Deutschland verschärft Krankschreibung: Ärztliches Attest künftig ab dem ersten Krankheitstag Pflicht

Deutschland verschärft die Regeln für Krankmeldungen

Die Bundesregierung plant eine weitreichende Änderung beim Umgang mit Krankmeldungen am Arbeitsplatz. Künftig sollen Arbeitnehmer bereits am ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen müssen. Ziel der Reform ist es, die hohe Zahl krankheitsbedingter Fehltage zu senken und die Produktivität der deutschen Wirtschaft zu stärken. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete die Entwicklung der vergangenen Jahre als problematisch und sprach von einer außergewöhnlich hohen Zahl an Krankheitstagen. Die geplante Reform ist Teil eines größeren Maßnahmenpakets, mit dem die Bundesregierung auf die schwache wirtschaftliche Entwicklung reagieren möchte.

Die Pläne stoßen jedoch auf erheblichen Widerstand. Ärzteverbände, Gesundheitsexperten und Arbeitsmarktforscher warnen vor längeren Wartezeiten in Arztpraxen und einer zusätzlichen Belastung des ohnehin angespannten Gesundheitssystems.

Was sich künftig ändern soll

Bislang gilt in Deutschland grundsätzlich, dass Arbeitnehmer bis zu drei Kalendertage ohne ärztliches Attest krank sein dürfen. Arbeitgeber können allerdings bereits heute verlangen, dass eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung früher vorgelegt wird.

Während der Corona-Pandemie wurden zusätzlich telefonische Krankschreibungen eingeführt. Patienten konnten ihre Hausarztpraxis anrufen, ihre Beschwerden schildern und erhielten anschließend eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, ohne persönlich erscheinen zu müssen.

Diese Möglichkeit wurde 2023 dauerhaft übernommen und erleichterte insbesondere bei Erkältungs- oder Infektionserkrankungen den Zugang zur Krankschreibung.

Nach den neuen Plänen soll dieses Verfahren jedoch abgeschafft werden. Arbeitnehmer müssten dann bereits am ersten Krankheitstag persönlich eine Arztpraxis aufsuchen, um ein Attest zu erhalten.

Warum die Bundesregierung handelt

Auslöser der Reform ist die anhaltend hohe Zahl krankheitsbedingter Ausfälle in Deutschland.

Eine Untersuchung des Berliner Forschungsinstituts IGES im Auftrag der Krankenkasse DAK Gesundheit zeigt, dass Arbeitnehmer im Jahr 2025 durchschnittlich 19,5 Krankheitstage hatten.

Besonders auffällig entwickelte sich der Bereich psychischer Erkrankungen. Die entsprechenden Fehlzeiten stiegen gegenüber dem Vorjahr um fast sieben Prozent.

Atemwegserkrankungen, psychische Belastungen sowie Erkrankungen des Bewegungsapparates verursachen zusammen rund die Hälfte aller Krankheitstage.

Nach Ansicht der Bundesregierung wirken sich diese hohen Ausfallzeiten zunehmend auf Unternehmen und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands aus.

Elektronische Krankmeldung verändert die Statistik

Ein wichtiger Aspekt der aktuellen Diskussion betrifft die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, kurz eAU.

Seit ihrer vollständigen Einführung im Jahr 2023 übermitteln Ärzte Krankmeldungen direkt an die Krankenkassen. Arbeitgeber können die entsprechenden Daten digital abrufen.

Dadurch werden Krankmeldungen deutlich vollständiger erfasst als früher. Nach Einschätzung des IGES-Instituts sind viele kurze Fehlzeiten heute erstmals vollständig in den offiziellen Statistiken enthalten.

Die gestiegenen Zahlen bedeuten deshalb nicht zwangsläufig, dass Arbeitnehmer tatsächlich häufiger krank sind. Ein Teil des Anstiegs dürfte darauf zurückzuführen sein, dass Ausfälle inzwischen genauer dokumentiert werden.

