Das Erwachen der deutschen Börsen AG

Moderne Effektenbörsen, wie wir sie heute kennen, entstanden in den deutschsprachigen Teilen Europas erst verhältnismäßig spät. Die Londoner Börse verfügte 1697 bereits über einen Kurszettel, der an den Marktplätzen ausgehängt wurde, damit sich jeder über die Kurse informieren konnte. Amsterdam folgte mit dieser Errungenschaft erst 1714, allerdings gab es dort schon eine Börsenordnung. Damals waren in Amsterdam 34 Aktiengesellschaften notiert.

Und noch etwas hatten die Holländer den Deutschen und Österreichern voraus: Sie kannten auch schon alle Tricks und Schwindel des Börsengeschäfts. Der Börsenmakler Joseph De La Vega schrieb bereits 1688 das erste Buch über die Börse, also knapp 300 Jahre vor Kostolany, in dem er Strategien, aber auch Manipulationsmethoden detailliert darstellte. Einer der Lieblingstricks jener Zeit war das Erfinden von kursbeeinflussenden Nachrichten. Kommt einem doch irgendwie bekannt vor, oder?

London, Antwerpen und Amsterdam waren also die ersten echten Effektenbörsen. Das bedeutet, dass dort Wertpapiere gehandelt werden, die lediglich nach ihrer Gattung, Stückzahl und ihrem Betrag definiert sind, ohne dass sie tatsächlich körperlich an der Börse vorhanden sein müssen, um gehandelt werden zu können.

Die Wiener Börse wurde erst im September 1771 gegründet, doch blieb es an dieser Börse einige Jahrzehnte recht still. Die Frankfurter Börse begann erst 1816 mit dem regelmäßigen Effektenhandel und war bis zur Reichsgründung 1871 die bedeutendste Börse in Deutschland, bis sie von Berlin abgelöst wurde. Die ersten Aktien wurden in Frankfurt 1820 gehandelt. In Hamburg begann der Effektenhandel 1815. In dieser Zeit dominierten aber immer noch die festverzinslichen Wertpapiere gegenüber den Anteilspapieren.

In den Jahren 1825 und 1826 kam es in England zu einer schweren wirtschaftlichen Krise, der schlimmsten seit dem Südseeschwindel von 1720. Ausgelöst wurde diese Krise durch den restriktiven Eingriff der Bank of England in den überhitzten Finanzmarkt Londons, der zu der Zeit der weltweit größte war. Als Folge brachen 1825 in England über 70 Banken sowie 3 600 andere Unternehmen zusammen. Diese Krise breitete sich dann über Holland und Frankreich auch bis nach Deutschland und Österreich aus.

Die Hauptkrisenursache sah man in Deutschland in den seit 1816 gebräuchlichen Zeitgeschäften. Gemeint war damit der Terminhandel, der sehr schnell mit Scheingeschäften und Schwindel gleichgesetzt wurde, während das normale Kassageschäft als reelles kaufmännisches Handeln galt. 1836 wurden in Preußen alle Zeitgeschäfte verboten. Seit 1840 wurden immer mehr Aktien in Deutschland gehandelt. Dabei konzentrierte man sich auf die neuen Technologien, nämlich auf die Eisenbahn. Industrie- und Bankaktien kamen erst etwas später hinzu. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bedurfte jede einzelne Gründung einer Kapitalgesellschaft einer besonderen Genehmigung durch den preußischen König. Auch in den anderen deutschen Ländern gab es keine allgemeine gesetzliche Regelung der Gründung von Aktiengesellschaften. Erst im November 1843 wurden in Preußen das Börsenwesen und das Aktienrecht festgeschrieben. Aktiengesellschaften konnten nun unabhängig von der Branche, in der sie tätig waren, gegründet werden – mit Ausnahme des Bankensektors.

Die bemerkenswertesten Börsengeschäfte und größten Spekulationskrisen stehen in der Mitte des 19. Jahrhunderts ganz eindeutig im Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau. Bereits die erste deutsche Eisenbahh zwischen Nürnberg und Fürth wurde 1835 mit einem Aktienkapital von 177 000 Gulden gebaut. Die 207 Aktionäre gehörten überwiegend dem bürgerlichen Stand an. Sie waren Kaufleute, Ärzte, Verleger, aber es waren auch Beamte und Offiziere dabei. Die Kurse der ausgegebenen Aktien lagen Ende 1835 20 unter pari, stiegen dann sogar auf 500 Gulden im Jahre 1837 und bewegten sich auch 1847 noch deutlich über 300. Man kann in dieser Zeit von einem wahren Eisenbahnfieber sprechen.

Ab 1840 wurden dann die großen Linien gebaut, so zum Beispiel 1843 die Köln-Mindener Eisenbahn, deren Gesellschaft immerhin mit einem Kapital von 13 Millionen Talern gegründet wurde. Die Rheinische Bahn von Köln nach Antwerpen kam 1837 noch mit 2 Millionen Talern aus. In erster Linie war das breite Publikum noch an der Dividende interessiert, die bei der von Nürnberg nach Fürth fahrenden Ludwigs-Eisenbahngesellschaft schon kurz nach Inbetriebnahme der Bahn bei 17,25 Prozent lag. Überall in Deutschland entstanden neue Eisenbahnlinien. Von Berlin nach Potsdam, von Braunschweig nach Wolfenbüttel, von Düsseldorf nach

Erkrath und von Leipzig nach Dresden. Insgesamt wurden zwischen 1838 und 1846 über 100 Millionen Taler in den Eisenbahnbau gesteckt. Und weil die Renditeerwartung so hoch war, kam es schon damals zu einer Überzeichnung der Aktien, wie wir es auch bei Technologiewerten am Neuen Markt kennen.

Die Eisenbahnaktie als Kapitalanlage war so beliebt, dass der preußische Staat befürchtete, anderen Wirtschaftszweigen würde das Kapital entzogen. Man liebäugelte mit dem Verbot des Baues weiterer Eisenbahnlinien. Das drückte natürlich die Kurse. Aber auch andere Ereignisse konnten sich kursbeeinflussend auswirken. So zum Beispiel die schlimmen Missernten in den Jahren 1846 und 1847, die in den Folgejahren die Eisenbahnaktien in England auf 28 Prozent des vorherigen Kurswerts drückten, während sich die Werte in Deutschland nur halbierten.

Mitte des 19. Jahrhunderts kamen dann neben den Eisenbahn- auch Bankaktien an die Börse, die jedoch anfangs noch misstrauisch beäugt wurden. Es folgten dann die Industrieaktien, auf die man in Frankfurt eher zurückhaltend reagierte, während die Berliner sie durchaus positiv aufnahmen. Zu diesen Industrieaktien gehörten auch etliche Bergwerks- und Hüttenunternehmen, unter anderem die Harpener Bergbau-Actien-Gesellschaft, die 1856 gegründet wurde und die es heute immer noch gibt, obgleich der schweizerische Finanzjongleur Werner K. Rey in den neunziger Jahren versucht hat, das Unternehmen auszuschlachten, während die deutschschweizerische PR-Agentur Trimedia dafür zu sorgen hatte, dass er nach außen hin sein Mäntelchen der Seriosität bewahren konnte, bis er dann für Jahre untertauchte.

Seit den fünfziger Jahren des 19- Jahrhunderts gab es in Deutschland eine rege Investitionstätigkeit, die durch den Deutsch-Österreichischen Krieg 1866 eine leichte Delle bekam, während der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 durch die steigende Nachfrage an Kriegsmaterialien einen zusätzlichen Investitionsschub auslöste.

Die Historiker sind sich darüber einig, dass der Aufschwung der Wertpapierbörsen nach 1850 ohne die Innovationen im Bereich der Informationsvermittlung nicht möglich gewesen wäre. 1848 wurde die erste elektromagnetische Telegrafenverbindung zwischen Frankfurt und Berlin installiert, und schon ein Jahr später gründete B. Wolff in Berlin das Wölfische thelegraphische Bureau-. Wenige Jahre später entstanden mehrere verschiedene Börsenzeitungen, und auch die allgemeinen Tageszeitungen enthielten Börsenberichte und aktuelle Meldungen, die sie von den telegrafischen Büros bezogen.

1862 wurde durch das Allgemeine Deutsche Handelsgesetzbuch das Aktienrecht in Deutschland und Österreich einheitlich gefasst, allerdings nur für Aktiengesellschaften, die gewerbsmäßig Handel betrieben. Die einzelnen Staaten konnten nun auf die Genehmigungspflicht für die Neugründung von Aktiengesellschaften verzichten, doch machten keineswegs alle davon Gebrauch.

Das neue Aktiengesetz des Norddeutschen Bundes von 1870, das 1971 auch von den süddeutschen Ländern und 1874 von Elsass-Lothringen eingeführt wurde, brachte eine weitgehende Liberalisierung. Während die Gesellschaften bisher eine staatliche Konzession brauchten, fiel diese für die Zukunft weg. Nun wurde auch in Preußen die Gründung von Aktienbanken ermöglicht. Übrigens wurden damals auch die Aktiengesellschaften verbindlich verpflichtet, einen Aufsichtsrat als Kontrollorgan des Vorstands einzusetzen.

Zu der Zeit wurden in Berlin 325 Wertpapiere notiert, davon waren knapp ein Drittel in- und ausländische Staatspapiere, die überwiegende Zahl (über 180) unterschiedliche Eisenbahnaktien, und es gab 55 Bank- und Industrieaktien. Frankfurt war hingegen immer noch hauptsächlich auf Staatspapiere konzentriert.

In den Jahren 1871 bis 1873 folgte die so genannte Gründerzeit. Es wurden in Deutschland 928 Aktiengesellschaften mit einem Gesamtkapital von 2,78 Milliarden Euro gegründet. Dabei lag das Schwergewicht in der Montan-, Eisenbahnbaubedarfs- und Maschinenbauindustrie. Jedoch wurden auch in den Jahren 1870 bis 1872 in Deutschland 107 Aktienbanken mit einem Kapital von insgesamt 740 Millionen Euro gegründet, von denen die Deutsche Bank, die Commerzbank und die Dresdner Bank heute noch existieren.

Der Konjunkturaufschwung und das Interesse an Aktien lässt sich ab 1868 als ein internationales Phänomen nach weisen, wobei sich die Österreicher besonders hervortaten. Dort hatte sich zwischen 1866 und 1873 die Zahl der Eisenbahngesellschaften um 185 Prozent vermehrt, die der Industrie- und Baugesellschaften um über 970 Prozent, was die Grundstückspreise enorm in die Höhe trieb, und die der Aktienbanken um 305 Prozent.

