den Kundenkonten eintrafen, die zu erwartenden Eingänge aber schon weiter transferiert worden waren, konnte die Bank unter Umständen auch noch Kreditzinsen beim Empfänger einstreichen.

Erst ein Urteil des Bundesgerichtshofs machte den bummeligen Bankern Beine. Im Mai 1997 erklärte der BGH die verzögerte Wertstellung von Überweisungen für unzulässig. Wenn der Betrag erst am Tag nach ihrem Eingang gutgeschrieben wird, erklärten die Richter des so genannten Bankensenats, entgehe dem Kontoinhaber der Zinsgewinn für einen Tag. Für Normalverbraucher sind das meist kleine Cent-Beträge, für die Kreditinstitute dagegen ein beachtlicher Posten auf der Habenseite. Seitdem verpflichten sich die meisten Banken in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen zu zeitnaher Ausführung der Kundenaufträge – allerdings nur im inländischen Zahlungsverkehr. Da werden Barauszahlungen und Überweisungsaufträge am Tag der Ausführung belastet, Schecks und Lastschriften am Tag der Vorlage. Gutschriften am Tag der Buchung und Scheckeingänge spätestens einen Arbeitstag nach Einreichung. Diese Bearbeitungsfristen lassen noch immer einen gewissen Spielraum für einen kleinen Aufenthalt des Kundengelds zum Wohle der Bank. Wer es wirklich eilig hat, muss eben zahlen – 2,56 Euro bei der Deutschen Bank pro Überweisung.

Im Auslandszahlungsverkehr gelten jedoch noch die alten Regeln. Banken können zwar in Sekundenschnelle Milliarden Dollar oder Euro im Auftrag von Großkunden rund um den Globus transferieren, haben weltweite Kooperationen und Allianzen geschmiedet, Tochtergesellschaften an allen Handelsplätzen und Kapitalmärkten eröffnet, doch eine Überweisung von Hamburg nach Paris darf noch immer fünf, nach Lissabon sieben und nach Athen acht Banktage unterwegs
sein – trotz der stattlichen Gebühren, die dabei kassiert werden. Wenn es schneller gehen soll, muss der Kunde extra zahlen: fünf Euro für die Ausführungsart Eilig.

Der Kampf um die Dresdner Bank – detailliertere Information

Frischer Wind für die Deutsche Bank: Bankers Trust Während in München noch die Fetzen flogen, hatte der Deutsche- Bank-Chef Rolf-E. Breuer seinen größten Coup schon gelandet. Im November 1998 kündigte Breuer stolz die Übernahme des US- Investmenthauses Bankers Trust an. Der Preis: die Rekordsumme von 9,2 Milliarden Dollar. Damit legte die Frankfurter Bank 93 Dollar für jede ausstehende Aktie auf den Tisch. Die Börse honorierte den Abschluss der Übernahme im Juni 1999 mit leichten Kursgewinnen. Breuer hatte die beiden Geldhäuser zum größten Finanzinstitut der Welt zusammengebracht, mit 95.847 Beschäftigten und einer Bilanzsumme von 840 Milliarden Euro. Dass Bankers Trust in der Vergangenheit immer wieder durch riskante Deals mit hohen Verlusten aufgefallen war, konnte Breuer nicht bremsen. Mit dem Zukauf würde Deutschlands größtes Geldhaus endlich auch in der Königsdisziplin des Geldgewerbes – im Investment Banking-ganz oben mitspielen können. Es wird eine neue Deutsche Bank geben, verkündete er stolz auf der Welcome-Party für die neuen Mitarbeiter, die unter dem viel versprechenden Motto Let’s go global am 4. Juni 1999 in der Frankfurter Konzernzentrale mit Konfetti und Miller-Bier gefeiert wurde. Wir sind weltweit führend in allen wichtigen Bereichen der Finanzdienstleistungen. Breuer versprach auch die fugenlose Integration der rund 20.000 Bankers-Trust-Mitarbeiter.

Doch das durften die Neuankömmlinge nicht allzu wörtlich nehmen: 5.500 Mitarbeiter in New York und London waren nicht erwünscht. Abteilungen, die riskante Geschäfte abgeschlossen hatten, wurden dichtgemacht. Nicht einmal den Namen des Instituts wollten die Frankfurter übernehmen, nur die Bankers-Trust- Tochter Alex Brown durfte weiterleben. Mit dem Name-Dumping wollten die Frankfurter die schillernde Vergangenheit ihrer 103 Jahre alten Neuerwerbung auslöschen. Bankers Trust war zum Zeitpunkt der Übernahme kein lupenreiner Edelstein. Zu Beginn der 90er Jahre hatten die New Yorker Investmentbanker schwere Verluste im Handel mit Derivaten – das sind hochkomplizierte Finanzwetten – erlitten und 1997 mit hohen Risikopositionen für Aufregung an der Wallstreet gesorgt.

Selbst als in Frankfurt die Übernahme-Party gefeiert wurde, war noch ein Gerichtsverfahren gegen die alte Bankers-Trust- Führung anhängig. Das Management der Investmentbank stand in den USA wegen Bilanzfälschung unter Anklage. Namenlose Kundenkonten im Wert von 19 Millionen Dollar waren als Eigenkapital verbucht worden. Die Strafe in Höhe von 60 Millionen Dollar, die den Managern ihrer neuen Tochter für dieses Vergehen auferlegt wurde, musste die Deutsche Bank zahlen.

Dennoch ließen sich die Stars unter den neuen amerikanischen Deutsch-Bankern den Wechsel kräftig vergolden. Rund 335 Millionen € garantierten die Frankfurter den fünf Spitzenmanagern von Bankers Trust, wenn sie wenigstens fünf Jahre dabeiblieben. Doch der Topfmanzmanager, nach Bankers-Trust-Chef Frank Newman der wichtigste Mann des Investmenthauses, schlug das Angebot aus, das ihm neben einem Jahreseinkommen von 4,5 Millionen Dollar einen Treuebonus von neun Millionen Dollar beschert hätte.

Als Breuer sich im Juli 1999 wegen des Bilanzfälschungsskandals von dem bisherigen Chef seiner Neuerwerbung trennen wollte, kostete die Bank der Abschied von Newman noch einmal rund 100 Millionen Dollar. Auch mit der Höhe dieser Abfindungssumme sorgte der Deutsche-Bank-Chef zumindest hierzulande für einen neuen Rekord. Sogar im Vorstand gab es einen Aderlass. Die Übernahme-Kritiker Michael Endres und Jürgen Krumnow mussten gehen: Endres wurde in den Ruhestand geschickt, Krumnows Vertrag nicht verlängert. Breuers Kommentar zu dem für die Deutsche Bank eher seltenen Vorgang: Auch für Vorstände gibt es keine Garantie für eine lebenslange Beschäftigung mehr.

Fürstlich wurden die entlohnt, die geblieben waren. Weil die Bank im ersten Halbjahr 1999 ein grandioses Ergebnis erwirtschäftet hatte, war Breuer nicht kleinlich. Die Wertpapierhändler allein kassierten Boni von 935 Millionen Euro – das war fast die Hälfte des Handelsgewinns, der allerdings in diesem Zeitraum um knapp 80 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro gestiegen war. Die Aktionäre der Deutschen Bank spürten jedoch wenig von Breuers Shoppingtour. Wegen der Erstkonsolidierung von Bankers Trust und dem Wachstum des Geschäfts sei der Verwaltungsaufwand von 10,1 Milliarden Euro 1998 um rund 55 Prozent gestiegen, erklärte die Deutsche Bank zum Ergebnis des Jahres 1999. Die Anteilseigner wurden mit einer auf 1,15 Euro je Aktie erhöhten Dividende abgespeist. 1998 hatte die Ausschüttung je Anteilsschein 1,12 Euro betragen.

Mit der Übernahme von Bankers Trust änderte sich allerdings auch für die Mitarbeiter der Deutschen Bank vieles. Plötzlich gaben die Investmentbanker den Ton an. Allen voran Breuer machte aus seiner Abneigung gegen das Traditionsgeschäft der Bank keinen Hehl mehr. Weder die Industriebeteiligungen, die die Bank seit Jahrzehnten zur Absicherung ihres Kreditgeschäfts mehr oder weniger erfolgreich gepflegt hatte, noch das Retailbusiness mit den Kleinkunden oder das Firmenkundengeschäft mit den mittelständischen Unternehmern fanden Gnade vor den Augen des Bankchefs: Wir haben an faulen Krediten mehr als an allen Marktturbulenzen zusammen verloren, rechnete Breuer seinen Mitarbeitern kühl vor und erklärte knapp, dass die Bank künftig an einer Ausweitung dieser Geschäfte nicht interessiert sei.

Privatkunden mit Durchschnittseinkommen wurden von September 1999 an zur Deutsche Bank 24 abgeschoben – rund 900 Millionen Euro ließ sich Breuer diesen Transfer kosten, den sein Nachfolger Ackermann jetzt wieder rückgängig machen will. Für jede Sparte wurden Profitcenter gegründet: Die Industriebeteiligungen wurden in der DB Investor AG zusammengefasst, die Privatkunden betreut die Deutsche Bank 24. Die technischen Dienste werden in der European Transaction Bank AG verselbstständigt, die Deutsche-Bank-Tochter Morgan Grenfell wurde in Deutsche Asset Management umfirmiert und das Firmenkundengeschäft als eigenständiger Bereich organisiert.