Corona hat das Verhalten vieler Beschäftigter verändert

Neben der verbesserten Datenerfassung sehen Experten einen weiteren Grund für die Entwicklung.

Die Corona-Pandemie hat das Bewusstsein vieler Arbeitnehmer für Infektionskrankheiten verändert. Während früher manche Beschäftigte trotz Erkältung oder Grippe zur Arbeit erschienen, bleiben heute deutlich mehr Menschen zu Hause, um Kollegen nicht anzustecken.

Aus medizinischer Sicht wird diese Entwicklung häufig positiv bewertet. Gleichzeitig führt sie zwangsläufig zu einer höheren Zahl offiziell registrierter Krankheitstage.

Die Bundesregierung argumentiert jedoch, dass Deutschland langfristig eine bessere Balance zwischen Gesundheitsschutz und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit finden müsse.

Produktivität steht im Mittelpunkt der Reform

Die geplante Verschärfung der Krankschreibungsregeln ist Teil eines umfassenderen wirtschaftspolitischen Programms.

Deutschland kämpft seit geraumer Zeit mit einem schwachen Wirtschaftswachstum. Die Bundesregierung hat ihre Konjunkturprognosen bereits mehrfach nach unten korrigiert.

Für das Jahr 2026 wird inzwischen nur noch ein Wachstum von 0,5 Prozent erwartet. Auch für 2027 rechnen Regierung und Bundesbank lediglich mit einer moderaten wirtschaftlichen Entwicklung.

Nach Ansicht von Bundeskanzler Merz können dauerhaft hohe Fehlzeiten die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen zusätzlich beeinträchtigen.

Die neue Attestpflicht soll deshalb dazu beitragen, unnötige Krankmeldungen zu reduzieren und die Zahl der Ausfalltage langfristig zu senken.

Ärzte warnen vor überfüllten Praxen

Aus dem Gesundheitswesen kommt deutliche Kritik an den Plänen.

Medizinische Verbände befürchten, dass künftig deutlich mehr Patienten bereits am ersten Krankheitstag eine Arztpraxis aufsuchen müssten – häufig lediglich, um ein Attest zu erhalten.

Dadurch könnten sich Wartezeiten verlängern und Arztpraxen zusätzlich belastet werden.

Gerade in Regionen mit ohnehin knapper medizinischer Versorgung könnte dies zu erheblichen Problemen führen.

Hinzu kommt, dass viele Patienten mit leichten Erkältungen oder Virusinfekten künftig gezwungen wären, persönlich eine Praxis aufzusuchen. Kritiker sehen darin auch ein erhöhtes Risiko, weitere Menschen anzustecken.

Belastung für Menschen mit psychischen Erkrankungen

Besonders kritisch bewerten Experten die Auswirkungen auf Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Burnout, Depressionen oder Angststörungen zählen bereits heute zu den häufigsten Ursachen längerer Arbeitsunfähigkeit.

Gerade für diese Patientengruppe kann der zusätzliche organisatorische Aufwand einer sofortigen Arztvorstellung eine erhebliche Belastung darstellen.

Arbeitsmediziner weisen darauf hin, dass flexible Arbeitsmodelle, Homeoffice und gezielte Präventionsprogramme häufig wirksamer seien als pauschale Verschärfungen bei Krankmeldungen.

Aus ihrer Sicht sollte die Politik stärker auf Prävention und Gesundheitsförderung setzen, anstatt ausschließlich neue Kontrollmechanismen einzuführen.

Unternehmen hoffen auf weniger Fehlzeiten

Viele Unternehmen verfolgen die Diskussion mit großem Interesse.

Hohe krankheitsbedingte Ausfälle erschweren die Personalplanung erheblich. Kurzfristige Vertretungen müssen organisiert werden, Projekte verzögern sich und Kollegen übernehmen zusätzliche Aufgaben.

Vor allem kleinere Betriebe spüren längere Krankheitswellen häufig besonders stark.

Ob die neue Attestpflicht tatsächlich zu weniger Fehlzeiten führt, ist allerdings umstritten.