An der Börse zockten die Österreicher wie die Wilden. Aber auch die Deutschen machten in Wien mit. Das durch die Reparationszahlungen von Frankreich in Deutschland freigegebene Kapital, rund 2,5 Milliarden Euro bei einem Nettosozialprodukt in Höhe von 16 Milliarden Euro, wurde auch flugs nach Wien transferiert. Ungefähr eine Milliarde wanderte dahin, da der Aufschwung an der Wiener Börse exorbitante Gewinne versprach.

Als es dort im Frühjahr 1873 zu Problemen kam, woran unter anderem ungünstige politische Meldungen Schuld hatten, weitete sich diese Krise innerhalb von wenigen Monaten auch auf die deutschen Börsenplätze aus. Am 9- Mai 1873 war der erste so genannte Schwarze Freitag an deutschen Börsen. Insgesamt sank in Deutschland der Kurswert von 444 deutschen Aktiengesellschaften von 4,5 Billionen auf 2,4 Billionen Euro, also um durchschnittlich 46 Prozent. Das Ausmaß der Gründerkrise war erheblich. Von den zwischen 1870 und 1872 gegründeten 107 Aktienbanken waren am Ende des Jahres 1873 nur noch 34 im Geschäft. Der Rest war pleite. Von den zwischen Sommer 1870 und Ende 1874 allein in Preußen gegründeten 857 Aktiengesellschaften befanden sich Ende 1874 bereits 123 Gesellschaften in Liquidation, 37 waren schon in Konkurs gegangen.

Diese Krise von 1873 hatte viele Parallelen zum heutigen Neuen Markt. Auf die Welle von Neugründungen von Aktiengesellschaften und Börsengängen folgte der tiefe Absturz und eine Auslese zwischen den Unternehmen, bei der es auf ihre Überlebensfähigkeit ankam. Nur die besten Unternehmen blieben übrig. Keine der weiteren Krisen in der Börsengeschichte wies solche Ähnlichkeiten mit der heutigen Situation auf.

Als Konsequenz des Crashs beschloss man 1884 zunächst eine Überarbeitung des Aktiengesetzes, um den Kleinsparer vom gefährlichen Bör- senspiel fern zu halten. Man erhöhte zu diesem Zweck den Mindestnennwert der Aktien auf 1 000 Euro. Damit legte man den Grundstein für eine fast 100 Jahre andauernde Aktienabstinenz bei den Normalverdienern. Man wollte den einfachen Bürger und den unteren Mittelstand schützen, gleichzeitig schnitt man sie aber auch vom Wohlstand durch Vermögenswachstum ab. Arbeiten und Sparen hieß jetzt die Devise. Das freute die Banken. Im Herbst 1881 führten Missstände und Unregelmäßigkeiten bei Termingeschäften zur Entwicklung eines allgemein verbindlichen Gesetzeswerks, das die Tätigkeit der Börse regeln sollte. 1896 wurde das erste deutsche Börsengesetz verabschiedet. Was aus heutiger Sicht bemerkenswert erscheint, sind die umfangreichen Anlegerschutzvorschriften.

Auszug aus dem Börsengesetz vom 22. Juni 1896

  • 7

Vom Börsenbesuche sind ausgeschlossen:
Personen weiblichen Geschlechts;
Personen, welche sich nicht im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte befinden;
Personen, welche in Folge gerichtlicher Anordnung in der Verfügung über ihr Vermögen beschränkt sind;
Personen, welche wegen betrüglichen Bankerutts rechtskräftig verurtheilt sind;
Personen, welche wegen einfachen Bankerutts rechtskräftig verurtheilt sind;
Personen, welche sich im Zustande der Zahlungsunfähigkeit befinden;
Personen, gegen welche durch rechtskräftige oder für sofort wirksam erklärte ehrengerichtliche Entscheidung auf Ausschließung von dem Besuche einer Börse erkannt ist.

  • 38

Vor der Zulassung ist, sofern es sich nicht um deutsche Reichsoder Staatsanleihen handelt, ein Prospekt zu veröffentlichen, welcher die für die Beurtheilung des Werthes der einzuführenden Papiere wesentlichen Angaben enthält. Das Gleiche gilt für die Konvertirungen und Kapitalserhöhungen. Der Prospekt muss den Betrag, welcher in den Verkehr gebracht, sowie den Betrag, welcher vorläufig vom Verkehr ausgeschlossen werden soll, und die Zeit, für welche dieser Ausschluß erfolgen soll, ersichtlich machen.

  • 39

Die Zulassung von Antheilsscheinen oder staatlich nicht garantifer- ten Obligationen ausländischer Erwerbsgesellschaften ist davon abhängig, dass die Emittenten sich auf die Dauer von fünf Jahren verpflichten, die Bilanz sowie die Gewinn- und Verlustrechnung jährlich nach Feststellung derselben in einer oder mehreren von der Zulassungsstelle zu bestimmenden deutschen Zeitungen zu veröffentlichen.

  • 43

Sind in einem Prospekt, auf Grund dessen Werthpapiere zum Börsenhandel zugelassen sind, Angaben, welche für die Beurteilung des Werthes erheblich sind, unrichtig, so haften diejenigen, welche den Prospekt erlassen haben, sowie diejenigen, von denen der Erlaß des Prospekts ausgeht, wenn sie die Unrichtigkeit gekannt haben oder ohne grobes Verschulden hätten kennen müssen, als Gesammtschuldner jedem Besitzer eines solche Werthpapieres für den Schaden, welcher demselben aus der von den gemachten

Angaben abweichenden Sachlage erwächst. Das Gleiche gilt, wenn der Prospekt in Folge der Fortlassung wesentlicher Thatsachen unvollständig ist und diese Unvollständigkeit auf bösliche Verschweigen oder auf der böslichen Unterlassung einer ausreichenden Prüfung seitens derjenigen, welche den Prospekt erlassen haben, oder derjenigen, von denen der Erlaß des Prospektes ausgeht, beruht. Die Ersatzpflicht wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass der Prospekt die Angaben als von einem Dritten herrührend bezeichnet.

  • 75

Wer in betrügerischer Absicht auf Täuschung berechnete Mittel anwendet, um auf den Börsen- oder Marktpreis von Waaren oder Wertpapieren einzuwirken, wird mit Gefängniß und zugleich mit Geldstrafe bis zu fünfzehntausend Euro bestraft. Auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden …

Die gleiche Strafe trifft denjenigen, welcher in betrügerischer Absicht wissentlich unrichtige Angaben in Prospekten (§ 38) oder in öffentlichen Kundgebungen macht, durch welche die Zeichnung oder der Ankauf von Werthpapieren herbeigeführt werden soll.

  • 76

Wer für Mittheilungen in der Presse, durch welche auf den Börsenpreis eingewirkt werden soll, Vortheile gewährt verspricht oder sich gewähren oder versprechen lässt, welche in auffälligem Mißverhältniß zu der Leistung stehen, wird mit Gefängniß bis zu einem Jahre und zugleich mit Geldstrafe bis zu fünftausend Euro bestraft.

Die gleiche Strafe trifft denjenigen, der sich für die Unterlassung von Mittheilungen der bezeichneten Art Vortheile gewähren oder versprechen lässt.

  • 78

Wer gewohnheitsmäßig in gewinnsüchtiger Absicht Andere unter Ausbeutung ihrer Unerfahrenheit oder ihres Leichtsinns zu Börsenspekulationsgeschäften verleitet, welche nicht zu ihrem Gewerbebetriebe gehören, wird mit Gefängniß und zugleich mit Geldstrafe bis zu fünfzehntausend Euro bestraft. Auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.

Bis zum Ausbruch der Ersten Weltkriegs erlebte das Aktienwesen in Deutschland eine neue Blütezeit. Adelige Großgrundbesitzer, aus dem Handwerk erwachsene Industrielle, aber auch das gehobene Bürgertum, Ärzte, Anwälte, Kaufleute und Beamte wussten nicht wohin mit ihrem Geld. Im Jahr 1900 gab es bereits 4500 Aktiengesellschaften und 1909 5222. Ende Juli 1914 wurden die deutschen Börsen geschlossen, aber der Handel mit Wertpapieren an anderen Orten fortgesetzt, bis im Dezember 1917 die Börsen wieder öffnen konnten. In der Nachkriegszeit erfreute sich die Börse auch in breiten Bevölkerungskreisen wieder wachsender Beliebtheit. Kein Wunder, denn die Inflation wurde immer schneller, und mit Aktien konnte zumindest ein Teil des Vermögens vor der Entwertung gerettet werden. Seit einer Änderung im Börsengesetz vom 28. Dezember 1921 durften nun übrigens auch Frauen die Börse besuchen.

Aktienbesitzer haben auch die Inflation 1923 relativ gut überstanden. Sie hatten während der Inflationszeit zwar ein Fünftel ihres Vermögens verloren, aber diejenigen, die ihr Geld in vermeintlich sicheren Staatsanleihen angelegt hatten, verloren praktisch alles. 1924, nach der Einführung der Reichsmark, stabilisierten sich die Aktienkurse wieder und erreichten 1927 während der Zeit der Weimarer Republik ihren Höchststand. In der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 folgte ein kräftiger Absturz, 1931 und 1932 wurden die Notierungen wegen der Bankenkrise zeitweilig ausgesetzt.

Durch den Zweiten Weltkrieg haben natürlich auch die Aktienbesitzer hohe Verluste erlitten, der Grund waren Enteignungen, Demontage oder Zerstörung vieler Betriebe. 1945 hatte sich das Vermögen eines Aktionärs gegenüber 1933 ungefähr halbiert, während diejenigen, die ihr Geld in Anleihen angelegt hatten, 86 Prozent verloren hatten. Der Aktionär stand also wieder relativ gut dar.

Und mit der Währungsreform 1948 wurden alle Schuldverschreibungen des Staates wertlos, ebenso das Bargeld; andere Anleihen wurden auf ein Zehntel ihres Wertes gekürzt. Trotzdem hat es sehr lange gedauert, bis das breite Publikum in Deutschland wieder für Aktien zu begeistern war.