Zusammengehalten wurde der neue Konzern im Vorstand, der als Holdinggesellschaft fungierte, und an der Basis. Der klassische Deutsche-Bank-Berater musste als Vermittler den Spagat zwischen den einzelnen Bereichen üben. So sollten die Schalterangestellten die Kunden an die jeweiligen Spezialabteilungen weiterleiten: Privatkunden dem Aktienhändler zuführen, Jungunternehmer den Expertenteams für Börsengänge und die Mittelständler den Spezialisten für Unternehmensverkäufe und Fusionen.

Damit die Mitarbeiter diese neuen Aufgaben auch erfüllten, wurde ein ausgeklügeltes Belohnungssystem eingeführt. Für jede erfolgreiche Vermittlung wurde dem Kundenberater ein gewisser Prozentsatz der daraus resultierenden Leistung, die dann die Spezialisten erbringen mussten, gutgeschrieben – rein virtuell natürlich. Die Schattenbuchhaltung sollte ja vor allem dokumentieren, ob die Mitarbeiter bei der Reorganisation mitzogen oder sie blockierten. Doch bevor die bankinterne Kulturrevolution greifen konnte, plante Breuer schon den nächsten Coup. Diesmal ging es ihm darum, das für die Deutsche Bank wenig profitable Massenkundengeschäft und das kostenintensive Filialnetz der Bank loszuwerden. Um dieses Ziel zu erreichen, strebte Breuer den ganz großen Wurf an: eine Fusion mit dem Rivalen und Branchenzweiten – der Dresdner Bank.

Die Frankfurter Verlobung
Als sich Breuer im Februar 2000 mit dem Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Bernhard Walter, zu ersten Sondierungsgesprächen traf, geschah dies mit Wissen und Billigung des größten europäischen Versicherungskonzerns. Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle hatte durchaus Interesse daran, sich am gemeinsamen Filialnetz der beiden Banken zu beteiligen, um dort seine Versicherungspolicen zu verkaufen. Dadurch könnte auch die Rendite des Retail Banking erheblich verbessert werden. Vorausgesetzt die beiden Banken würden ihre Niederlassungen deutlich reduzieren. Das schien zunächst kein Problem, denn überall dort, wo sich Filialen der Dresdner Bank und der Deutschen Bank in enger Nachbarschaft Konkurrenz machten, könnte eine Filiale geschlossen werden. Auf diese Weise würde man 17.000 Mitarbeiter einsparen. Außerdem wollte sich die Allianz an der Deutschen Bank 24 beteiligen und der Deutschen Bank die Deutsche Herold Versicherung abnehmen, die erst 1992 gekauft worden war, als der Branchenerste im Geldgewerbe seine Zukunft noch im Allfinanzbereich gesehen hatte.

Breuer hatte gegen diesen Vorschlag nichts einzuwenden, denn unter seiner Führung marschierte die Deutsche Bank längst in Richtung Investmentbank. Des Weiteren hätte Schulte-Noelle gerne noch die Fondsgesellschaft DWS von der Deutschen Bank übernommen – mit einem Anlagevermögen von 175 Milliarden € schon damals eine der größten in Deutschland.
Das Plazet der Allianz war allerdings auch aus einem anderen Grund wichtig. Dem Versicherungsriesen gehörten 21,7 Prozent an der Dresdner Bank, ohne dessen Zustimmung ging gar nichts.

Als sich Breuer und Walter im Februar 2000 trafen, waren sich die beiden Banker schnell einig über die grobe Struktur des Deals. Die Details sollten kleine Teams von Vertrauten erarbeiten. Es wurde strikte Geheimhaltung vereinbart. Noch bevor Breuer seine Kollegen im Vorstand der Bank voll ins Bild setzte, hatte er schon auf eine Perle des Imperiums der Deutschen Bank verzichtet – die Fondsgesellschaft DWS war der Allianz zugesprochen worden. Erst am 27. Februar wurden die Vorstände der Deutschen Bank über das Geschäft umfassend informiert. Breuer hatte einen Merger of equals vorgeschlagen. Dieses Wort hatte seit dem Zusammenschluss von Daimler und Chrysler Konjunktur – es klang unverfänglich und kaschierte den Umstand, dass einer der beiden Fusionäre eben doch gleicher war als der andere und das Sagen hatte.

Bei diesem Bankencoup waren die Gewichte von Anfang an klar verteilt: Die Besitzverhältnisse an der neuen Gesellschaft hätten nach Ansicht von Investmentbankern anderer Institute auf 70:30 lauten müssen. Doch Breuer wollte seinen neuen, kleineren Partner nicht zu ärmlich aussehen lassen und so wurde das Verhältnis auf 62:38 zugunsten der Dresdner Bank leicht angehoben. Im Aufsichtsrat der Deutschen Bank musste Breuer für seine barmherzige Geste später heftige Kritik einstecken.

Beim Namen des neuen Instituts ging Breuer keine Kompromisse ein: Auch das neue Unternehmen würde Deutsche Bank heißen, aber die Hausfarbe Blau gegen das Grün des Juniorpartners getauscht werden. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen, aber es legte sich auch kein Vorstand quer. Die in der Bank gebotene Einstimmigkeit bei Vorstandsentscheidungen wurde eingehalten, Breuer durfte weiter verhandeln. Etwas mehr Enthusiasmus schien Walter bei seinen Vorstandskollegen in der Dresdner Bank geweckt zu haben. Einige meinten damals noch, dass es ein schöner Deal werden könnte, zitierte Der Spiegel einen der Beteiligten.

Ein Juwel wird zum Stolperstein: Kleinwort Benson Am 9. März 2000 stellten sich die beiden Dealmaker im Atrium der Deutschen Bank der Presse. Gerüchte über die bevorstehende Fusion waren allerdings längst durchgesickert. Alle großen Tageszeitungen inklusive Bild spekulierten bereits über den bevorstehenden Megadeal. Sie stellten die Fragen, die Breuer und Walter selber noch nicht abschließend geklärt hatten: Welche Filialen geschlossen, wie viele Arbeitsplätze gestrichen werden sollten und wie der Koloss geführt werden sollte. Der drängendsten Frage aber ging die Financial Times nach, die versuchte, die Zukunft der Investmenttochter der Dresdner Bank, Kleinwort Benson, auszuloten. Dieses Institut mit seinen rund 7.000 Mitarbeitern wurde in der Dresdner Bank – und nicht nur dort – als Juwel geschätzt. Die Hälfte der Gewinne der Muttergesellschaft erwirtschaftete Kleinwort Benson.

In den Fusionsverhandlungen war das Schicksal der Investmenttochter offenbar weitgehend ausgeklammert worden. Die Financial Times berichtete nun jedoch, dass Kleinwort Benson dichtgemacht werden sollte. Damit war der Eklat perfekt, bevor der Deal öffentlich angekündigt worden war.

Um die ob der Zeitungsmeldung verprellten Investmentbanker bei der Stange zu halten, ging Rolf-E. Breuer auf der Pressekonferenz in die Vollen: Wir sind froh, dass wir durch unsere Transaktion ein solches Juwel zu dem vorhandenen Investment Banking hinzuaddieren können. Es wird weder geschlossen noch verkauft. Und alles, was dazu heute Morgen geschrieben oder gesagt wurde, ist blanker Unsinn.

Dieses Dementi, das Breuer den Journalisten in die Mikrophone und Blöcke diktiert hatte, löste bei den Investmentbankern der Deutschen Bank blankes Entsetzen aus. Edson Mitchell, der Chef der Abteilung Global Markets in London, aber auch die Truppe um den Deutsche-Bank-Vorstand Josef Ackermann in Frankfurt hatten längst ihr Urteil über den Konkurrenten gefällt. Kleinwort Benson passe nicht zur Deutschen Bank, eine Integration des Investmenthauses sei nicht zu machen. Nach der Übernahme von Bankers Trust habe man gerade erst wieder homogene Teams zusammengestellt, die jetzt nicht wieder gestört werden dürften; von den rund 7.000 Mitarbeitern könnten bestenfalls ein paar Hundert – die eigentlichen Topbanker mit ihren engsten Mitarbeitern – übernommen werden, der Rest der Belegschaft sei überflüssig, lautete die Botschaft an den Vorstandschef.

Um ihren Worten die angemessene Bedeutung zu verschaffen, sorgten die Investmentbanker dafür, dass ihre Meinung als Indiskretionen gestreut in Zeitungen und Branchendiensten auch publiziert wurde und die Gegenseite erreichte. Dort lösten sie immer wieder Schockwellen aus und schürten Aversionen gegen die Fusion. Die Deutsche Bank wurde von vielen Mitarbeitern der Dresdner Bank immer mehr als arroganter Raider gesehen, der den ungeliebten Rivalen niedermachen will.

