Immer mehr Deutsche wollen auswandern: Hohe Steuern treiben Fachkräfte ins Ausland
Immer mehr gut verdienende Deutsche denken offenbar über einen beruflichen Neuanfang im Ausland nach. Besonders betroffen sind hochqualifizierte Fachkräfte mit überdurchschnittlichem Einkommen. Laut aktuellen Daten haben mehr als die Hälfte aller Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von mindestens 6.000 Euro innerhalb der vergangenen zwölf Monate nach Stellenangeboten im Ausland gesucht oder sich aktiv über internationale Karrieremöglichkeiten informiert.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes und der Jobplattform Indeed ist dieser Trend bereits seit mehreren Jahren zu beobachten. Seit 2020 hat sich die Zahl der deutschen Arbeitnehmer, die sich beruflich im Ausland orientieren, mehr als verdoppelt. Bereits über 288.000 Menschen haben Deutschland verlassen – ein großer Teil davon sind gut ausgebildete und gut bezahlte Fachkräfte.
Fachkräftemangel könnte sich weiter verschärfen
Während internationale Berufserfahrung grundsätzlich als Bereicherung angesehen wird, sehen Arbeitsmarktexperten die Entwicklung zunehmend kritisch. Virginia Sondergeld, Arbeitsmarktökonomin bei Indeed, betont, dass ein Auslandsaufenthalt zwar wertvolle Erfahrungen und neue Qualifikationen mit sich bringen könne. Gleichzeitig seien die Zahlen jedoch ein deutliches Warnsignal dafür, dass viele Fachkräfte mit ihren Arbeitsbedingungen und Zukunftsperspektiven in Deutschland unzufrieden seien.
Vor allem in Zeiten des anhaltenden Fachkräftemangels könnte die zunehmende Abwanderung hochqualifizierter Arbeitnehmer erhebliche Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft haben.
Höhere Gehälter und bessere Lebensqualität als wichtigste Gründe
Die häufigste Motivation für einen Umzug ins Ausland sind bessere finanzielle Perspektiven. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass sie sich im Ausland höhere Einkommen sowie eine bessere Lebensqualität erhoffen.
An zweiter Stelle folgt der Wunsch nach einem angenehmeren Klima. Für viele spielt außerdem die Aussicht auf bessere Karrierechancen eine wichtige Rolle. Rund 25 Prozent der Befragten glauben, außerhalb Deutschlands schneller beruflich aufsteigen und attraktivere Positionen erreichen zu können.
Hohe Steuerbelastung sorgt für Unzufriedenheit
Als größter Kritikpunkt wird jedoch die hohe Steuer- und Abgabenlast genannt. Rund 70 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Arbeitnehmer in Deutschland im Verhältnis zu ihrem Einkommen zu stark belastet werden.
Viele empfinden zudem, dass sich persönlicher Einsatz und berufliches Engagement finanziell nicht ausreichend auszahlen. Gerade gut qualifizierte Arbeitnehmer stellen deshalb zunehmend infrage, ob Deutschland langfristig noch der attraktivste Arbeitsstandort für sie ist.
Diese Länder stehen besonders hoch im Kurs
Bei der Wahl möglicher Auswanderungsziele stehen mehrere Länder besonders im Fokus.
Am häufigsten genannt wurden das Vereinigte Königreich und die Schweiz, für die sich jeweils rund 13,6 Prozent der Befragten interessieren.
Deutlich an Attraktivität gewonnen haben außerdem die Vereinigten Arabischen Emirate, Indien sowie Australien. Diese Länder verzeichnen innerhalb eines Jahres einen spürbaren Anstieg des Interesses deutscher Fachkräfte.
Die USA bleiben zwar weiterhin das beliebteste Auswanderungsziel, allerdings ist das Interesse deutlich zurückgegangen. Nur noch 14,4 Prozent der Befragten nannten die Vereinigten Staaten als bevorzugtes Zielland – ein Rückgang von nahezu 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Besonders gefragt sind IT, Logistik und Hotellerie
Die größten Chancen im Ausland sehen deutsche Arbeitnehmer vor allem in der Technologiebranche. Besonders gefragt sind Stellen in den Bereichen IT, Softwareentwicklung und digitale Technologien.
Daneben interessieren sich viele Befragte für Jobs in der Hotellerie, der Logistik sowie für klassische Bürotätigkeiten wie Marketing und Human Resources (HR).
Gerade diese Branchen bieten in zahlreichen Ländern attraktive Gehälter sowie internationale Karrieremöglichkeiten.
Deutschland bleibt auf internationale Fachkräfte angewiesen
Zwar gelingt es Deutschland weiterhin, qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland zu gewinnen – insbesondere im IT-Bereich –, dennoch könnte die zunehmende Abwanderung eigener Fachkräfte langfristig zu einem ernsthaften Problem werden.
Die Wirtschaft ist bereits heute in vielen Branchen auf hochqualifizierte Mitarbeiter angewiesen. Sollte sich der Trend fortsetzen, könnten Unternehmen künftig noch größere Schwierigkeiten bekommen, offene Stellen zu besetzen und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.
FAQ
Warum möchten immer mehr Deutsche im Ausland arbeiten?
Die wichtigsten Gründe sind höhere Gehälter, bessere Lebensqualität, attraktivere Karrierechancen sowie die hohe Steuer- und Abgabenbelastung in Deutschland.
Wie viele Deutsche interessieren sich für einen Job im Ausland?
Mehr als die Hälfte aller Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von mindestens 6.000 Euro hat sich innerhalb der vergangenen zwölf Monate über Arbeitsmöglichkeiten im Ausland informiert.
Welche Länder sind besonders beliebt?
Zu den beliebtesten Zielen gehören die USA, die Schweiz, das Vereinigte Königreich, die Vereinigten Arabischen Emirate, Australien und Indien.
Welche Branchen bieten die besten Chancen?
Vor allem IT, Technologie, Logistik, Hotellerie sowie Marketing und Human Resources zählen zu den gefragtesten Bereichen.
Welche Folgen hat diese Entwicklung für Deutschland?
Experten befürchten, dass die Abwanderung gut ausgebildeter Fachkräfte den bestehenden Fachkräftemangel weiter verschärfen und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft beeinträchtigen könnte.