Warum die Deutschen der Börse so lange misstrauten
Schlechte Erfahrungen während der Kaiserzeit, Weltwirtschaftskrise und Angst vor Kriegen waren einige der Gründe, weshalb die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg so lange aktienabstinent waren, obwohl die Fakten eigentlich für Aktien sprachen. Weil im Zweiten Weltkrieg das verloren ging, was bis dahin den Wert eines Unternehmens ausgemacht hatte – Fabriken, Anlagen, Menschen und Märkte — waren in der Nachkriegszeit Aktien in der öffentlichen Meinung risikobeladene Besitzanteile, deren Dividende von anderen Geldanlagemöglichkeiten zum Teil erheblich übertroffen wurden. Die Kursbewegungen waren verhältnismäßig gering und Spekulationen erforderten besondere Kenntnisse und einen hohen finanziellen Einsatz. Außerdem bestand auch bei den Banken und Sparkassen ein elementares Interesse daran, andere Geldanlagen zu fördern, allen voran das Sparbuch. Deshalb legten sie die Hürden für den Aktienkauf und Aktenbesitz auch besonders hoch. Mit den Spareinlagen ließen sich wunderbar die Kredite für die Unternehmen finanzieren. Ein risikoarmes und lukratives Geschäft. Auch die Regierung sah im Sparen das Glück des kleinen Mannes und hatte kaum ein Interesse daran, etwas zu verändern.

Erst als der Bundesbürger (besonders die junge Erbengeneration) das bisher so ungewohnte Risiko einer Geldanlage entdeckte und mehr an Verzinsung als von Sparbüchern und Anleihen wollte, als auch die Wirtschaft die Börse zunehmend als leichte Geldquelle entdeckte, erst da begann in Deutschland so etwas wie Aktienkultur. Nicht die Volksaktie von VW im Jahre 1961 löste den Aktienboom in Deutschland aus, sondern erst die groß angelegte Werbekampagne für die Deutsche Telekom im November 1996, also 35 Jahre später.

Privatkunde als Anleger werden

Was interessiert uns der kleine Mann, war lange die Devise. Das große Geld sollten Fusionen, das so genannte Investmentbanking bringen. Alle Banken der Welt, ob groß, ob klein, waren auf Globalisierungskurs und damit auf den Spuren der Wirtschaft. Die große Welt, das war ihr Feld. Der Kleine hatte (fast) keinen Platz mehr im Kerngeschäft.

Doch jetzt reißen sich wieder alle um den Privatkunden. Die ganz Großen der Finanzbranche stellen sich (zum wiederholten Male) ganz neu auf, von Deutscher bis Commerzbank. Es gibt nur noch zwei Säulen: Firmen und – man wird’s nicht glauben – Privatkunden. Die sind keine Peanuts mehr, die sollen’s jetzt bringen, wenn den bisherigen Paradepferden (Investmentbank, Merger & Acquisitions) die Puste ausgeht.

Die Deutsche Bank will den Bereich Retailbanking, auf Deutsch Mengenkundengeschäft, ausbauen. Die Zahl der Privatkunden soll bei der Tochter Deutsche Bank 24 von heute 10,5 Millionen bis 2004 auf mindestens 13,5 Millionen steigen. Finanzdienstleistungen sind das große Geschäft. Die verschiedenen Dienstleistungen und Produkte geschickt miteinander zu vernetzen, aus einer Hand dem Kunden zu präsentieren (und zu verkaufen) – das ist die neue Masche.

Von der Lebensversicherung über die Altersvorsorge bis zur Planung der Erbschaft: Connectivity, sagt der Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer dazu, also die Produktbereiche einer Bank oder eines Finanzdienstleisters mit dem Vertrieb so zu verkuppeln, dass alles eins ist. Das soll dem Kunden jetzt als großartiger Fortschritt verkauft werden.

Früher haben die Kunden klaglos und stets respektvoll alles hingenommen, was ihnen von der Geldwirtschaft so zugemutet wurde. Ein Prozent vom Kurswert mussten sie zahlen, wenn sie Aktien kaufen oder verkaufen wollten. Beratung? Bewahre, eher noch kleine Zusatzabzockereien. Wer sagte denn, dass die Bank innerhalb ihrer Organisation die Geschäfte sofort und zu einem für den Kunden günstigen Kurs ausführen sollte? Limits setzen bei Aktiengeschäften – unbekannt!

Man staunt, was alles möglich wird, wenn Bankbeamte“ endlich auf- wachen. So schaffte die Dresdner Bank 1999 im Privatkundengeschäft eine Vor-Steuer-Rendite von 10 Prozent. Das war schon was. Im Jahr 2000 lag sie bereits bei fast 20 Prozent. Und im Jahr 2003 wird sie 30 Prozent verdienen. Dafür soll die Zahl der Geschäftsstellen um 300 auf 850 reduziert werden, wobei 10 Prozent der bestehenden 50 000 Arbeitsplätze wegfallen. Bei der Dresdner darf sich der Kunde dann selbst aussuchen, welche Dienstleistung er wünscht, ob er sich mit den billigeren Leistungen für die weniger vermögenden Kunden zufrieden gibt oder ob er mehr Service will – der dann auch mehr kostet. Bei den Blauen (Deutsche Bank) läuft es ähnlich.

Die Analysten der Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter (MSDW) haben den Markt der Privatkunden detailliert analysiert. Fazit: Das Geschäft mit den vermögenden Privatkunden wird durch die Aktienmärkte und die wachsende Zahl der Erben immer mehr an Bedeutung gewinnen. Und es ist lukrativ.

An der Spitze die Schweizer Bank Crédit Suisse. Sie erwirtschaftet einen Gewinn vor Steuern von 0,75 Prozent des verwalteten Vermögens. Das heißt, von jeder Million, die man in die Hände der Bank gibt, damit sie daraus ein bisschen mehr macht, bleiben 7500 Euro bei ihr als Gewinn hängen. Entweder sind die Schweizer besonders tüchtig oder sie haben sich besonders gut und wirtschaftlich organisiert. Wahrscheinlich beides. Die Deutsche Bank bringt es nur auf 0,36 Prozent. Aber sie will bis 2004 weltweit unter die Top 3 gelangen, ein begehrter Platz, um den sich auch J. P. Morgan Chase, Merrill Lynch und die City Group bemühen.

Die großen Gewinne machen alle, ob Sparkasse, Volksbanken oder Privatbanken, nicht bei Giro- oder Sparkonten, obwohl diese die eigentliche Masse des Geschäfts darstellen. Interessant wird es erst bei den Wohlhabenden. Wer bei der Deutschen Bank nur 50 000 Euro mitbringt, muss jährlich 1 Prozent vom Vermögen als Basispreis zahlen, wenn er eine Beratung haben will, und er zahlt auch für so genannte Strategiegespräche, Finanzanalysen und Depotverwaltung. Billiger wird der Service für den, der schon mehr hat, bevor er sich mit der Bank einlässt. Ab

100 000 Euro liegen die Gebühren nur noch bei 0,2 Prozent, die Provisionen für Wertpapiergeschäfte fallen zusätzlich an – zwischen 0,1 und 0,3 Prozent, je nach Auftragshöhe. Obwohl es in der Bankenbranche keine allgemein gültigen Abgrenzungen gibt, sieht es so aus, dass man Anlagebeträge zwischen 25 000 und 250 000 Euro dem so genannten Massengeschäft mit Wohlhabenden zuschlägt. Die eigentlich Reichen beginnen für viele Banken erst bei einer Mindestanlage von 250 000 Euro.

Wer mindestens 750 000 Euro zur Bank trägt, gehört zu den vermögenden Privatkunden (High Net Worth Individuals HNWI). Sehr vermögend (Ultra High Net Worth Individuals UHNWI) sind Private mit einem Geldvermögen von mindestens 30 Millionen Euro, so eine Studie von Merrill Lynch und der Beratungsgesellschaft Cap Gemini Ernst & Young. Diesen Gruppen lässt man dann nicht nur eine Beratung angedeihen, sondern stellt ihnen auch ein spezielles Wealth Management (so was gibt’s!) zur Seite. Umfang und Beratung sind nach oben offen, die zu kassierenden Honorare ebenfalls, aber bei einigen Banken gelten rund 18 000 Euro für Gebühren als unterer Richtwert. Das wissen besonders die Privatbanken zu schätzen, die sich zum Teil schon seit ein paar hundert Jahren um die wirklich Reichen kümmern.

Besonders gern gesehen sind Unternehmerfamilien, die nicht nur das Unternehmens-, sondern auch das private Vermögen verwalten lassen und die sich mit Nachfolgeregelungen und Erbschaftsfragen hemmzuschlagen haben, an denen ganze Scharen von Beratern verdienen. Aber durch die lange Phase der wirtschaftlichen Stabilität sind die Privatvermögen auch in Deutschland stark gewachsen. Nicht mitgewachsen ist die Dienstleistungsbereitschaft der Banken. Deshalb ist das Geschäft mit den Privatkunden zurzeit noch unterentwickelt.

Um diesen Mangel zu beheben, hat die Deutsche Bank schon 1999 den Studiengang zum Financial Consultant in Zusammenarbeit mit der Ruhruniversität Bochum eingerichtet. Normale Bankangestellte, die zwar befähigt sind, aber nicht immer über viel Wissen und Fingerspitzengefühl verfügen, werden zu hoch qualifizierten Generalisten trainiert. Nicht nur durch Fachwissen, sondern auch durch eine ordentliche Portion Psychologie. Die wird gebraucht, um den Privatkunden über die Hürden der Gebühren zu helfen und ihnen die Produkte des Hauses schmackhaft zu machen. Egal, zu welchem Geldtyp Sie zählen: Sie sollten immer selbst nachrechnen, was versprochen wird, nachfragen, bis Sie verstehen, worum es geht, und nicht nur aufs Ergebnis starren. Ganz wichtig auch: das Klein gedruckte lesen. Wer sich dann die Zeit nimmt, um auch noch bei der Konkurrenz der Bank seines Vertrauens vorbeizuschauen, wird manche Entscheidung vielleicht doch noch einmal überdenken.

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser
Wer sich nicht selbst um die Anlage seines Vermögens kümmern kann oder will, musste in der Vergangenheit viel Vertrauen mitbringen und war vor bösen Überraschungen nie ganz gefeit. Jede Aktion der Banken kostet Geld, und je schneller und heftiger die Vermögensverwalter die Anlagen umschichteten, desto größer wurden die Gebühreneinnahmen, bis von manchen Vermögen überhaupt nichts mehr übrig blieb. Ein Finanzdienstleister (Firstfive Deutschland AG) hat die Marktlücke entdeckt, indem er vermögenden Privatkunden und professionellen Vermögensverwaltern einen Portfoliovergleich anbietet. Damit kann ein Anleger die Leistungen seiner Bank mit denen der Konkurrenz vergleichen. Kein Herrschaftswissen mehr, Einblicke in die Strategien der ganz Großen nehmen – prima. Bislang streng gehütete Geschäftsgeheimnisse werden nachvollziehbar: wann und zu welchem Preis wie viele Aktien eines Unternehmens für das jeweilige Kundenportfolio gekauft worden sind – oder auch nicht. Um die Dienste in Anspruch nehmen zu können, muss man ein Mindestdepotvolumen von einer Million Euro verwalten lassen und Firstfive für die < Informationen 2300 Euro pro Jahr zahlen.