Breuer war in eine Sackgasse geraten. Auf der einen Seite stand er bei Walter im Wort, das er unvorsichtiger Weise auch noch in aller Öffentlichkeit gegeben hatte, andererseits war klar, dass er gegen die Mauer der Ablehnung im eigenen Haus Kleinwort Benson nicht würde halten können. Die Position von Walter war nicht komfortabler. Auch im Vorstand der Dresdner Bank wuchs der Widerstand gegen die Fusion, die sich im Laufe der Verhandlungen als brutale Übernahme entpuppte. Kleinwort Benson wurde zur alles entscheidenden Frage für das Make or Break. Vor allem Leonhard Fischer, Investmentbanker im Führungsgremium und nach Walter der zweitwichtigste Vorstandsmann, bestand auf dem Erhalt der profitablen Tochter. Der Kampf um Kleinwort Benson fand vor einer zunehmend feindlicheren Kulisse statt. Nicht nur die Wirtschaftsjournalisten vermochten keinen echten Nutzen in der Fusion zu entdecken, weil sich beide Institute in allen Bereichen zu sehr ähnelten, auch die Analysten und Investmentbanker fanden keinen Gefallen an der Fusion. Blitzschnell wurde der eigentliche Sieger dieses Supercoups, der schon bald nach einem Megadebakel aussah, ermittelt: die Allianz. Die Versicherung sollte den Zugriff auf wesentliche Teile des Privatkundengeschäfts beider Banken erhalten und dazu noch die Pfründe, die die größte deutsche Fondsgesellschaft DWS mitbringen würde, als Zugabe obendrauf.

Kursverluste und Imageschäden
Der Aktienkurs der Allianz stieg, die Notierungen der Anteilsscheine der beiden Banken fielen: Innerhalb weniger Tage sackten die Kurse um 25 Prozent ab. Bei den Mitarbeitern in den Investmentabteilungen heizte der Kursverfall die Stimmung gegen die Fusion an: Die Topshots werden nach Leistung bezahlt und der Kurs der Aktie ist dabei ein wichtiger Gradmesser. Trotz dieser Widerstände liefen die Verhandlungen weiter: Integrationsteams wurden gebildet, die entscheiden sollten, welche Stellen man streichen würde und wer bleiben durfte. Die Aufsichtsräte beider Banken wurden informiert und die Mehrheit entschied sich für die Fusion. Nur die Arbeitnehmervertreter mochten nicht mitmachen: Sie stießen sich an dem drastischen Verlust von 16.000 Jobs.

Dann passierte ein weiterer folgenschwerer Fehler, der das ohnehin fragile Fusionsgebäude zum Wanken brachte. Der Dresdner-Bank-Vorstand Joachim von Harbou, der das Privatkundengeschäft betreute, plauderte öffentlich über den künftigen Umgang mit den Privatkunden nach der Fusion: Wer weniger als 200.000€ mitbringt, könne dann nicht mehr mit individueller Beratung rechnen, sagte der Banker. Mit dieser Enthüllung der geplanten Geschäftspolitik trat Harbou einen Sturm der Entrüstung los. Medien und Kunden hielten sich an den beiden Banken schadlos. Die Deutsche Bank 24, zu der nach der Fusion auch die Kleinkunden der Dresdner verlagert werden sollten, war zum Billigheimer verkommen. Die Kunden, die von der Deutschen Bank erst wenige Monate zuvor dorthin transferiert worden waren, fühlten sich betrogen. Die Glaubwürdigkeit der Banker, die immer beteuert hatten, der Kundenservice würde besser, nicht schlechter werden, war schwer erschüttert worden.

Alle Bemühungen der Presseabteilungen, den Imageschaden abzuwenden, schlugen fehl. Der eilends von den Banken ausgerechnet am 1. April organisierte Tag der offenen Tür in den Frankfurter Zentralen, mit Würstchen, Grüner Sauce und den beiden Vorstandschefs, die den erbosten Kunden Rede und Antwort stehen sollten, forderte vor allem die Konkurrenz heraus – zu Hohn und Spott.

Damit stand fest: Der größte Deal im deutschen Bankgewerbe, mit dem Deutsche-Bank-Chef Breuer auch international punkten und aller Welt zeigen wollte, wie gekonnt in Deutschland Megafusionen durchgezogen werden, war gescheitert – an nachlässiger Vorbereitung und schwacher Führung. In der internationalen Finanzwelt hatte sich die Deutsche Bank gründlich blamiert. Am 5. April wurde der Spuk endgültig durch die Erklärung der Dresdner Bank beendet. Der Chef der Bank, Bernhard Walter, legte mit sofortiger Wirkung sein Amt nieder, der Vorstand bestimmte umgehend Bernd Fahrholz zu seinem Nachfolger.

Bei der Deutschen Bank hingegen blieb alles beim Alten. In einem Brief an die Mitarbeiter dankte der Vorstand der Belegschaft der Bank für das große Engagement, das Sie alle während der vergangenen schwierigen Wochen gezeigt haben. (…) Wir werden unsere erfolgreiche Geschäftspolitik in allen Geschäftsfeldern konsequent weiter umsetzen und damit unsere Position im globalen Wettbewerb gezielt stärken. Der Vorstand mit Herrn Breuer als seinem Sprecher will die Dynamik dieses Erfolgs gemeinsam mit Ihnen bewahren und die Deutsche Bank zum führenden Finanzdienstleister der Welt weiterentwickeln. Dabei hat er die uneingeschränkte Unterstützung des Vorsitzenden des Aufsichtsrats. Unterzeichnet wurde dieses Schreiben von allen Vorstandsmitgliedern und dem Chef des Aufsichtsrats Hilmar Köpper.

Der Schulterschluss sollte den Vorstandssprecher vor vernichtender Kritik von innen und außen schützen – mit Erfolg: Konzernchef Breuer war zwar angeschlagen, wurde aber nicht verstoßen. Er blieb bis Mai 2002 in seinem Amt, danach übernahm er den Vorsitz im Aufsichtsrat. Noch ein versuchter Partnerwechsel: die Commerzbank Den größten Schaden aus der geplatzten Fusion trug die Dresdner Bank davon. Ihre Investmenttochter Kleinwort Benson war bereits gefleddert worden, Wettbewerber hatten Spitzenkräfte abgeworben, selbst die Deutsche Bank hatte noch während der Fusionsverhandlungen ein Team des Verhandlungspartners angeheuert, die Mitarbeiter waren ebenso verunsichert wie die Kunden, der Imageverlust unschätzbare. Obwohl der neue Chef Fahrholz öffentlich beteuerte, dass die Bank nun aus eigener Kraft wachsen wolle, ging die Suche nach einem künftigen Partner weiter. Als nächster logischer Kandidat bot sich die Commerzbank an, die bisher aus Überzeugung, Übermut oder auch Vorsicht allen Fusionsmoden widerstanden hatte. Nach dem Zusammenschluss der Münchner Regionalbanken, der Bayerischen Hypobank und der Bayerischen Vereinsbank zur HypoVereinsbank, war sie in der Rangliste der größten deutschen Bankhäuser immer weiter zurückgefallen.

Überdies hatte sich die Bank in einem Netz von Beteiligungen an europäischen Geldinstituten verheddert, ohne an Einfluss und Marktpräsenz zu gewinnen. Man hatte versucht das Investmentgeschäft aus eigener Kraft aufzubauen und zu diesem Zweck Investmentbanker anderer Institute angeheuert. Doch eine schlagkräftige Einheit wurde die zusammengewürfelte Truppe nicht. Die Folge: Bei den großen Deals kam die Commerzbank kaum zum Zuge und im traditionellen Retail Banking liefen ihr die Kosten davon. Von jedem Euro Ertrag wurden 77 Cents von den Kosten aufgefressen. Andere europäische Geldhäuser kommen auf eine Kostenquote von 50 bis 60 Prozent.

Solange die Kapitalmärkte boomten, konnte die Commerzbank, die sich gern als Institut für Privatkunden und den Mittelstand anbot, ihre Strukturschwächen noch kaschieren, im Superjahr 2000 wurde sogar ein Gewinn von 1,3 Milliarden Euro eingefahren. Doch seitdem die Börsen auf Talfahrt programmiert sind, fehlen die Erträge, mit denen die Ausgaben ausgeglichen werden könnten. Hinzu kam, dass die Commerzbank in der Vermögens- Verwaltung, wo Banken eigentlich immer verdienen, in schlechten Jahren mehr ausgab als sie einnahm. Zudem versuchte ein Großaktionär, die Cobra-Gruppe, die Bank zu dominieren, was die Führung des Geldhauses nicht gerade einfacher werden ließ.

Als Dresdner-Bank-Chef Fahrholz im Sommer 2000 mit dem Frankfurter Nachbarn ins Gespräch über ein Zusammengehen der beiden Konzerne kommen wollte, waren die gravierenden Schwächen der Commerzbank nur Insidern bekannt. Der auslaufende Aktienboom sorgte noch für glänzende Erträge, die vorwiegend aus dem Börsengang der Commerzbank-Tochter comdirect stammten. Trotzdem war von Anfang an klar, dass die angeschlagene Dresdner Bank, einst die ewige Zweite im deutschen Bankgewerbe, in diesem Fusionspoker die Spielregeln vorgeben würde. Daran scheiterte der Deal denn auch bevor er überhaupt in seinen Grundzügen skizziert worden war. Die Commerzbank, allen voran Commerzbank-Chef Martin Kohlhaussen, mochten sich nicht dem Diktat der Dresdner beugen. Die Gespräche wurden abgebrochen.