Kritiker argumentieren, dass ernsthaft erkrankte Arbeitnehmer selbstverständlich weiterhin krankgeschrieben würden. Gleichzeitig müssten Arztpraxen deutlich mehr Zeit für bürokratische Vorgänge aufbringen.

Wie sieht die Situation in Australien aus?

Auch international wird die deutsche Diskussion aufmerksam verfolgt.

In Australien stehen Vollzeitbeschäftigten grundsätzlich zehn bezahlte Krankheitstage pro Jahr zu.

Bei längeren Erkrankungen können Arbeitgeber und Arbeitnehmer häufig individuelle Lösungen vereinbaren. In vielen Fällen sind längere Freistellungen möglich, wobei arbeitsrechtliche Schutzregelungen zu beachten sind.

Arbeitsmarktexperten halten eine vergleichbare Verschärfung der Krankmeldepflicht in Australien derzeit für wenig wahrscheinlich.

Ein Grund dafür ist, dass viele australische Arbeitnehmer ihre vollständigen Krankheitsansprüche ohnehin nicht ausschöpfen.

Zudem hat sich dort das hybride Arbeiten in vielen Branchen etabliert. Beschäftigte mit leichten Beschwerden können teilweise von zu Hause aus arbeiten und vermeiden dadurch gleichzeitig eine Ansteckung ihrer Kollegen.

Die Debatte dürfte weitergehen

Ob die geplante Reform tatsächlich in der vorgesehenen Form umgesetzt wird, bleibt abzuwarten.

Fest steht jedoch, dass die Diskussion weit über die Frage eines ärztlichen Attests hinausgeht.

Im Kern geht es um den Ausgleich zwischen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, funktionierendem Gesundheitsschutz und dem Vertrauen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Während die Bundesregierung vor allem die Wettbewerbsfähigkeit stärken möchte, warnen Ärzte und Experten davor, dass zusätzliche Bürokratie nicht automatisch zu weniger Erkrankungen führt.

Die kommenden parlamentarischen Beratungen werden zeigen, ob die geplante Attestpflicht tatsächlich eingeführt wird oder ob noch Änderungen am Gesetzentwurf erfolgen.

FAQ

Was soll sich bei Krankmeldungen ändern?

Nach den Plänen der Bundesregierung sollen Arbeitnehmer bereits am ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen müssen.

Wie ist die aktuelle Regelung?

Grundsätzlich ist bisher eine Krankmeldung bis zu drei Tage ohne ärztliches Attest möglich, sofern der Arbeitgeber keine frühere Bescheinigung verlangt.

Warum plant die Regierung die Reform?

Die Bundesregierung möchte die hohe Zahl krankheitsbedingter Fehltage reduzieren und die Produktivität der deutschen Wirtschaft verbessern.

Welche Kritik gibt es?

Ärzte und Gesundheitsexperten befürchten längere Wartezeiten in Praxen, mehr Bürokratie und zusätzliche Belastungen für tatsächlich erkrankte Patienten.

Welche Rolle spielt die elektronische Krankmeldung?

Seit Einführung der eAU werden Krankmeldungen vollständiger digital erfasst. Dadurch sind heute mehr Fehlzeiten statistisch sichtbar als früher.

Wie viele Krankheitstage hatten deutsche Arbeitnehmer zuletzt durchschnittlich?

Nach einer Studie des IGES-Instituts lag der Durchschnitt im Jahr 2025 bei 19,5 Krankheitstagen pro Beschäftigtem.

Welche Erkrankungen verursachen die meisten Fehlzeiten?

Vor allem Atemwegserkrankungen, psychische Erkrankungen und Beschwerden des Bewegungsapparates gehören zu den häufigsten Ursachen.

Ist eine ähnliche Regelung in Australien geplant?

Nach Einschätzung von Experten gilt dies derzeit als eher unwahrscheinlich. Dort spielen flexible Arbeitsmodelle und Homeoffice eine größere Rolle.

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