Ein halbes Jahr nach dem Start im Jahre 2000 konnten die Hessen bereits die Bewegung von 120 Depots verfolgen, die immerhin ein Vermögensvolumen von min. 500 Millionen Euro repräsentierten. Natürlich nur ein winziger Ausschnitt der gesamten Anlagesumme der Deutschen. Aber als Firstfive im Dezember 2000 zum ersten Mal die Ergebnisse der Untersuchungen präsentierte, zeigte sich überraschenderweise, dass unabhängige Institute besser abschnitten als große, prominente Adressen. Die Vermögensverwaltung Franzen & Gerber schaffte innerhalb von zwölf Monaten eine positive Wertentwicklung von 38,3 Prozent, die Schweizer Rothschild Bank von 32 Prozent und eine kleine Raiffeisen-Volksbank in der Rhön immerhin 24,9 Prozent. Wer sein Geld allerdings an der falschen Stelle deponiert hatte, musste auch mit einem Minus von 20 Prozent leben. Um allerdings zum Beispiel mit der Raiffeisen-Volksbank Rhön-Grabfeld ins Geschält zu kommen und die Rendite von fast 25 Prozent kassieren zu können, muss man mindestens 250 000 Euro mitbringen. Die Rendite in Höhe von fast 62 500 Euro jährlich ist kein Pappenstiel. Ob Privatleute, die nebenher ihr Vermögen selbst verwalten, auch auf solche Zahlen kommen?

Finanzprodukte an der Börse im Überblick

Bisher war im Zusammenhang mit Privatanlegern hauptsächlich von Investitionen in Aktien die Rede. Die Aktie hat so was Althergebrachtes, Solides; sie flößt selbst dem Börsenneuling ein Gefühl von Sicherheit ein. Wem das auf die Dauer zu langweilig wird, für den gibt es noch eine Reihe weiterer Finanzprodukte, von denen manche sicher ausreichend Nervenkitzel bieten. Das muss jedoch nicht sein. Hat man sich erst einmal mit den verschiedenen Möglichkeiten der Geldanlage an der Börse vertraut gemacht, so erkennt man bald, dass hier nicht nur Zocker und Spielsüchtige um das ganz große Ding pokern. Wer Optionsscheine und Derivate lieber in das Reich der Kristallkugeln und Handlinien verbannt sehen möchte, sollte sich doch wenigstens mal ein paar Gedanken über Anleihen oder Fonds machen.

Die Stückaktie: nennwert-, aber nicht wertlos
Für einen Kleinanleger kann es zum Beispiel zur Risikostreuung durchaus wichtig sein, dass er jede Aktie einzeln kaufen kann, um sich so zumindest ein kleines Portfolio aus verschiedenen Werten anzulegen. Das ist dank der Regionalbörsen als Vörreiter inzwischen möglich. Ein Stück zu kaufen, das war früher nicht drin, da mussten es gleich 50 sein, und das ging für manchen allzu sehr ins Geld. Die Ursache für diese Mengenregelung lag im Verwaltungs- und Kontrollaufwand, der durch immer modernere elektronische Handelssysteme so weit verbilligt werden konnte, dass jetzt auch Minitransaktionen kostengünstig auszuführen sind.

Und noch etwas hat sich, für viele Aktionäre unbemerkt, geändert. Heute haben viele Aktien keinen Nennwert mehr. Früher gab es eine 50- Euro-Aktie, eine 5-Euro-Aktie – das ist alles vorbei. Heute kaufen Sie eine Aktie für 20 Euro, und die kostet eben 20 Euro an der Börse, aber es steht kein Nennwert darauf, der Ihnen genau sagt: Mit diesem Wert bist du am Unternehmen beteiligt, und was darüber hinausgeht, ist Kursgewinn. Dennoch erwerben Sie mit dem Kauf einer Aktie nach wie vor eine Unternehmensbeteiligung, und diese richtet sich immer noch nach dem Grundkapital des Unternehmens.

Bis 1998 war es eine zwingende Vorschrift, dass an den deutschen Börsen gehandelte Aktien einen Nennwert haben mussten, der auch auf der Urkunde aufgedruckt war. Eine Aktie im Nennwert von 50 Euro zum Beispiel verbriefte dem Aktionär eine Beteiligung in genau dieser Höhe am Grundkapital der Gesellschaft. Der Kurswert liegt natürlich in der Regel deutlich höher als der Nennwert. Bis zum Jahre 1994 betrug der Mindestnennwert einer deutschen Aktie 50 Euro oder einen höheren Wert, der sich durch 50 teilen lässt, sodass die Aktien vergleichbar blieben. Dann wurde der Mindestbetrag auf 5 Euro herabgesetzt. Seit 1998 ist der Nennwert der Aktien auf einen Euro oder ein Vielfaches davon reduziert, und es wurden erstmals auch in Deutschland nennwertlose Aktien erlaubt.

Der Wert der nennwertlosen Aktie bezieht sich nicht auf einen festen Betrag, sondern auf einen bestimmten Anteil am Grundkapital des Unternehmens. Es existieren zwei Formen: die unechten nennwertlosen Aktien ‚ oder Quotenaktien und die echten nennwertlosen Aktien. Auf echten nennwertlosen steht nur Stück“ auf der Urkunde, deshalb werden sie auch Stückaktien genannt. Es wird weder ein absoluter noch ein prozentualer Anteil am Grundkapital des Unternehmens auf der Aktie angegeben. Die Höhe des Grundkapitals ist variabel und hängt davon ab, wie viel Kapital die Aktionäre eingezahlt haben. In diesem Fall errechnet sich der Anteil, den die einzelne Aktie verbrieft, wie folgt: Man teilt das vorhandene Grundkapital von dem Tag, als die Aktie ausgegeben wurde, durch die Anzahl der ausgegebenen Aktien.

Auf unechten nennwertlosen Aktien steht ebenfalls Stück, zusätzlich wird aber ein fester Quotient angegeben, der den prozentualen Anteil am Grundkapital bezeichnet. Solche Wertpapiere werden deshalb auch Quotenaktien genannt. Bei dieser Form der nennwertlosen Aktie ist die Höhe des Grundkapitals festgelegt. Der Anteil, den die Aktie verbrieft, ergibt sich durch Multiplikation des angegebenen Quotienten mit dem Grundkapital der Aktiengesellschaft.

In Deutschland und anderen europäischen Ländern wurde die bis dahin verbotene nennwertlose Aktie eingeführt, weil vor Beginn der europäischen Währungsunion und vor der Umstellung der Währungen auf den Euro die Aktien im Euroland vergleichbar gemacht werden sollten. Hätte man jeweils die Nennwerte nur in Euro umgerechnet, wären überall krumme Beträge entstanden – nicht nur unpraktisch, sondern auch verboten. Aus einer 50-Euro-Aktie wäre dann eine 25,5646-Euro-Aktie geworden. Viele Aktiengesellschaften haben inzwischen von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, Stückaktien zu begeben. Und man geht davon aus, dass diese die alten Nennwertaktien früher oder später ganz ablösen werden.

Aktionäre, nutzt eure Rechte!
Ob Nennwert- oder nennwertlose Aktien – für den Aktionär ändert sich eigentlich nichts, denn nach wie vor richtet sich die Zahlung der Dividende nach dem Anteil am Grundkapital, das die Aktie verbrieft, egal, ob dieses nun variabel ist oder fest. Der Aktionär behält die gleichen Rechte, die er vorher auch schon hatte.

Diese sind im Einzelnen:

  • Recht auf Teilnahme an der Hauptversammlung,
  • Auskunfts- und Stimmrecht,
  • Dividendenrecht,
  • Bezugsrecht sowie
  • Recht auf Anteil am Liquidationserlös.

Die in der Regel einmal jährlich stattfindende Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft beschließt über die Verwendung des Bilanzgewinns, also auch darüber, ob und in welcher Höhe eine Dividende gezahlt wird, über die Entlastung des Vorstands und über eventuelle Kapitalerhöhungen beziehungsweise eine Kapitalherabsetzung. Hier hat der Aktionär das Recht auf Auskünfte über die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens. Er darf sich auch an den Abstimmungen zu den Beschlüssen der Hauptversammlung beteiligen, persönlich oder über eine Vollmacht, die er einer anderen Person oder einer Aktionärsvereinigung oder seiner Bank gibt. Macht es euch aber nicht zu bequem, indem ihr anderen das Sagen überlasst! Vergesst, dass ihr auf Hauptversammlungen mehr mit belegten Brötchen als Realdividende statt mit handfesten Daten aus euren Unternehmen zufrieden gestellt wurdet. Alles Vergangenheit. Das Würstchen Aktionär ist heute wer, wie es auch Rolf-E. Breuer vom Primus Deutsche Bank gemerkt hat: Der private Kunde bestimmt das Geschehen. Donnerwetter, was für eine Wende! Aber nun macht auch was draus.

Eine Ausnahmestellung nehmen auf Hauptversammlungen Inhaber von Vorzugsaktien ein. Vorzugsaktien haben in der Regel kein Stimmrecht. Als Ausgleich erhält der Vorzugsaktionär meist Anspruch auf eine höhere Dividende als die der Stammaktien, und er wird bei einer eventuellen Liquidation seines Unternehmens bevorzugt, was in einer solchen Situation sicher nur ein kleiner Trost sein kann. Die Dividende wird normalerweise einmal jährlich nach der Hauptversammlung an alle Aktionäre ausgezahlt, das heißt, wenn genügend Gewinn erwirtschaftet worden ist. Denn sie wird aus dem Bilanzgewinn ausgeschüttet. Und wenn kein oder ein zu kleiner Gewinn erzielt wurde, gibt es auch keine Dividende für die Aktionäre.