Freie Bahn für die mächtige Allfinanz-Allianz
Nach dem erfolglosen Fusionsversuch der beiden Banken war der Weg nunmehr frei für einen neuen Vorstoß der Allianz. Ihr Vorstandschef Henning Schulte-Noelle wollte die alte Branchenordnung endlich aufbrechen: Versicherer und Banken taten in der Vergangenheit gut daran, ihre Geschäfte sauber zu trennen. Aber die Zeiten haben sich geändert, und das liegt vor allem an der Altersvorsorge, bei der wir alle uns nicht mehr allein auf den Staat verlassen können. Die Folge: Versicherungen und Banken bieten schon heute nebeneinander ihre Produkte an, diese Überlappungen werden weiter zunehmen. Die Trennung von gestern ist damit längst aufgehoben, erklärte der Chef der größten europäischen Versicherungsgruppe in einem Interview mit dem Magazin Der Spiegel.

Im April 2001 schufen die beiden Spitzenmanager Schulte- Noelle und der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Bernd Fahrholz, das neue globale Powerhaus: ein Konzern der Superlative mit weltweit 68 Millionen Kunden in mehr als 80 Ländern, knapp 180.000 Mitarbeitern, einer Bilanzsumme von 943 Milliarden Euro und einer Marktkapitalisierung von 135 Milliarden Euro. Um diesen Deal realisieren zu können, musste die Allianz ihre Beteiligungen in der Bankenszene neu ordnen. Der HypoVereinsbank-Anteil wurde an den Konkurrenten Münchner Rück abgetreten. Im Gegenzug bekam man deren Dresdner-Bank-Paket von fünf Prozent sowie gut 40 Prozent der Allianz Lebensversicherung, die die Münchner Rück hielt. Gleichzeitig bauten die beiden Versicherungen ihre gegenseitigen Beteiligungen um rund fünf Prozent auf 20 Prozent ab. Danach wurde den Aktionären der Dresdner Bank ein kombiniertes Angebot von Seiten der Allianz und der Special Purpose Vehicle (SPV) gemacht, einer Gesellschaft, die eigens für diesen Zweck von der Deutschen Bank und den Gesellschaftern des Bankhauses Oppenheim initiiert worden war. Die Offerte bestand in einem Tausch, bei dem für zehn Dresdner-Bank-Aktien eine Allianz-Aktie und zusätzlich 200 Euro in bar ausgegeben wurden.

Auch die Mitarbeiter der Dresdner Bank haben von der Übernahme bisher eher profitiert: Sie bekamen erst einmal einen Bonus von 25 Prozent ihres Monatsgehalts und die Zusicherung, dass es keinen Stellenabbau geben werde. Der Name der Bank blieb erhalten, er wurde nur durch den Schriftzug der Allianz in der Unterzeile ergänzt. Selbst die Hausfarbe Grün durfte die Dresdner als Tochtergesellschaft des Blauen Versicherungsriesen behalten.

Für einige Bankvorstände hat die Allianz sogar drei Posten in ihrem Exekutivorgan geschaffen: Fahrholz wurde stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Versicherungskonzerns, Leonhard Fischer leitete die Investmentbank und Horst Müller soll von der Vorstandsebene aus die Integration der beiden Konzerne überwachen. Das behutsame Vorgehen der neuen Eigentümer, die so ganz anders auftraten als die arrogante Herrentruppe von der Deutschen Bank im Jahr zuvor, beeindruckte sogar die sensiblen Investmentbanker. Bisher verzichteten sie offensichtlich auf die in diesem Gewerbe übliche Fahnenflucht, noch mehr dürfte sie allerdings die Zusage motiviert haben, dass die Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein rechtlich abgetrennt und in nicht allzu ferner Zukunft an die Börse gebracht werden soll.

Im Prinzip konnte uns nichts besseres passieren, sagte der Gesamtbetriebsratschef der Bank, Peter Haimerl zu dem – vorläufigen – Happyend im deutschen Bankgewerbe. Wenige Monate später verkündete jedoch auch die Dresdner Bank, dass 183 der 986 Filialen im Jahr 2001 geschlossen und 7.800 Arbeitsplätze abgebaut werden sollten – bis Ende 2001 waren bereits 4.000 Stellen weggefallen. Der Stellenabbau resultierte allerdings nicht aus der Übernahme, sondern war eine Reaktion auf die sehr schlecht laufenden Geschäfte der Dresdner Bank. Immerhin verzeichnete die Bank im Übernahmejahr einen Gewinneinbruch um 89,3 Prozent. Der Jahresüberschuss betrug nur noch magere 186 Millionen Euro – ein Jahr zuvor waren es noch 1,74 Milliarden Euro gewesen.

Nun ist es an der Allianz zu beweisen, dass sie den neuen Koloss so managen kann, dass mehr Wert entsteht als nur die Summe der beiden Großunternehmen.

Die Pleite der Swissair richtig verstehen – detailliertere Information

Am 28. Oktober 2001 ging ein Stück Schweizer Nationalstolz zu Bruch. An diesem Tag erklärte die eidgenössische Fluggesellschaft Swissair ihre Zahlungsunfähigkeit. Die Verluste hatten die Rekordhöhe von 15 Milliarden Franken erreicht. Nach nur sieben Monaten im Amt musste der Chef der Fluggesellschaft, Mario Corti, den Gang zum Konkursrichter antreten. Die Banken, der Branchenriese UBS und die Credit Suisse Group, hatten der flügellahmen Schweizer Fluggesellschaft, die einst zu den besten Unternehmen der Welt zählte, einfach den Geldhahn zugedreht.

Der Sinkflug der Swissair begann bereits 1995 mit der Übernahme von 49,5 Prozent an der abgewirtschafteten belgischen Fluggesellschaft Sabena. Zwei Jahre später gründete der damalige Swissair-Chef Philippe Brugisser die SAir-Group und schlug einen verhängnisvollen Kurs ein. Mit Kapitalbeteiligungen versuchte Brugisser ein weltweites Netz zu knüpfen. Damit sollte die Swissair im weltweiten Kooperationsprozess aufholen und mit einer eigenen internationalen Allianz gegen die Star Alliance von Lufthansa und United Airlines sowie die anderen Bündnisse in der internationalen Luftfahrt bestehen.

Swissair-Passagiere sollten innerhalb der von den Schweizern dominierten Qualifyer-Group mit einem Ticket rund um die Welt reisen können, ohne sich bei Zwischenstopps um ihr Gepäck kümmern zu müssen – und bei den Partnergesellschaften Bonus punkte und Meilen sammeln können. Für die Fluggesellschaften gelten diese Kooperationen seit den 90er Jahren als wichtige Maßnahme, um ihre Maschinen auslasten zu können.

Fehlinvestitionen
Was bei der Lufthansa zu funktionieren scheint, brachte der Swissair kein Glück. Die Zusammenarbeit mit Sabena, der österreichischen Airline AUA, die Beteiligung von 37,6 Prozent an der polnischen Fluglinie LOT, von 49,9 Prozent an dem deutschen Charterflieger LTU sowie weitere finanzielle Beteiligungen an italienischen, französischen und portugiesischen Partnern konnten den Absturz nicht verhindern. Als im September 1998 eine Swissair-Maschine mit 229 Menschen an Bord vor der Küste Kanadas in den Atlantik stürzte, hatte auch der lange entscheidende Wettbewerbsvorteil der Swissair, die sicherste Fluggesellschaft der Welt zu sein, seine Zugkraft verloren.

Vom Imageschaden konnte sich die Swissair nur schwer erholen. Zudem wirkte die Beteiligung an der Sabena wie ein Bremsklotz. Im Januar 2001 konnte die Sabena nur durch einen umfangreichen Sanierungsplan vor dem drohenden Konkurs gerettet werden, der die Swissair viel Geld kostete. Wenige Tage nach den Verhandlungen am 23. Januar trat Swissair-Chef Brugisser zurück.

Umstrukturierungspläne
Sein Nachfolger Mario Corti musste knapp drei Wochen nach seinem Amtsantritt das schlechteste Ergebnis in der fast 70-jährigen Geschichte der Fluggesellschaft verkünden. Im Jahr 2000 hatte die SAir-Group bei einem Umsatz von 16,2 Milliarden Franken einen Verlust von knapp 2,9 Milliarden Franken eingeflogen. Insgesamt türmte sich der Schuldenberg auf 15 Milliarden Franken. Am 25. April 2001 bewilligten Schweizer Banken zwar noch einen weiteren Kredit von einer Milliarde Franken, allerdings nur mit der Auflage, die zahllosen verlustreichen Beteiligungen abzustoßen. In den folgenden Wochen trennte sich die Swissair von Engagements in Frankreich und verkaufte die Swissötel-Hotel- kette an die Luxushoteliers der Raffles-Gruppe. In Frankreich ging die Swissair-Tochter AOM/Air Liberte in Konkurs. Eine weitere französische Beteiligung an der Air Littoral wurde an den früheren Chef und Mehrheitsaktionär Marc Dufour zurückgegeben. Mit der hochdefizitären Sabena wurde ein Deal ausgehandelt, der die Swissair aus der Verpflichtung entließ, die Mehrheit an der belgischen Fluggesellschaft zu übernehmen. Der Preis für die Befreiung betrug 650 Millionen Franken, die Swissair musste 60 Prozent dieser Ablösesumme berappen.

Rückschläge
Mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington wurden alle Sanierungsbemühungen bei der Swissair zunichte gemacht. Durch das Flugverbot im amerikanischen Luftraum in den ersten Tagen nach dem Terrorangriff und dem darauf folgenden dramatischen Rückgang der Passagierzahlen waren bei der Swissair Ausfälle von über drei Milliarden Franken entstanden. Die Gruppe war nicht in der Lage, einen Schock dieser Größenordnung zu verkraften, erklärte Swissair- Chef Corti.

Dem Sanierer, der vor seinem Amtsantritt bei der notleidenden Fluggesellschaft als Finanzchef des Weltkonzerns Nestle viel Lob und Anerkennung erfahren hatte, lief die Zeit davon. Die Chance zur Umsetzung seines neuen, schärferen Umstrukturierungskonzepts, das er am 24. September vorgestellt hatte und mit dem er Kosteneinsparungen von 4,5 Milliarden Franken zu erzielen hoffte, gaben ihm die Banken nicht mehr.

Am 1. Oktober 2001 übernahmen die Banken den Steuerknüppel der zahlungsunfähigen Traditionsgesellschaft. Die Muttergesellschaft Swissair sollte Ende Oktober 2001 von ihrer bisherigen Tochterfirma, dem Basler Regionalflieger Crossair, aufgefangen werden, um der Schweiz auch weiterhin eine internationale Fluggesellschaft zu erhalten. Auch der Name Swissair und das Firmenemblem sollten weiter geführt werden. 1,3 Milliarden Franken wollten die beiden Schweizer Großbanken UBS und CSG in die Reorganisation des Schweizer Luftverkehrs investieren.

Düpierte Passagiere
Was dann geschah, hätte sich kein Eidgenosse träumen lassen. Von diesem Geld gaben die Banken nur 250 Millionen Franken für den Kauf der Crossair frei. Als Mario Corti die Banken als neue Eigentümer der Fluggesellschaft um eine weitere Finanzspritze von 125 Millionen Franken angehen wollte, stieß er auf verschlossene Türen. Der UBS-Chef Marcel Ospel war für (Jen Bittsteller nicht zu sprechen: Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich auf Knien um Geld betteln müsste, sagte der ehemalige Nestle- Finanzchef, dem früher die Banken die Türen eingerannt hatten, um mit ihm als obersten Kassenwart des erfolgreichen Weltkonzerns ins Geschäft kommen zu können. Doch jetzt lernte er wie es ist, wenn man gegenüber Banken in der schwächeren Position ist. Genauso wie die 19.000 Swissair-Passagiere in aller Welt. Am 2. Oktober 2001 wurden 262 Flüge gestrichen, weil die Fluggesellschaft kein Geld mehr hatte zum Betanken ihrer Jets. Der Flugverkehr des einstigen Flaggschiffs der eidgenössischen Wirtschaftsnation war dadurch fast völlig eingestellt worden.

Das Nachsehen hatten die Passagiere, ihre Flugscheine waren wertlos, keine andere Gesellschaft nahm sie an. Wer dennoch reisen wollte, musste sich ein neues Ticket bei einer anderen Fluggesellschaft kaufen.

Banken am Pranger
Diese rüde Behandlung argloser Swissair-Kunden schadete allerdings auch dem Bankgewerbe, das bisher als einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Schweiz besondere Protektion genossen hatte. Jetzt standen die großen Kreditinstitute am Pranger. Ein Sturm der öffentlichen Empörung brach los – in den auch die Politik, die sich von den Banken über den Tisch gezogen fühlte, einstimmte. Der Bundespräsident und sein Finanzminister drängten den Banken eine Beteiligung der Eidgenossenschaft an der dringend benötigten Finanzspritze geradezu auf: Die Hälfte der zur Aufrechterhaltung des täglichen Flugbetriebs fehlenden 250 Millionen Franken wollten sie zur Verfügung stellen.

Der UBS-Chef reagierte erst, als es zu spät war, um die letzte Blamage für die Swissair doch noch zu verhindern. In den Schweizer Medien entlud sich die Wut von Volk und Regierung auf die Banken, allen voran auf die UBS, die allein im Jahr 2000 einen Gewinn im operativen Geschäft von 7,8 Milliarden Franken erzielt hatte. Damit wäre auch die Zahlung der 125 Millionen Franken für die Aufrechterhaltung des Flugbetriebs der Swissair drin gewesen, meinten die Kommentatoren in der Schweizer Presse.

Der in Zürich erscheinende Tagesanzeiger kommentierte am 3. Oktober das Ereignis: Noch nie seit Bestehen des Bundesstaates ist eine demokratisch gewählte Regierung in der Schweiz von einem Bankier so gedemütigt worden wie am 2.Oktober. (…) Die Öffentlichkeit wurde hinters Licht geführt. Die Banken nahmen das in Kauf – was vielleicht umso leichter fiel, als damit gekaufte Tickets von bis zu einer Milliarde Franken in der Konkursmasse versinken. (-) Man fragt sich, wo leben diese Menschen? Dass sie politisch längst Abschied genommen haben von diesem Land, ahnte man. Doch mit einer solch brutalen Offenheit haben sie es dem Stimmvieh noch nie vermittelt. Dass sie aber auch als Unternehmer in andere Dimensionen aufgestiegen sind, wo keine Kunden mehr leben, sondern bloß nützliche Idioten, war weniger bekannt. Die Schweiz sei jetzt eine Bananenrepublik befand das Boulevard-Blatt Blick.

Geprellte Anleger und Mitarbeiter
Natürlich waren nicht nur die Passagiere vom harten Kurs der Banken betroffen. Die 63.000 Aktionäre erlitten ebenfalls einen Totalschaden. Als der Handel der Swissair-Aktien am 3. Oktober wieder aufgenommen wurde, war das Papier gerade mal 1,27 Franken wert. Im Juni 2001 wurde der einstige Blue Chip der Schweizer Börse noch mit 140 Franken bewertet. Der Verlust hatte eine Größenordnung erreicht, wie es sie sonst nur am Neuen Markt bei Internetpapieren gab: satte 91 Prozent.

Auch die Swissair-Mitarbeiter mussten nicht nur um ihre Jobs bangen – etwa ein Drittel der Stellen bei der Fluggesellschaft sollen wegfallen -, sondern auch um ihre Ersparnisse. Jahrelang hatten sie ihre Löhne bei der hauseigenen Depositenkasse angelegt. Nach der Übernahme ließen die neuen Eigentümer UBS und CSG die Gelder bis auf 5.000 Franken pro Person blockieren. Die Vereinigung des Cockpitpersonals schätzt das aktuelle Guthaben der Depositenkasse auf rund 90 Millionen Franken.

Die Fusion-Pannen der Deutschen Börse AG – detailliertere Information

Zu den vornehmsten Pflichten des früheren Deutsche-Bank-Chefs Rolf-E. Breuer zählte der Aufsichtsratsvorsitz bei der Deutschen Börse AG. An Deutschlands größtem Wertpapiermarkt ist Europas größte Bank mit einem Anteil von 10,7 Prozent als gewichtigster Einzelaktionär beteiligt. Europas führender Versicherungskonzern, die Allianz, hält 8,6 Prozent, die Bayerische HypoVereinsbank 6,2 Prozent und die Commerzbank 4,6 Prozent.

Dabei handelt es sich um ein profitables Engagement, denn die Börse verdient immer – unabhängig davon ob die Kurse von Aktien, Anleihen, Optionen und anderen Wertpapieren steigen oder fallen. Gebühren für Transaktionen fallen immer an – beim Erwerb der Papiere wie bei ihrer Veräußerung. Nur wenn der Markt auf der Stelle tritt, die Kurse der Papiere sich seitwärts bewegen, wird der Strom der Einnahmen dünner, weil dann das Interesse der Anleger nachlässt. Doch eine solche Entwicklung ist derzeit nicht zu befürchten. Denn Investmentfonds, die aus Sorge um ihre Performance jede Kursbewegung ausnutzen, sorgen für ein stetiges Geschäft für die Deutsche Börse AG.