Bei einer Kapitalerhöhung wird das Grundkapital einer Aktiengesellschaft durch die Ausgabe neuer Aktien erhöht. Die Aktionäre erhalten entsprechend der Anzahl ihrer alten Aktien ein Bezugsrecht für neue Aktien. Das Bezugsverhältnis wird vorher festgelegt. Bei einem Bezugsverhältnis von beispielsweise 2:1 kann der Aktionär für jeweils zwei alte Aktien eine neue beziehen. Wenn er dazu keine Lust hat, kann er auch seine Bezugsrechte an der Börse verkaufen. Natürlich kann er sich auch weitere Bezugsrechte dazukaufen.

Die Rechte der Aktionäre bestehen so lange, wie es die Aktiengesellschaft gibt. Im Falle ihrer Auflösung kann der Aktieninhaber dann immer noch sein Recht auf Anteil am Liquidationserlös wahrnehmen. Immer mehr Unternehmerfamilien, die sich vor einigen Jahren zum Börsengang entschlossen, haben jetzt die Nase voll von den vielen Berichten, die sie abgeben müssen, von den Analysten, denen sie Rede und Antwort stehen sollen, und von dem Kampf um den Börsenkurs, genannt Kurspflege. Sie wollen sich wieder um ihr Unternehmen kümmern und machen deshalb ein Going private. Dazu gehört im Zweifelsfall auch die Liquidierung der AG. Also kein Thema, das man links liegen lassen sollte.

Aktienkauf für Anfänger – Kleinanleger werden beschleunigt

Das im November 1997 eingeführte vollelektronische Handelssystem Xetra (Exchange Electronic Trading System) hat den Parketthandel inzwischen weitgehend verdrängt. Mittlerweile beträgt der Marktanteil von Xetra nahezu 90 Prozent am Umsatz in den Standardwerten des DAX und über 50 Prozent im Neuen Markt. Xetra löste die frühere Computerbörse IBIS ab, wo nur Banken untereinander handeln durften. Über Xetra sind die 5 500 an der Frankfurter Wertpapierbörse notierten Aktien handelbar, außerdem etwa 10 700 Optionsscheine.

Xetra hat auch Kleinanlegern eine längere Handelszeit börsentäglich von 9 bis 20 Uhr ermöglicht. Früher war dies nur während der Zeit des Parketthandels, also am Vormittag, möglich. Bei Stückzahlen unter 100 konnten früher Aktienkäufe oder Verkäufe sogar nur einmal täglich zur Kasse bei der Feststellung der Einheitskurse getätigt werden. Die Kassa- Notierungen sind inzwischen völlig abgeschafft worden.

Xetra macht den Handel schneller, billiger und auch transparenter, seitdem auch der Kleinaktionär neuerdings direkt ins Orderbuch schauen kann. Durch die vollelektronische Zusammenführung aller Kauf- und Verkaufsaufträge können sie schnellstens ausgeführt werden, egal ob man eine Aktie oder ein ganzes Paket kauft oder verkauft. Außerdem braucht man keinen Makler mehr, spart also die Courtage. Durch die Automatisierung sinken insgesamt die mit einer Order verbundenen Transaktionskosten. Bei Xetra erhalten alle Marktteilnehmer in Deutschland ebenso wie im Ausland gleichberechtigt Zugang zur Handelsplattform. Alle können einen Blick in das Orderbuch werfen, das zeigt, zu welchen Preisen und Mengen jeder gehandelte Wert angeboten und nachgefragt wird. Damit wird der Markt vollkommen transparent und der Aktionär kann besser auf neue Bewegungen reagieren.

Wie man Aktien kauft und verkauft, möchte ich Ihnen zunächst anhand des traditionellen Parketthandels veranschaulichen. Dies zeigt die grundsätzliche Funktionsweise der Börse am besten, auch wenn sich beim Computerhandel über Xetra inzwischen etwas geändert hat.

Kaufaufträge und natürlich auch Verkaufsaufträge, Kauforders oder Verkaufsorders genannt, kann man persönlich, schriftlich, telefonisch oder per E-Mail an die Bank geben. Die Order wird von der Bank an einen Makler weitergeleitet, der für die weitere Ausführung des Auftrags zuständig ist. Da Aktien immer als Stücke verkauft und nicht geteilt werden können, gibt es am Markt keine halben, Viertel- oder Achtelaktien. Deshalb kann man auch nicht zur Bank gehen und sagen: Ich hätte gern für 2 500 Euro Aktien von dieser oder jener Firma. Man sollte sich vielmehr zunächst über den Kurs informieren und muss dann im Rahmen des Kaufauftrags der Bank die gewünschte Stückzahl mitteilen.

Das kann wiederum im Rahmen eines unlimitierten oder eines limitierten Auftrags geschehen. Ein unlimitierter Auftrag besagt, dass die Bank die Aktien billigst kauft. Das bedeutet aber nicht zum niedrigsten Tageskurs und es bedeutet auch nicht, dass dieser Auftrag überhaupt zu einem niedrigen Kurs ausgeführt wird. Es kann durchaus sein, dass die gewünschten Aktien an einem bestimmten Börsentag vielleicht überhaupt nicht angeboten werden oder vielleicht nicht in einer der Nachfrage entsprechenden Menge. Dann wird der Auftrag eben, sofern möglich, am Folgetag ausgeführt. Wer also glaubt, dass die Kauforder billigst ihm den niedrigsten Tageskurs beschert, irrt. Niemand an der Börse weiß bei Börsenbeginn, wie sich der Kurs im Laufe des Tages entwickelt, und jeder Makler wird aufgrund seiner Erfahrung und seiner persönlichen Einschätzungen zu unterschiedlichen Entscheidungen kommen, wann genau ein Geschäft zu den bestmöglichen Konditionen ausgeführt werden kann. Ist es dann getätigt, hat sich die Sache erledigt.

Das Gleiche gilt übrigens auch für den Verkauf von Aktien. Der unlimitierte Auftrag bedeutet, dass die Verkäufe durch die Bank bestens getätigt werden. Es soll also der höchstmögliche Kurs erzielt werden, jedoch macht der Verkäufer der Bank keine Vorschriften, wie die Untergrenze beim Verkauf aussehen soll. Die Aktie soll nur weg. Bedenkt man, dass einige Aktien am Neuen Markt innerhalb eines Tages um 40 Prozent im Preis gerutscht sind, kann man sich vorstellen, dass etliche Verkäufer mit unlimitierten Aufträgen am Ende lange Gesichter machten, als sie sahen, welchen besten Kurs die Bank für sie gerade noch erzielt hat. Möchte man sich gegen unliebsame Überraschungen absichern, sollte man einen limitierten Auftrag erteilen. Man gibt der Bank an, zu welchem Kurs man kaufen oder verkaufen möchte. Der Kaufauftrag wird nur dann ausgeführt, wenn der Preis der Aktie das festgesetzte Limit nicht über schreitet. Beim Verkauf ist es dann genau anders herum. Die Aktie wird nur dann verkauft, wenn eine bestimmte Untergrenze nicht unterschritten wird. Auch hier muss der Auftraggeber damit rechnen, dass die von ihm gewünschten Geschäfte nicht immer für den günstigsten Kurs des Tages ausgeführt werden, aber er ist zumindest sicher, dass die vielleicht unangenehmen Überraschungen nicht zu groß werden.

Aktienkäufer und Aktienverkäufer sollten sich auch darüber Gedanken machen, welchen Zeitrahmen sie der Bank für die Ausführung des Auftrags setzen wollen. Die übliche Gültigkeitsdauer eines Auftrags reicht bis zum Ende des Monats, in dem er erteilt worden ist. Damit räumt man der Bank einen gewissen Spielraum ein, den diese dafür nutzen kann, ihren Kunden zu zeigen, über welches Können und Fachwissen sie verfügt. Denn ein Monat kann heute an der Börse ein verdammt langer Zeitraum sein. Kauft die Bank am Anfang des Monats bereits zu einem günstigen Kurs ein und steigt dieser an den darauf folgenden Tagen oder Wochen, wird das den Aktionär überglücklich machen. Verpasst sie den richtigen Zeitpunkt, ist sie für die Mehrkosten oder für die Verluste zwar nicht haftbar, hat aber einen unzufriedenen Kunden. An der Börse ist es eben nicht wie in einem Supermarkt, bei dem ja fast überall das Motto gilt: Wer zu früh kauft, den bestraft das Sonderangebot.

Wer als Aktienkäufer oder Verkäufer alles möglichst genau unter Kontrolle haben möchte, kann seinen Auftrag auch nur mit Tagesgültigkeit aussprechen. Wenn das Geschäft zustande kommt, ist es in Ordnung, wenn nicht, verfällt die Order und muss vom Kunden erneut ausgesprochen werden.

Wer sein Aktiendepot gegen extreme oder überraschende Kursverluste absichern möchte, zum Beispiel wenn er über längere Zeit in Urlaub fährt, kann eine so genannte Stop-loss-Order aussprechen. Das heißt, er gibt seiner Bank den Auftrag, eine bestimmte Aktie sofort bestens zu verkaufen, wenn der Kurs dieser Aktie unter ein von ihm angegebenes Limit fällt. Wichtig ist dabei auch wiederum, dass dieses Limit in einer vernünftigen Höhe gesetzt wird und dass es den wahrscheinlichen Kursschwankungen der jeweiligen Aktie entspricht. Liegt die Stop-loss-Order zu dicht im üblichen Schwankungsbereich, kann es passieren, dass bei einem kurzfristigen Ausrutscher des Kurses nach unten die Aktien plötzlich futsch sind, die Gebühren anfallen und kein Geld in die Kasse kommt.

Das Gegenstück zur Stop-loss-Order ist die Stop-buy-Order. Sie räumt dem Aktionär die Möglichkeit ein, bei steigenden Aktienkursen noch auf den Zug aufzuspringen. Wenn der Käufer unsicher ist, ob er bestimmte Aktien kaufen sollte, weil die Kursentwicklung für ihn nicht klar erscheint, kann er der Bank den Auftrag geben, diese von ihm ins Auge gefassten Aktien dann zu kaufen, wenn der aktuelle Kurs über ein bestimmtes Limit gestiegen ist und er annimmt, dass der Kurs noch weiter steigen wird. Erreicht oder überspringt der Kurs das vom Käufer gesetzte Limit, kauft die Bank die Aktien umgehend billigst. Hat man es jedoch mit rasanten Kursbewegungen zu tun, wie sie heute immer häufiger an der Tagesordnung sind, ist es wahrscheinlich empfehlenswerter, sich selbst stets aktuell um sein Depot zu kümmern und sich nicht auf Limits zu verlassen, die man vielleicht in der Vergangenheit gesetzt hat, die aber von der aktuellen Entwicklung schon längst wieder überholt sind. Auch in diesen Fällen gilt die alte Regel von Kostolany nicht, die besagt, dass man nach dem Aktienkauf mithilfe eines starken Medikaments erst mal zehn Jahre verschlafen soll, ehe man sich wieder um die Wertpapiere kümmert. Aktienkauf und anschließender Konsum von Schlaftabletten kann sich verheerend auswirken.