Frankfurter Fusionspläne mit London
Als die Deutsche Börse mit ihren eigenen Aktien am 5. Februar 2001 aufs Parkett ging, achtete das internationale Geldgewerbe unter der Führung des Großaktionärs Deutsche Bank, die damals noch eine Beteiligung von 14,6 Prozent hielt, darauf, dass der Newcomer nicht wieder ausrutschte. Gerade ein Jahr vor ihrem Debüt am Aktienmarkt hatte sich die Deutsche Börse AG grobe Schnitzer geleistet. Im Mai 2000 verkündete der Chef der DBAG, Werner Seifert, die Fusion der Frankfurter Gesellschaft mit der London Stock Exchange (LSE). Gemeinsam mit seinem Oberkontrolleur hatte Seifert mit dem LSE-Chef Don Criuckshank über den Zusammenschluss der beiden wichtigsten Handelsplätze verhandelt. Mit der Fusion sollte der Wertpapierhandel in Europa rationalisiert und eine starke Börse für den Wettbewerb mit den US-Börsen geschaffen werden. Die Posten und Pfründe hatten die beiden Börsenchefs bereits untereinander verteilt, Seifert sollte Chief Executive Officer der neuen Firma X (eine Abkürzung von international Exchange), der LSE- Mann Chairman werden.

Es sollte eine Fusion unter Gleichen werden, doch die Aufgabenteilung sah vor, dass die LSE das elektronische Handelssystem Xetra übernehmen sollte, weil die Londoner ein deutlich schlechteres eigenes System hatten, dass den heutigen Bedingungen einer schnellen Orderabwicklung nicht gewachsen war. Wichtiger war den Verhandlungsstrategen Breuer und Seifert jedoch die Aufteilung des Handelsgeschäfts: Die Standardwerte und Blue Chips, die Aktien der Old Economy also, sollten in London, die Hightech- und Wachstumsaktien, der Neue Markt, der von 1997 bis Frühjahr 2000 einen Raketenstart in astronomische Höhen von 9.000 und mehr Punkten hingelegt hatte, in Frankfurt gehandelt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, sollte die britische Wachstumsbörse techMark zum Neuen Markt an den Main umsiedeln. Dadurch würden sie – so hatten sich das die iX-Manager ausgerechnet – 80 Prozent aller Handelsumsätze am Wachstumsmarkt auf sich vereinen. Um die Konkurrenz zu beruhigen, hatten Seifert und Breuer versprochen, sich nach weiteren Partnern umzusehen. Als möglicher Partner könnte, so Börsenchef Seifert, die amerikanische Technologiebörse Nasdaq ins Gespräch kommen, aber auch eine Kooperation mit dem europäischen Rivalen Euronext, einem Zusammenschluss der Börsen von Paris, Brüssel und Amsterdam sei denkbar. Die verhandelte wegen der Fusionspläne der Frankfurter und Londoner Wettbewerber bereits mit der größten amerikanischen Börse, der New York Stock Exchange (NYSE), über eine Allianz.

Die Fusion kommt ins Stocken
Geblendet von der irrwitzigen Kursexplosion am Neuen Markt waren die beiden Fusionsstrategen Breuer und Seifert sicher, dass sie mit der Übernahme der Wachstumswerte die Sonnenseite des internationalen Börsengeschäfts ergattert hätten. Schon mit den Aktieneinführungen von Börsenneulingen ließ sich trefflich verdienen. Dieser Optimismus wurde allerdings nicht überall geteilt. In London wuchs der Widerstand in der Finanzwirtschaft und in der Politik, weil der Wachstumsmarkt an die Frankfurter abgegeben werden sollte: Die ganze New Economy soll nach Deutschland verschifft werden, ich verstehe nicht, wie uns das in Großbritannien nützen soll, erklärte eine Parlamentsabgeordnete der Konservativen. Vielen missfiel auch die Wahl der deutschen Handelsplattform Xetra. Selbst seriöse britische Zeitungen warnten vor einer Invasion der Teutonen.

Auch in Deutschland nahm die Kritik an dem Börsendeal zu. Der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Börse AG, Manfred Zaß, sorgte sich, dass die Fusion in Wahrheit eine Übernahme Frankfurts durch London sein könnte und drohte sein Veto gegen den Zusammenschluss an. Außerdem, so monierte der Vorstandschef der DGZ DekaBank, seien wichtige Fragen nicht geklärt, – neben dem Handelssystem gehörten dazu auch die Abrechnungswährung und die Londoner Bankfeiertage. Die Zusammenführung von Finanzplätzen sei wegen der technischen und finanziellen Probleme ein dickes Brett – noch schwieriger als eine Bankfusion. Ärgerlich fand Zaß auch, dass die Aufsichtsräte kaum schriftliche Informationen erhalten hätten.

Die Fusion seheitert
Tatsächlich fehlten in den Fusionsvereinbarungen noch viele wichtige Details wie der Rechtsstatus, den die Standardwerte im künftigen Blue-Chip-Index haben sollten, was mit dem Aktienindex der Deutschen Börse, dem DAX, geschehen und wie der Neue Markt künftig organisiert werden sollte. Doch kurz bevor die offenen Fragen beantwortet werden und die Aufsichtsräte in Frankfurt über den Zusammenschluss abstimmen konnten, war die Fusion schon geplatzt. Die schwedische OM-Gruppe – ein Zusammenschluss der Börsen von Stockholm, Kopenhagen, Oslo, Reykjavik, Riga, Wilna und Tallinn – hatte der Londoner LSE ein feindliches Übernahmeangebot vorgelegt. Die Skandinavier boten den LSE-Anteilseignern für jede Aktie 0,65 neue OM-Papiere und sieben Pfund in bar. Die Abstimmung im Aufsichtsrat der Deutschen Börse AG musste verschoben werden: Aufsichtsratschef Breuer glaubte allerdings noch immer, dass sich die Deutsche Börse alle Optionen offen gehalten habe.

Ein Trugschluss, wie sich bald zeigen sollte, denn auch der Wunschpartner Nasdaq wechselte die Seiten und begann mit der OM-Gruppe über eine Kooperation zu verhandeln. Das Ergebnis der ganzen Aktion war recht blamabel: Die Schweden scheiterten in London, aber auch die Frankfurter kamen nicht zum Zug. Glücklicherweise, denn wäre Breuers und Seiferts Plan realisiert worden, wäre der gesamte Finanzplatz Frankfurt nach der Abwanderung der Standardwerte zur Zockerbörse verkommen, an der vor allem Pennystocks, also Billigaktien gescheiterter Jungunternehmer, gehandelt würden.

Neuer Markt auf Talfahrt
Über ihren Wachstumsplänen und Fusionsträumen hatten Aufsichtsrat und Vorstand der Deutschen Börse AG offenbar ihre eigentlichen Pflichten auf dem heimischen Parkett vernachlässigt. Der hochgelobte Neue Markt rauschte immer schneller in die Tiefe, erste Pleiten von einstigen Überfliegern weckten immer größere Zweifel an der Seriosität der notierten Unternehmen und vor allem an der Kontrolle und Aufsicht der Deutschen Börse AG selbst. Bereits Anfang September 2000 erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende und Chef des Börsenrats Breuer mit für Banker seltener Offenheit, dass die Deutsche Börse als Hausherr in den Anfangsjahren des 1997 ins Leben gerufenen Marktsegments mit einem unzureichenden Regelwerk operiert habe. Allerdings verteilte Breuer die Schuld am Desaster des Neuen Marktes auch auf die übrigen Beteiligten: Bei der Begleitung von Börsengängen der Unternehmen habe das Geldgewerbe oftmals mangelnde Sorgfalt walten lassen, er mahnte die Kreditinstitute an die Pflicht einer sorgfältigen Kontrolle bei der Auswahl von Börsenkandidaten, und selbst die Medien kritisierte der Börsenoberkontrolleur: sie hätten nicht vor den Folgen der Börseneuphorie gewarnt. Trotz des offenkundigen Versagens im Börsenmanagement forderte Breuer eine zweite Chance für den Neuen Markt. Und lieferte wenige Monate später einen Misstrauensbeweis der besonderen Art.
Als die Deutsche Börse im Februar 2001 sich selber auf das Parkett wagte, ging sie natürlich nicht wie ursprünglich geplant an die Pleite- und Zockerbörse. Die Deutsche Börsen AG debütierte im seriösen amtlichen Handel.

Erfolgreicher Börsenstart
Trotz aller Pannen wurde der Börsengang der DBAG ein voller Erfolg. Zu einem Ausgabekurs von 335 Euro wurden die 3,2 Millionen Aktien vor allem an Großinvestoren und institutionelle Anleger von Fondsgesellschaften und Versicherungen abgegeben. Der deutsche Kleinaktionär war nicht gefragt. Börsen-Aufsichtsratsvorsitzer Breuer hatte zwar bei der Ankündigung des Börsengangs noch versprochen, dass diese Aktie auch etwas für den Kleinanleger sei, doch nur sechs Prozent der DBAG-Papiere wurden Privatinvestoren zugeteilt. Wer vorab zwischen fünf und 39 Aktien gezeichnet hatte, bekam drei Aktien zugeteilt. Order, die unter fünf Papieren lagen, wurden nicht berücksichtigt.