Als Privatanleger erteilen Sie Ihre Aufträge, wenn diese über Xetra abgewickelt werden sollen, wie bisher Ihrer Bank; machen Sie aber deutlich, dass Sie die Teilnahme an Xetra wünschen. Auch hier können Sie unlimitierte Kauf- oder Verkaufsorders einreichen, die in der Regel sofort ausgeführt und als Market Orders bezeichnet werden. Ebenso können Sie — wie im Parketthandel – limitierte Orders abgeben. Gegen unerwartete Preisschwankungen kann man sich durch Stop-Orders absichern. Neuerdings gibt es zusätzlich die Market-to-1 imit-Order, das ist eine Market- Order, die zum besten Limit ausgeführt wird. Unausgeführte Teile dieser Order werden mit Limit in das Orderbuch eingestellt.

Grundsätzlich kann man bestimmen, ob eine Order nur für einen Tag (good-for-day), bis zu einem bestimmten Datum (good-till-date) oder bis zur Löschung (good-till-cancelled) gültig sein soll, maximal sind 90 Tage möglich. Man muss damit rechnen, dass eine Order zu zwei unterschiedlichen Kursen abgerechnet wird, wenn sie nicht als Ganzes ausgeführt werden konnte. Es sei denn, man gibt Fill or Kill oder Immediate or Cancel als Zusatz an. Fill or Kill besagt, dass die Order sofort und in kompletter Stückzahl ausgeführt werden soll. Ist dies aufgrund der Auftragslage nicht möglich, verfällt die Order. Bei -Immediate or Cancel können auch Teile ausgeführt werden. Das bedeutet, dass der nicht ausgeführte Teil dann verfällt.

Die Marktteilnehmer können ihre Aktien sowohl in Auktionen als auch fortlaufend handeln. Wer seinen Auftrag auf Auktionen beschränken will, gibt als Zusatz auction only- an, vielleicht sogar opening auction only (Eröffnungsauktion) oder closing auction only (Schlussauktion). In den Auktionen werden die Preise für alle Ordergrößen ermittelt, im fortlaufenden Handel nur für Orders mit einer gewissen Mindestgröße. Der fortlaufende Handel wird durch eine oder mehrere Auktion täglich unterbrochen. Die damit verbundene Konzentration des Angebots und der Nachfrage zu diesen Auktionszeitpunkten erhöht die Ausführungswahrscheinlichkeit von Aufträgen.

Börse für Anfänger – die Herrscher der Finanzmärkte

Jeder, der sein Geld in irgendeiner Weise anlegt, ist damit auch ein Teil des Finanzuniversums. Und selbst wer das nicht tut, wird von den Bewegungen, die in diesem Universum vorgehen, nicht unberührt bleiben. Besonders deutlich zu erleben ist das in Krisensituationen, wie zum Beispiel der Asienkrise, als durch hoch spekulative Währungsgeschäfte der mühsam errungenen Lebensqualität von Millionen Menschen plötzlich wieder der Boden entzogen wurde.

Alles hängt heute mit allem zusammen. Das Wirtschaftswachstum in den USA beeinflusst die Börse in Tokio. Die Unternehmenspleiten in Japan haben Folgen für die Zulieferer in Europa. Irgendein großer Auftrag wird storniert, dann noch einer, und plötzlich klappt ein Unternehmen am Neuen Markt zusammen. Man muss also sowohl die Details als auch das große Ganze im Auge behalten. Deshalb ist es auch gut zu wissen, welche Institutionen und Menschen in diesem Universum die größte Wirkung auf die Wirtschaft haben.

Investmentbanker, Fondsmanager und Finanzanalysten bestimmen ganz entscheidend das Marktgeschehen – und nicht die Masse der einzelnen Aktionäre mit ihrem Kaufverhalten, denn diese verhalten sich in der Summe ihrer Aktivitäten so wie der Gesamttrend. Er ist immer wie eine Lawine, die alles mitreißt. Aber die meisten Lawinen werden von irgendjemandem losgetreten. Von Leuten, die an den richtigen oder auch an den falschen, immer aber an den entscheidenden Stellen sitzen.

Aber die Investmentbanker, die Fondsmanager und die Finanzanalysten sind nicht allein. Ihnen zur Seite stehen noch die Medien. Auch sie können Lawinen auslösen. Wie gefährlich so etwas wird, für die Anleger und für die Glaubwürdigkeit der unabhängigen Presse, wissen wir nicht nur aus den USA. Deshalb ist eine ebenso fundierte wie korrekte Berichterstattxing außerordentlich wichtig, als Gegengewicht zur schrillen Sensationsmache. Und dann sind da noch einige wenige Schlüsselfiguren. Einzelne Menschen mit so viel Macht und so viel Einfluss, dass sie manchmal selbst davor erschrecken.

Das Milliarden-Dollar-Universu
Erinnert sich noch irgendjemand an die Zeiten, als die Unternehmen noch richtige Produkte herstellten, nicht nur irgendwelche Software oder Systemlösungen, und als sie dann einmal im Jahr ihren Aktionären eine richtige Dividende zahlten und nicht nur große Versprechen für die Zukunft ab- gaben? Es gibt sie noch, diese Werte schaffenden Unternehmen, nur spielen sie in der Welt der Finanzsensationen kaum mehr eine Rolle. Die Linde AG in Wiesbaden stellt Industriegase und Gabelstapler her. Sicher keine Produkte, die die Kursfantasie so beflügeln wie die Spielfilme von EM.TV, aber man konnte damit den Umsatz in den vergangenen zehn Jahren von 3,1 auf 8,4 Milliarden Euro steigern.

Die MAN AG ist ein weiteres Beispiel. Der Maschinenbauer hat in den vergangenen sechs Jahren jedes Mal die Dividende erhöht, und ihr Gewinn stieg zwischen Juli und Dezember 2000 um 15 Prozent. Das Einzige, was nicht nach oben ging, waren die Aktienkurse. Den Spekulanten bleibt bei einer an die realen Dinge geknüpften Aktie offensichtlich zu wenig Platz für die Spekulation. Es scheint keinen Spaß zu machen, sich wie auf einer Rolltreppe gemächlich, aber sicher nach oben zu bewegen. An der Börse ist offensichtlich nur noch Bungeespringen angesagt. Kopfüber nach unten und dann mit einem Ruck nach oben, so lange, bis es wieder abwärts geht. Wem es Spaß macht, der soll es tun, aber leider müssen auch alle anderen mit. Denn Tatsache ist: Die Finanzwelt hat sich von der Welt der Waren abgekoppelt und führt ein Eigenleben in einem eigenen Universum mit eigenen Gesetzen und neuen Regeln.

Wie ist es zu dieser Abkoppelung gekommen? In erster Linie hat die rasante Entwicklung in der Informationstechnologie Schuld. Wenn man hier überhaupt von Schuld sprechen will, denn für die meisten Menschen, die gern ein etwas größeres Stück vom großen Wohlstandskuchen abhaben wollen, ist es ein Glücksfall, was da in den vergangenen zehn Jahren passiert ist.

Die neuen Informationstechniken haben den Unternehmen, Banken und auch den Regierungen die Veränderungen förmlich aufgezwungen. Freiwillig wollte sich doch niemand von seinem Wissensvorsprung, den damit verbundenen fetten Renditen und von den säuberlich aufgeteilten und staatlich geschützten Jagdrevieren trennen. Alle hatten sich so behaglich eingerichtet, und dann wirbelten junge Leute, die es dem Establishment wieder einmal zeigen wollten, mit der modernen Technik alles durcheinander.

Im 19. Jahrhundert wurde der Wissensvorsprung anfangs noch in Tagen gemessen und war abhängig von der Geschwindigkeit der reitenden Boten, dann kamen die Brieftauben, welche die entscheidenden Botschaften innerhalb Zentraleuropas schon in wenigen Stunden verbreiten konnten. Telegraf und Telefon führten den Minutentakt ein.

Wer heute jünger als 30 Jahre ist, wird mit dem Begriff Fernschreiber kaum noch etwas anfangen können. Man kennt sie nur noch aus alten Filmen, wenn die neuesten Nachrichten auf Lochstreifen aus so genannten Tickern liefen und die Börsen und Zeitungsredaktionen in hellen Aufruhr versetzten. 1965 kamen die ersten Telefaxgeräte in Deutschland auf den Markt, so groß wie ein Kühlschrank, sauteuer und unendlich langsam. Die ersten Mobiltelefone für das C-Netz gab es Anfang der neunziger Jahre, man musste sie noch an einem Riemen über der Schulter tragen, denn Akku und Sendeteil wogen einige Kilo, und die Telefone kosteten 10 000 Euro – pro Stück! Keine Rede von Nulltarif! Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Aber all das trieb die immer schnellere Verbreitung von Informationen voran, machte sie immer billiger und für immer mehr Menschen verfügbar.

Wissen ist seit Mitte der achtziger Jahre kein exklusives Gut mehr. Wer das Geld hatte, sich die jeweils beste Technik nach dem neuesten Stand zu kaufen, hatte die Nase vorn. Aber die Vorteile des Informationsvorsprungs blieben den großen Unternehmen und Banken oder den reichen Privatpersonen nur ein paar Jahre lang Vorbehalten. Heute kann man schon mit jedem Aldi-Computer und einem Telefonanschluss rund um die Welt Geschäfte machen und Millionen verdienen. Worauf es heute im Endeffekt ankommt, ist Tempo und eine gehörige Portion Wissen. Man muss sich einmal vorstellen, welche Chancen sich damit auftun.

Die Computernetzwerke bieten für eine Entscheidung nur noch den Spielraum von wenigen Sekunden, bevor Nachrichten die Kurse purzeln oder steigen lassen. Rund um den Globus belauern Hunderttausende von Menschen ihre Bildschirme, um bloß keine Nachricht oder ein Angebot zu verpassen, das ihnen Gewinn bringt. Und was, wenn eine Nachricht einmal falsch ist? Gleich sind Millionen futsch.

Brancheninsider werden sich noch schmerzlich an den 22. April 1993 erinnern, als durch ein bis heute nicht aufgeklärtes Missverständnis zu nächst von verschiedenen Nachrichtenagenturen gemeldet wurde, dass die Leitzinsen unverändert bleiben, und dann, drei Minuten später – heute wäre das eine Unendlichkeit —, dass die Bundesbank den Diskont- und Lombardsatz senkt. Der Dollarkurs machte in dieser kurzen Zeit einen Kurspmng von 1,5950 auf 1,6150 Euro. Die durch die Fehlmeldung entstandenen unerwarteten Gewinne und Verluste dürften sich bei einem damals normalen Handelsvolumen von 0,7 Milliarden Dollar pro Minute auf mindestens drei Millionen Euro belaufen haben. Heute würde es schon um viel mehr gehen, denn die Finanzmärkte sind so schnell gewachsen wie kein anderer Wirtschaftszweig.

Die Mobilität des Geldes
Allein im Devisenhandel werden täglich zwei Billionen Dollar rund um die Welt geschoben, und da in der Finanzwelt jeden Tag 24 Stunden gearbeitet wird, sind das 730 Billionen im Jahr. 1999 wurden in Banken und Brokerhäusern außerdem Derivate im Wert von 81,5 Billionen Dollar gehandelt. Dagegen nimmt sich das, was an den sechs größten Aktienbörsen der Welt passiert, geradezu niedlich aus.

Umsatzrenner war 1999 die Nasdaq mit 20,5 Billionen Euro, gefolgt von der NYSE mit 17,4 Billionen Euro. London und ein paar andere kleinere Börsenplätze auf der Insel brachten es auf 6,6 Billionen Euro. Dann kommen Tokio und Osaka mit zusammen nur noch 3,7 Billionen Euro. Deutschland liegt mit seinen Börsen knapp dahinter, 3 Billionen Euro Umsatz. Schlusslicht ist Frankreich mit knapp verfehlten 1,5 Billionen Euro.

Eine Sonderstellung haben zurzeit noch die beiden chinesischen Börsen in Schanghai und Schenzen. Es sind die am schnellsten wachsenden Börsen der Welt, an denen immerhin 1100 Unternehmen mit einem Aktienwert von einer halben Billion Euro notiert sind. Rund 50 Millionen Chinesen besitzen schon Aktien, aber die Regeln des chinesischen Marktes sind noch so verschlungen, dass sich kein Europäer zurechtfinden würde – selbst wenn er bald die Möglichkeit bekäme, auch dort zu spekulieren. An Chinas Börsen gelten noch viele ungeschriebene Regeln, die Insidergeschäfte (welcher Europäer ist außer Lars Windhorst in China schon Insider) und Bilanzfälschungen zur Tagesordnung gehören lassen. Besser Finger weg!

An den großen Aktienbörsen in Europa, den USA und Japan wurden 1999 also bloß Aktien im Wert von 52,5 Billionen Euro umgesetzt, nicht Dollar. Im Vergleich zu den Devisengeschäften ein Pappenstiel, auch wenn eine Billion immerhin 1 000 Milliarden sind, also eine Zahl mit zwölf Nullen. Bei diesen Summen wird den meisten ganz schwindelig, wenn sie sie mit den Werten vergleichen, die sie selbst in ihrem Aktiendepot liegen haben. Und wahrscheinlich geht es den Politikern ebenso, denn der gesamte Bundeshaushalt 1999 sah Ausgaben in Höhe von 243 Milliarden Euro vor, weniger als ein Zweihunderstel von dem, was an den internationalen Börsen über den Tisch ging.

Die Summen, die an den Börsen täglich bewegt werden, sind fast doppelt so hoch wie die Währungsreserven aller Zentralbanken. Staaten müssen sich dieser Macht beugen, ob sie wollen oder nicht; schließlich finanzieren sie über den Kapitalmarkt ihre Schuldenlast. Die Staaten sind erpressbar geworden, sagt George Soros, und der sollte es ja wissen, denn immerhin spielt er in der ersten Liga der Finanzwelt.

Offensichtlich sind mit der Globalisierung und Vernetzung auch die Abhängigkeiten gewachsen. Unternehmen, Banken, Börsen, die Superreichen und die Staaten – alle werden Stunde um Stunde enger miteinander verknüpft, und das große Bindemittel ist das Geld, was nicht mehr in Säcken schwer bewacht durch die Weltgeschichte gefahren werden muss, sondern sich nur noch als Recheneinheit in irgendwelchen Computern befindet und sich sofort verdünnisieren kann, wenn irgendwo Gefahr droht. Milliarden verlassen auf einen Knopfdruck in den USA ihren Platz auf den Konten in Asien. So fangen Krisen an, aber so kann man sie auch verhindern.

Die Kehrseite des Dollars
Anfang 2001 haben die Amerikaner völlig überraschend ihre wichtigsten Zinsen gleich zwei Mal gesenkt, weil Rezession drohte und ihre Exporte wegen des starken Dollars fast schon dramatisch gesunken waren. Die Amerikaner pochen zwar stets auf einen starken Dollar, was viel mit dem Selbstwertgefühl zu tun hat, aber die Schattenseiten traten auf, als der Dollar an den Devisenmärkten in dem Umfang stieg, wie andere Währungen, vor allem der Euro, fielen. Das war ein echter Wettbewerbsvorteil für Exporte in die USA. Für die US-Wirtschaft war das alles unproblematisch, als sie auf der Wöge des Glücks mit einem in der Geschichte beispiellosen Wirtschaftsboom ritten. Aber als die Welle an Kraft verlor, kam der Bumerang zurück. Nach 5 Prozent Wachstum Ende 2000 ein Schrammen an der Null, wie der mächtige Alan Greenspan, Chef der amerikanischen Notenbank, vor dem Senatsausschuss sagte. Jetzt hatten die Amerikaner ihren Salat: Wirtschaftwachstum gen Null und die Exporte in den Rest der Welt fast ebenso. Schwierig, den Amerikanern angesichts dieser Lage beizubringen: Ein schwacher Dollar würde euch helfen, die Exporte anzukurbeln. Das würde der Durchschnittsamerikaner wohl psychologisch nicht verdauen. Für uns Deutsche wäre das kein Beinbruch. Wir lieben zwar unsere EURO (und müssen jetzt den Euro lieben lernen), lebten aber seit Kriegsende immer mit ihrem stark schwankenden Wechselkurs. Drum hieß es bei uns ja auch: Wie viel Dollar ist denn eine Euro wert? Mit stets bangem Blick auf die Situation an den Devisenmärkten. Der Amerikaner aber sagt stoisch: Ein Dollar ist ein Dollar.

Das virtuelle Milliardenspiel
Anfang der siebziger Jahre lag das tägliche Volumen im Devisenhandel bei 15 Milliarden Dollar, 1995 bei 1,6 Billionen und 1999 bei 2 Billionen Dollar. Der internationale Warenhandel hatte 1999 ein Volumen von 5,47 Billionen Dollar. Nur ein knappes Prozent der Devisentransfers diente also der realen Abwicklung von Handelsgeschäften, 1977 waren es noch 28,5 Prozent.

Währungsoptionen, das heißt das Recht, eine Währung zu einem bestimmten Zeitpunkt und zu einem bestimmten Kurs kaufen oder verkaufen zu können, waren ursprünglich geschaffen worden, um Handelsgeschäfte mit dem Ausland abzusichern. Heute sind mehr als 99 Prozent des Handels mit Währungen reine Spekulation auf zukünftige Wechselkurse. Wettgeschäfte, wenn man so will, von denen aber manchmal das Wohl oder Wehe ganzer Nationen abhängt. Es war der Abbau der Kapitalverkehrskontrollen in den vergangenen 25 Jahren, der dazu führte, dass die Spekulationen nahezu keinen Kontrollen mehr unterliegen und sich die Welt zu einem globalen Kasino entwickelt hat. 1995 wurden für die damals unvorstellbare Summe von 41 Billionen US-Dollar Derivate, das sind in erster Linie Termingeschäfte als Verpflichtungen (Futures) und Optionen, gehandelt. Seither verdoppelte sich der tägliche Umsatz mit Derivaten, und der größte Teil des Handels findet außerhalb der Börsen statt, in Banken und Brokerhäusern. An den Terminbörsen waren 1999 nur Derivate im Wert von 17 Billionen Dollar notiert, als Optionen, Futures und Swaps.

An den zehn größten Terminbörsen weltweit wurden 1999 zusammen mehr als 1,5 Milliarden Kontrakte gehandelt. Die Eurex, der deutsch schweizerische Terminmarkt, hat 1999 rund 374 Millionen Optionen oder Futures umgesetzt, damit steht sie weltweit an der Spitze vor den amerikanischen Börsen CBOT (Chicago Board of Trade) mit 255 Millionen Kontrakten, CBOE (Chicago Board Option Exchange) mit 254 Millionen und CME (Chicago Mercantile Exchange) mit 201 Millionen. Die Europäische Terminbörse Eurex sitzt in Frankfurt am Main. Das wissen die meisten aber gar nicht. Sie ist 1998 aus dem Zusammenschluss der deutschen Terminbörse DTB und der schweizerischen Terminbörse Soffex entstanden. Ziel dieser Fusion war die Schaffung einer gemeinsamen Handelsplattform und die Angleichung der jeweiligen Palette der handelbaren Produkte.

An der Eurex gab es nie ein Börsenparkett, der Terminhandel läuft vollelektronisch per Computer ab. So war es auch schon bei ihrer Vorgängerin, der Deutschen Terminbörse. Schon dort konnten deshalb nicht nur die Händler in Frankfurt am Börsengeschehen direkt teilnehmen, sondern alle Händler und Kunden bundesweit, und heute hängt ganz Europa an den Glasfaserkabeln.

Seit der Gründung der Eurex arbeitet man mit verschiedenen anderen europäische Terminbörsen zusammen, sodass der Kunde jetzt auch grenzüberschreitend handeln kann. Inzwischen ist aufgrund einer engen Kooperation mit der Warenterminbörse in Chicago CBOT auch ein Handel in Amerika möglich. Zugangspunkte zum Handel, so genannte Access Points, außerhalb Deutschlands und der Schweiz befinden sich derzeit in Amsterdam, Chicago, Helsinki, London, Madrid und Paris. New York, Tokio, Hongkong und Sydney sollen bald folgen.