Gute Geschäfte machen die Profis lieber unter sich aus. Und die Deutsche Börse AG war ein gutes Geschäft. Schon vor der Bekanntgabe des Ausgabekurses war das Papier 23fach überzeichnet. Der erste Kurs nach Handelsbeginn notierte bei 362 Euro. Die Erstaktionäre konnten ein sattes Plus von zehn Prozent verbuchen – im Rückblick zeigte sich, dass ein solcher Kursgewinn bei den Börsendebüts im Horrorjahr 2001 einsame Spitze war. Bei einem Ausgabekurs von 335 Euro, den die Konsortialbanken unter der Führung des Global Coordinators Deutsche Bank erzielt hatten, war die Deutsche Börse 3,4 Milliarden Euro wert, mehr als dreimal so viel wie der Londoner Konkurrent, der beim Handelsvolumen knapp hinter den Frankfurtern liegt.

Börsenehe scheitert
Seitdem hat DBAG-Chef Seifert aber offenbar Mühe, das Geld, das ihm der Börsengang beschert hat, zu investieren. Noch immer sucht der Börsenchef nach neuen Alternativen für Kooperationen mit anderen Wertpapiermärkten: Niemand ist so gut aufgestellt wie wir, niemand besitzt so viele Synergiepotenziale wie die Deutsche Börse, brüstete er sich. Aber nicht nur die LSE-Fusion scheiterte, auch die Zusammenarbeit der Deutsche-Börse-Beteiligung Eurex mit dem Chicago Board of Trade zur Bildung der weltweit größten Terminbörse stagniert. Ein Partner in Asien, mit dem der Terminhandel rund um die Uhr stattfinden könnte, fehlt. Über ein Engagement an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq gibt es bisher nur Absichtserklärungen der deutschen Seite, die Nasdaq-Manager verhandeln lieber mit den Briten, denken aber auch über eine eigene Tochterfirma in Deutschland nach. So will die europäische Tochter der US-Technologiebörse Nasdaq lieber mit der Berliner und der Bremer Börse eine Allianz ein- gehen als mit den Frankfurtern. Von dieser Kooperation(sollen vor allem Privatanleger profitieren. Der Börsenhandel wird auf jeden Fall günstiger, sagt die Sprecherin der Berliner Börse, Eva Klose. Konkretere Angaben mag die kleine Regionalbörse, die sich von den Frankfurtern übervorteilt fühlt, nicht machen. Sicher ist aber, dass die für 2003 geplante Handelsplattform Nasdaq Deutschland einen Frontalangriff auf die Deutsche Börse AG darstellt. Die Frankfurter versuchen derzeit, den Banken ihr neues Handelssystem Xetra-Best schmackhaft zu machen. Offenbar mit zweifelhaftem Erfolg, denn nach Medienberichten wollen Dresdner Bank, Commerzbank und comdirect lieber dem amerikanisch-deutschen Neuling den Rücken stärken.

Krieg der Handelssysteme
Nach den Plänen der Berliner Börse sollen künftig alle Orders für Nasdaq-Aktien an die neue Handelsplattform Nasdaq Deutschland gegeben werden. Dafür sollen die deutschen Geldinstitute Partner werden und im Vorstand über die Geschäftspolitik und Konditionen des Handels mitreden. Deutsche Anleger neigen dazu, den Handel auch internationaler Werte über deutsche Börsenplätze abzuwickeln, so Nasdaq-International-Chef John Hilley. Durch die Allianz werde die Berliner Börse mit einem elektronischen Handelssystem nach US-Vorbild zum Tor für den deutschen Handel in US-Werten. Die Berliner Börse soll dabei den Status eines regulierten Handelsplatzes garantieren, die Amerikaner liefern das Image der größten Technologiebörse der Welt. Den Kunden werden mehr Transparenz und billigere Transaktionen durch mehr Liquidität geboten.

Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre warnt vor zu großen Erwartungen an ein größeres Angebot handelbarer Titel: Der Kuchen werde nicht größer, er werde nur unter mehreren Handelssystemen aufgeteilt. Geringe Volumina könnten nicht im Interesse der Anleger sein, sagten die Aktionärsschützer. Ideal wäre vielmehr, wenn sich die Banken auf ein einziges System einigen könnten, betonte auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Diese Chance hat die Deutsche Börse AG mit ihren erfolglosen Übernahmeversuchen verspielt.

Die DBAG versucht nun mit ihrem neuen Xetra-Best-System den Amerikanern den Auftritt zu vermasseln. Der Vorteil für die Banken sei, dass sie die Wertpapieraufträge ihrer Kunden im eigenen Haus abwickeln können, statt sie wie bisher an die Börse weiterzuleiten. Dadurch könnten die Makler- und Abwicklungskosten eingespart werden. Die Banken werden daran sicher verdienen, glauben Aktionärsschützer. Privatanleger sollen mit dem Argument der sofortigen Ausführung ihrer Wertpapieraufträge zu Xetra-Preisen oder noch besseren Konditionen geködert werden. Ob die sofortige Orderausführung für den Privatanleger ausschlaggebend ist, dürfte zu bezweifeln sein, der Preis spielt für viele von ihnen eine wichtige, wenn nicht größere Rolle, so die Einschätzung der Schutzgemeinschaft.

Konkurrenz in den Startlöchern
Günstige Konditionen verspricht die Berliner Börse und sichert den Anlegern durch die Zusammenarbeit mit der Nasdaq den besten Preis beider Börsen zu, so der Berliner-Börse-Vorstand Jörg Walter. An der Nasdaq Deutschland sollen erst einmal die wichtigsten Aktien der amerikanischen Hightechbörse gehandelt werden – darunter auch Schwergewichte wie Microsoft oder Intel. Damit könnten der Deutschen Börse lukrative Werte entgehen, denn diese Werte wurden bisher in Frankfurt gehandelt. Im nächsten Schritt wollen die Berliner das Monopol der Deutschen Börse am Neuen Markt durch Technologieneuemissionen endgültig knacken.

Obendrein wachsen der Deutschen Börse durch alternative Handelssysteme der großen amerikanischen Investmentbanken und die außerbörsliche elektronische Internetbörse (ECN) neue Konkurrenten heran, die ihr Kunden und Marktanteile abjagen. Der schärfere Wettbewerb würde sich in niedrigeren Umsätzen, Erträgen und Renditen niederschlagen. Die Deutsche Börse steht also derzeit ziemlich isoliert da. Auch Euronext, der Zusammenschluss der Börsen von Paris, Brüssel und Amsterdam, hat im Juli 2001 die eigenen Aktien notieren lassen, um Geld für gezielte Übernahmen zu erhalten. Immerhin haben die Euronext-Manager gezeigt, dass sie mit anderen Partnern nicht nur fusionieren, sondern sie auch integrieren können.

Fehlende Sicherheit durch mangelnde Kontrolle
Anlegerschützer fürchten, dass die größte deutsche Wertpapierhandelsgesellschaft künftig – wie andere Industrieunternehmen auch – das Streben nach einem möglichst hohen Shareholder Value über ihre hoheitlichen Aufgaben nach dem Börsengesetz stellen könnte. Die Ausrichtung auf das eigene Umsatz- und Gewinnwachstum kollidiert schon heute mit den Aufsichts- und Kontrollpflichten, wie die unaufhaltsame Geldvernichtung am Neuen Markt zeigt. Besonders makaber ist dies, weil sich die Deutsche Börse AG selber prüft und in erster Instanz den Handel ihrer eigenen Aktien überwacht. Für Wolfgang Gerke, Professor für Bank- und Börsenwesen, ist das ein pikantes Detail, mit dem sich Juristen näher befassen müssten. Für Anleger eher ein abschreckender Mangel an Sicherheit.

Spätestens jetzt müsste allen Verantwortlichen klar sein, fordert die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, dass eine unabhängige Börsenaufsicht nach dem Vorbild der amerikanischen Securities and Exchange Commission (SEC) mit umfassenden Eingriffs- und StrafVerfolgungsbefugnissen dringend gebraucht wird. Das hatte Aufsichtsratschef Breuer auch schon einmal festgestellt, geändert hat es wenig. Zwar hat die Deutsche Börse AG nach langem Hinsehen einige Regeln verschärft, doch der schwer angeschlagene Ruf des Neuen Marktes wurde damit nicht wiederhergestellt. Konsequenzen aus den Pannen der Deutschen Börse AG gab es bisher nicht. Im Gegenteil, der Vertrag von Börsenchef Seifert wurde Ende 2001 um fünf Jahre verlängert. Dem Neuen Markt war eine viel kürzere Lebenszeit beschieden: Am 5. Juni 2003 wurde die deutsche Wachstumsbörse geschlossen – ein halbes Jahr früher als Ende 2002 angekündigt. Der Grund: Am 2. Juni hatte das letzte Unternehmen, das in diesem Segment notiert wurde, diese Skandalbörse verlassen.

Mehr Freiraum für die Banken geben – die Finanzmarktförderungsgesetze

Das vierte Finanzmarktförderungsgesetz fügt sich nahtlos in die Reihe seiner Vorgänger, die den Börsen, Banken und Unternehmen mehr Freiheiten verschafften, ohne die Position des Anlegers zu stärken. In der Börsennovelle 1989 wurde der Computerhandel zugelassen, die Rechte der Kurs- und Freimakler erweitert und der Börsenterminhandel mit Wertpapieren und Edelmetallen liberalisiert. Das erste Finanzmarktförderungsgesetz von 1990 schaffte die Börsenumsatzsteuer ab und führte zur Senkung von Wechsel- und Gesellschaftssteuer. Gleichzeitig wurden den Kapitalanlagegesellschaften mehr Geschäftsfelder eröffnet. Dadurch sanken die Transaktion kosten für die Banken und in geringerem Maße auch die der Anleger, gleichzeitig konnten die Kapitalanlagegesellschaften in neue, riskantere Bereiche vorstoßen. Das zweite Finanzmarktförderungsgesetz schuf 1994 das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel. Zudem wurde der Insiderhandel – bis dahin eher ein Kavaliersdelikt und eine gute Gelegenheit zum Abzocken – nicht zuletzt auf Druck großer internationaler Fondsgesellschaften nun endlich verboten. Wie die zahlreichen Beispiele gezeigt haben, zeigte auch dieses Verbot keine große Wirkung, weil der Nachweis, dass Insiderhandel stattgefunden hat, offenbar kaum von den Gerichten anerkannt wird.

Auch das 3. Finanzmarktförderungsgesetz von 1998 eröffnete vor allem Großanlegern, Fondsgesellschaften und Banken neue Möglichkeiten zur Geldvernichtung: Investmentgesellschaften wurde gestattet mit Terminanlagen zu handeln und Fondsgesellschaften durften neue Fondstypen auflegen. Selbst die Mitteilungspflicht für Emittenten, die ebenfalls 1998 geregelt wurde, erwies sich als Bumerang für die Anleger. Die Verschärfung der Publizitätspflicht führte zu einer Flut von irrelevanten oder bewusst falschen Meldungen, die eher verwirrten als Klarheit schafften.

In einem Punkt haben sich die Väter des vierten Finanzmarktförderungsgesetzes dann doch ein wenig nach vorne gewagt: Seit 1. Juli 2002 darf das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel bei Insiderhandel und bewusster Herbeiführung von Kursschwankungen, selber Sanktionen gegen die Täter verhängen. Dies gilt allerdings nur für kleine Delikte‘ die mit Bußgeld bestraft werden. Die großen Fälle muss das BAWe dann an die zuständige Staatsanwaltschaft weiterleiten. Doch trotz dieses Kompetenzzuwachses wirkt das BAWe im Vergleich zur großen Schwester in den USA, der Securities and Exchange Commission, noch immer wie ein zahnloser Tiger: Die SEC darf Bußgelder bis zu einer Milliarde US-Dollar verhängen und hat auch deutlich mehr Kompetenzen bei der Ermittlung von Straftatbeständen im amerikanischen Wertpapierhandel. Bei Verdachtsfällen kann sie zum Beispiel Telefone abhören und gezielt Konten überprüfen.

Wie wenig selbst strenge Strafen und großzügige Ermittlungskompetenzen gegen die Gier und den Raubtierkapitalismus ausrichten können, der seit dem Beginn der Börsenbaisse im Sommer 2000 das Geschehen auf den Weltkapitalmärkten beherrscht, zeigten die Vorgänge im Sommer 2002 in den USA.

Die Bankgebühren und das Bankservice besser verstehen – hilfreiche Information

Mieser Service und hohe Gebühren sorgen für ständigen Frust bei den Bankkunden. So kostet schon ein Girokonto, über das eine Familie ihre monatlichen Geldgeschäfte abwickelt, jährlich 100 bis 200 Euro. Diese Summe muss der Bankkunde zunächst einmal zahlen, um überhaupt über sein eigenes Geld verfügen zu können. Die Hamburger Sparkasse berechnet den Konteninhabern pro Monat Mindestgebühren von 2,95 Euro. Darin enthalten sind nur die per Urteil des Bundesgerichtshofs vorgeschriebenen fünf Abbuchungen von Bargeld am Automaten oder an der Kasse, alles Weitere kostet extra: Für Überweisungen wurden im Mai/Juni 2002 noch pro Auftrag 0,25 Euro, für die Annahme von Schecks 0,35 Euro berechnet, die Ausführung von Daueraufträgen kostete jeweils 0,13 Euro. Statt der Einzelabrechnung bietet die Bank aber auch komplette Servicepakete an. Da beträgt der Preis für das Basispaket mehr als das Doppelte des Grundpreises – 6,90 Euro – pro Monat. Dafür bekommt der Kunde nur die Kontoführung Alles inklusive – Abbuchungen vom Konto durch Überweisungen, Lastschriften, Barauszahlungen an der Kasse oder an den Automaten des Instituts – alle weiteren Dienstleistungen wie Scheckkarte, Geldkarte oder Kreditkarten werden gesondert berechnet. Die Kontoauszüge muss er sich am Drucker selbst ausdrucken und Zinsen auf sein Guthaben gibt es auch nicht. Wer auf diese Leistungen Wert legt, der muss schon das Top- Paket zum monatlichen Pauschalpreis von 15,30 Euro nehmen.

Deftige Pauschalen bei den Banken
Für die Bank lohnt sich der Abschluss solcher Pauschalarrangements allemal: Die Preise sind schließlich so kalkuliert, dass der Durchschnittskunde immer draufzahlt und die Bank sich die lästige Einzelabrechnung sparen kann.

Bei der Postbank richten sich die Kontogebühren auch nach den monatlichen Eingängen. Kunden mit monatlichen Einkünften von weniger als 1.000 Euro mussten bisher 4,35 Euro zahlen. Doch angesichts generell gestiegener Kosten müssen wir ab dem 1. April dieses Entgelt auf monatlich 5,90 Euro erhöhen, zitierte die Schutzvereinigung von Bankkunden e. V. die Mitteilung der Postbank, die den armen Schluckern unter ihren Kunden immerhin eine Erhöhung um satte 35,6 Prozent zumutete. Die Deutsche Bank 24 verlangt Mindestgebühren von 17 Euro pro Quartal. Darin enthalten sind alle Bankgeschäfte wie Überweisungen, Lastschriften, Scheckbelastungen und Barzahlungen vom eigenen Konto. Die Ausgabe von Geldkarten und Kreditkarten kostet weitere 2,56 Euro; Visa- und MasterCard gibt es ab 20,45 Euro für eine Standardkarte, bis 81,81 Euro für beide Karten in der Goldversion. Auch das Porto für die Zusendung der Kontoauszüge wird natürlich extra berechnet. Guthabenzinsen gibt es allerdings nicht. Wer diese Dienstleistungspalette nicht nutzt, zahlt drauf. Der Kunde kann sich ausrechnen, wann sein Guthaben durch die Gebühren aufgezehrt ist.

Kein Leben ohne Bankkonto
Entkommen kann der Kunde der Gebührenschneiderei der Geldwirtschaft nicht. Durch intensive Marktrecherche – etwa im Internet – lassen sich zwar durchaus preisgünstigere Institute finden, bei denen er Geld sparen kann. Aber meist muss der Kunde bei diesen Vergleichen via Internet den Anbietern seine Adresse und oft genug seine Vermögensverhältnisse preisgeben. Die Banken sitzen am längeren Hebel: Die meisten Bundesbürger sind dem Bankgewerbe hoffnungslos ausgeliefert, ohne Girokonto bei irgendeinem Institut läuft nichts mehr im Wirtschaftsleben der westlichen Industriestaaten. Wer nicht wenigstens eine Kontonummer vorweisen kann, hat keine Chance, eine feste Arbeit zu bekommen, eine Wohnung zu mieten oder einen Telefonanschluss zu bestellen. Egal ob Gehaltsüberweisung, Sparbuch, Aktienkauf, Vermögensverwaltung oder die Hypothek fürs Eigenheim, der Kredit fürs Auto, ja nicht einmal Bafög, Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe – ohne Bankverbindung ist der erwachsene Mensch nicht lebens- und handlungsfähig, weder als Arbeitnehmer noch als Student oder Konsument.

Wegen dieser hohen Abhängigkeit von einer Bankverbindung gab 1995 auch der Zentrale Kreditausschuss (ZKA) – ein Gremium, in dem alle seriösen Kreditinstitute in Deutschland organisiert sind – die Empfehlung an seine Mitglieder heraus, allen Antragstellern die Eröffnung eines Kontos zu gestatten. Damit sollte vor allem solchen Menschen geholfen werden, die arbeitslos, überschuldet und deshalb den Banken lästig sind. Die Sparkassen wurden durch die Sparkassenverordnung der einzelnen Länder sogar verpflichtet, in ihrem Zuständigkeitsbereich, ihrem gewährträchtigem Gebiet, auch für solche Personen, mit denen die Banken eigentlich nichts mehr zu tun haben wollen, ein Konto einzurichten – zumindest auf Guthabenbasis. Das heißt im Klartext: Ein Konto ohne Schecks und ohne Überziehungskredit – gegen die institutsübliche Gebühr.

Im Regelfall kann sich eine Sparkasse nur weigern, einen bestimmten Kunden zu bedienen, wenn es für sie unzumutbar ist, weil – so sieht es beispielsweise das Sparkassengesetz in Nordrhein-Westfalen vor – Dienstleistungen bei anderen Kreditinstituten vom Antragsteller missbraucht wurden.