Schon im ersten Jahr ihres Bestehens konnte die Eurex die vorher führende Londoner Terminbörse Liffe überholen. Im Jahr 2000 hat sich das an der Eurex gehandelte Volumen auf 454 Millionen Kontrakte weiter erhöht, und im Januar 2001 wurde mit 53,5 Millionen Kontrakten ein neuer Rekord-Monatsumsatz erzielt. Das sind 33 Prozent mehr als genau vor einem Jahr und gleichzeitig der mit weitem Abstand höchste Monatsumsatz, der je an einer Terminbörse erzielt wurde.

In diesen Bereichen, dem Devisen- und dem Termingeschäft, wird ein Privatanleger jedoch kaum einen Fuß auf den Boden bekommen. Die Termingeschäfte als Wetten auf zukünftige Preise haben nur noch wenig mit dem realen Güterhandel zu tun. Es geht fast ausschließlich um Spekulation auf zukünftige Veränderungen. Aber auch der Privatanleger hat noch genug andere Möglichkeiten, reich oder arm zu werden.

Wie stehen die Aktien an der Börse

Wer sich mit der Börse befasst, muss ständig bereit sein für Neues und für Veränderungen. Er muss immer schneller werden und darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die Börse ist voller Widersprüche und voller Überraschungen. Die Börse ist verrückt, und sie kann für manche zu einem großen Risiko werden. Es gibt immer neue Facetten des Börsengeschehens. Das macht vielleicht auch ihre Faszination aus.

Der Market lebt

Der amerikanische Professor Benjamin Graham wird vielen deutschen Lesern nicht mehr bekannt sein, denn er starb bereits 1976. Einer seiner Schüler war Warren Buffett, der die Ratschläge Grahams sein Leben lang befolgte. In dem Buch Intelligent investieren beschreibt Graham die Börse als eine Person, den Mr. Market.

Man soll sich nun vorstellen, dass man mit diesem Mr. Market als Partner gemeinsam eine Firma betreibt. Allerdings hat Mr. Market eine ganz erhebliche Macke: Jeden Morgen, bevor Sie mit der Arbeit beginnen, erscheint er bei Ihnen und macht Ihnen das Angebot, Ihren Geschäftsanteil an der Firma zu kaufen oder auch seinen an Sie zu verkaufen. Dabei macht er jeden Tag ein neues Angebot, das sich von dem des Vortages manchmal ganz erheblich unterscheidet, obgleich die wirtschaftlichen Verhältnisse Ihres gemeinsamen Unternehmens recht stabil sind. Die Ursache für das Verhaltens Ihres Partners Mr. Market liegt in seiner Krankheit. Er ist nämlich manisch-depressiv.

Manchmal sieht er Ihre gemeinsamen Geschäftserfolge im rosigsten Licht und möchte Ihre Anteile am Unternehmen um jeden Preis kaufen, doch dann wieder ahnt er in der Zukunft drohende Veränderungen, die ihn tief bedrücken, und er hat nur noch ein Ziel vor Augen: seine Anteile zu verkaufen, und zwar um jeden Preis!

Da Sie nun schon eine Zeit lang mit ihm Zusammenarbeiten, kennen Sie diese Macken und wissen, dass es ihm überhaupt nichts ausmacht, wenn Sie nicht auf seine Angebote eingehen. Am nächsten Tag ist er wieder bei Ihnen und macht Ihnen einen erneuten Vorschlag. Sie stehen also jeden Tag vor der Wahl, auf die Vorschläge von Mr. Market einzugehen oder nicht. Da Mr. Market nun aber keine echte Person ist, brauchen Sie auch keine Skrupel zu haben, auf seine Vorschläge einzugehen, wenn diese für Sie besonders günstig zu sein scheinen. Kaufen Sie die Firmenanteile von ihm, wenn Sie darin einen Vorteil sehen, oder verkaufen Sie ihm Ihre. Handeln Sie stets so, wie es Ihrem eigenen Vorteil entspricht, aber bedenken Sie stets, dass Ihr Unternehmen im Prinzip solide funktioniert und dass nur Mr. Market seine allmorgendlichen verrückten Anwandlungen hat.

Lassen Sie sich nicht selbst von ihm verrückt machen, indem Sie seine Vorschläge für der Weisheit letzten Schluss halten. Mr. Market ist Ihr Partner, der Ihnen nichts übel nimmt und der ein bisschen verrückt ist. Aber er ist nicht Ihr Chef.

Diese Beschreibung der Börse als Mr. Market hat Benjamin Graham in den Grundzügen schon in den dreißiger Jahren entwickelt, und es hat sich zumindest an der Krankheit des Mr. Market bis heute nicht viel geändert. Aus dem gleichen Grund haben auch noch viele der alten Börsenweisheiten ihre Berechtigung behalten.

Computer sind auch nur Menschen
Der 3. Januar 2001 war einer der zugegeben immer seltener werdenden Aufreger-Tage an der Börse. Völlig überraschende Zinssenkung in den USA, es war 19 Uhr MEZ. Wie eine Rakete schoss der Index DAX an der schwarzen Tafel senkrecht in die Höhe, bewegt! durch riesige Kaufaufträge innerhalb von Sekunden. Einige riefen zwar unwissend: Die Tafel ist kaputt! Das gibt’s doch nicht. Schon wieder so’n blöder Fehler der Technik! Von wegen: Die (rote) Eilmeldung der Nachrichtenagentur Reuters war gleichzeitig auf allen Bildschirmen und löste fast panikartige Käufe aus. Die bisher friedlich vor sich hin dümpelnde Frankfurter Börse vibrierte ähnlich wie vorher nur am 11. März 1999, als Oskar Lafontaine als Finanzminister zurücktrat. Jubel und fast ein Aufschrei auf allen Computern. Sage niemand, die hätten keine Emotionen. Also mussten auch wir unseren Tagesplan komplett umschmeißen und den Leuten erklären: Warum jubelt die Börse bei einer mickrigen Zinssenkung (0,25 Prozent) im fernen USA und warum war gerade sie zu Beginn des Jahres psychologisch so wichtig? Das Witzige war: Die nächste Zinssenkung im selben Monat wurde an den Börsen fast emotionslos aufgenommen. Denn die war erwartet worden, die am 3- Januar eben nicht.

Bei einzelnen Werten hat es solche rasanten Kursveränderungen schon öfter gegeben (am Neuen Markt bis zu 300 Prozent), aber nicht beim DAX!

Warren Buffett – der Bescheidene

Warren Buffett, Jahrgang 1931, ist der zweitreichste Mann der Welt. Niemand hat je allein mit Aktien ein so riesiges Vermögen aufgebaut: etwa 36 Milliarden Dollar (Stand: Juni 1999). Wer 1956 mit 10 000 Dollar angefangen hätte, ihm in seinen Investitionen und Entscheidungen zu folgen, wäre 1998 mit 150 Millionen Dollar Multimillionär gewesen.

Buffett zeigt seinen Megareichtum jedoch nicht. Er trägt schlecht sitzende Anzüge, liebt Fast Food und Coca-Cola mit Kirschgeschmack, die er auch selbst einkaufen geht, er fährt sein Auto selbst, und einmal die Woche gönnt er sich ein Essen im Steakhouse. Buffett lebt noch heute in einem einfachen Haus in Omaha (Nebraska), das er vor 33 Jahren für 31 500 Dollar gekauft hat. Dort im Schlafzimmer und auf der Sonnenterrasse begannen seine Geschäfte, die ihn erfolgreich und berühmt machten.

Buffett pflegt auch keine kostspieligen Hobbys. In den letzten 17 Jahren genehmigte er sich nur ein Jahresgehalt von 100 000 Dollar. Damit ist er einer der am schlechtesten bezahlten Firmenchefs und Manager mit dem besten Gehalt-Performance-Verhältnis. Buffett hat drei Kinder, den Großteil seines Vermögen will er jedoch gemeinnützigen Zwecken zukommen lassen.

Das tägliche Auf und Ab der Kurse, Marktstimmungen und Charts hat Buffett nie interessiert. Seine Investmentstrategie war stets langfristig angelegt. Buffett folgt ausschließlich wertorientierten Anlageprinzipien, so wie er es von seinem Professor Benjamin Graham an der New Yorker Columbia University gelernt hatte. Auf kurze Sicht ist die Börse eine Wahlurne, auf lange Sicht eine Waage, sagte Graham seinen Schülern.

1965 übernahm Buffett die Kontrolle des damals maroden Textilunternehmens Berkshire in New England, der Aktienkurs lag bei unter 20 Dollar. Heute ist daraus eine Investmentholding geworden, und ihr Aktienkurs betrug im März 2000 etwa 42 000 Dollar, damit war es das teuerste Papier an der New Yorker Börse. Das lange Festhalten Buffetts an den gekauften Werten machte die Aktien seiner Investmentfirma Berkshire Hathaway zu einer der renditeträchtigsten Kapitalanlagen der zurückliegenden 35 Jahre.

Berkshire Hathaway war eine Zeit lang im Prinzip ein geschlossener Investmentfonds. Heute ist die Gesellschaft ein Versicherungskonzern mit einem größeren Aktienbesitz und einigen skurrilen unternehmerischen Aktivitäten, darunter eine Milchbarkette, Schuhgeschäfte und ein Juwelier, aber auch ein Möbelhaus im Stil von Ikea. Gut 70 Prozent der operativen Erlöse kommen inzwischen aus dem Rückversicherungsgeschäft. Kerngesellschaften sind der Rückversicherer General Re, der Ende 1998 zugekauft wurde, sowie Geico, einer der beiden führenden Direktversicherer Amerikas. Berkshire macht keine Werbung und wird nicht einmal in den Blue-Chip-Listen erwähnt. Buffets Erfolgsstrategie lässt sich verhältnismäßig einfach beschreiben: Er kauft in schlechten Zeiten zu niedrigen Preisen und verkauft fast nie. Er kauft nur Aktien, von deren Unternehmen er überzeugt ist, achtet dabei auch auf Konkurrenten und wichtige Einflussfaktoren und deren Wirkungsweisen. Seine Vorliebe gilt deshalb Markenartiklern mit globalem Potenzial wie American Express, Coca-Cola oder Gillette. Voraussetzung für einen Kauf war für ihn stets, dass der innere Wert eines Unternehmens unter dessen Marktpreis liegt.

Die Zahl seiner Verehrer ist nach wie vor enorm. Der Pilgerzug zur Hauptversammlung von Berkshire Hathaway in Omaha (Nebraska), dem Geburtsort Buffetts, ist jedes Jahr rund 10 000 Aktionäre lang. Buffett macht es inzwischen richtig Spaß, ein Guru zu sein und seine Erfolgsrezepte zu predigen.