Die Korruption und die Krise in Argentinien – detailliertere Information

Im Dezember 2001 versammelten sich Tausende von Menschen im Zentrum von Buenos Aires auf der Plaza de la mayo, wo früher – unter der mörderischen Diktatur der Generäle – sich die Mütter trafen, um gegen die Verschleppung und Ermordung ihrer Söhne und Töchter zu protestieren. Wie damals, in den letzten Tagen des Militärregimes, hatten sie Kochtöpfe, Trillerpfeifen und Sirenen mitgebracht.

Mit der schrillen Kakophonie wollten die Demonstranten auf ihre katastrophale wirtschaftliche Lage aufmerksam machen. Nach vier Jahren Rezession waren die Menschen in einer hoffnungslosen Situation: Jeder dritte Argentinier im erwerbsfähigen Alter war arbeitslos, das öffentliche Gesundheitswesen kollabierte, die Gehälter von Staatsbediensteten sowie die Renten waren gekürzt worden. Viele Familien lebten bereits unterhalb der Armutsgrenze. Die Preise für Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs stiegen immer schneller. Als dann noch die Regierung des angeschlagenen Präsidenten Fernando de la Rüa am 1. Dezember 2001 die Sparguthaben einfrieren ließ und jedem Argentinier nur Barabhebungen von 1.500 Pesos (952 Euro) pro Monat gestattete, schlug der Frust der Menschen in Wut um. Der Generalstreik, zu dem am 12. und 13. Dezember 2001 die Opposition und die Gewerkschaften aufgerufen hatten, der achte innerhalb von zwei Jahren, eskalierte. Bankfilialen und Autos gingen in Flammen auf, Straßenblockaden legten den gesamten Verkehr lahm.

Seitdem gab es mehr als 1.600 solcher Blockaden und im Juni 2002 weitere Tote. Die Polizei hatte zwei arbeitslose Demonstranten beim Errichten einer Straßensperre erschossen. Doch an der verzweifelten Situation des Landes hat sich nichts geändert. Argentinien ist pleite, Staatsschulden von 142 Milliarden Dollar haben de la Rua und sein Vorgänger Carlos Menem an- gehäuft. Die Wirtschaft schrumpft seit 1999. Allein in diesem Jahr wird sich das Bruttoinlandsprodukt um wenigstens zehn Prozent verringern, prognostizieren Konjunkturforscher vom Institut der Deutschen Wirtschaft. Der argentinische Peso verlor im Verhältnis zum Dollar im ersten Halbjahr 2002 rund 75 Prozent seines Wertes.

Fatale Wechselkursbindung
Begonnen hatte der Abstieg Argentiniens jedoch schon vor zehn Jahren, als der ehemalige Wirtschafts- und Finanzminister Domingo Cavallo, ein Absolvent der renommierten amerikanischen Harvard Universität, auf Empfehlung des Internationalen Währungsfonds die argentinische Landeswährung, den Peso, an den Dollar koppeln ließ. Fortan entsprach ein argentinischer Peso einem US-Dollar. Dank dieser Verankerung konnte der Wechselkurs der Währung des Schwellenlandes Argentinien zunächst stabilisiert und die Inflation gebremst werden. Der IWF bestand aber auch auf den Abbau der Zollschranken und der Öffnung des argentinischen Marktes bei einem anhaltend hohem Zinsniveau und Liberalisierung des Kapitalverkehrs. Dieses Maßnahmebündel zur Strukturanpassung an die internationale Finanzwelt führte das südamerikanische Land schnell in eine schier endlose Abwärtsspirale. Nachdem Argentinien durch die Dollarbindung zum Hochwährungsland geworden war, wurden die Märkte mit billigen Importen aus den Nachbarstaaten überschwemmt. Die einheimischen Produzenten waren nicht mehr wettbewerbsfähig und mussten ihre Betriebe schließen, die Investitionen gingen zurück, die Arbeitslosenrate stieg, die Steuereinnahmen des Staates schrumpften und die Ausgaben für Bildung und Sozialleistungen wurden immer stärker zusammengestrichen. Die Sparquote, die in den lateinamerikanischen Staaten schon in normalen Zeiten deutlich unter der ostasiatischen lag, fiel weiter zurück, Regierung und Wirtschaft wurden immer abhängiger von Geldzuflüssen aus dem Ausland.

Zudem schafften die Wohlhabenden ihre Vermögen, die sie im Verhältnis eins zu eins in Dollar tauschen konnten, ins Ausland. Mittlerweile sollen argentinische Guthaben im Wert von 100 bis 150 Milliarden Dollar auf Konten jenseits der argentinischen Landesgrenzen liegen, das Geld urlaubt in Miami, vermutlich für immer, kommentierte der MIT-Ökonom Rüdiger Dornbusch die Kapitalflucht der argentinischen Geldelite. Das entspricht nach groben Schätzungen ungefähr der Summe, mit der der Staat bei ausländischen Geldgebern verschuldet ist.

Beschleunigt wurde Argentiniens Talfahrt allerdings noch durch die im Land grassierende Korruption und Günstlingswirtschaft. So wurden zwar den IWF-Rezepten folgend die früheren Staatsbetriebe privatisiert, doch zum Zuge kamen entweder enge Freunde der amtierenden Regierungschefs oder aber – wie im Fall der staatlichen Telefongesellschaft EN-Tel – ausländische Wettbewerber, die französische Telecom und die spanische Telefonica. Unter den neuen Eigentümern teilte die argentinische Regierung den Markt so auf, dass jeder wie ein Monopolist seinen Bereich beherrschen kann. Die Genehmigung für Tariferhöhungen lieferte die Regierung gleich mit.

Doch nicht einmal die Privatisierungserlöse sollen in voller Höhe der Staatskasse zu Gute gekommen sein. Was dort abgeliefert wurde, war so wenig, dass die für die Privatisierung verantwortlichen Minister entweder besonders dilettantisch verhandelt hatten, oder aber nur ein Teil des Verkaufserlöses offiziell ausgewiesen wurde, der Rest dürfte – so vermuten argentinische Journalisten – in die Taschen der Regierenden oder ihrer Beamten geflossen sein. Gegen etliche Politiker und Funktionäre ermittelt die Staatsanwaltschaft, in manchen Fällen mit Unterstützung des amerikanischen FBI.

Erhöhter Rückstellungsbedarf
Die seit Jahren offenkundigen Missstände und die Ausbeutung der Bevölkerung durch ihre eigene politische Klasse haben ausländische Banken in der Vergangenheit offenbar nicht davon abgehalten, die rücksichtslose Wirtschaftspolitik des korrupten Staates mit hohen Krediten zu unterstützen. Jetzt müssen sie ihre Engagements abschreiben. Zu den größten Geldgebern des Landes gehören amerikanische Institute wie die Citigroup (bisherige Verluste: rund 2,2 Milliarden Dollar), die Fleet Boston Banking Corporation (1,1 Milliarden Dollar), die als eigenes Tochterinstitut die Bank Boston in Argentinien unterhält, JPMorgan (411 Millionen Dollar) und die Kanadische Bank of Nova Scotia (540 Millionen Dollar). Von den europäischen Banken zählen die spanischen und italienischen Institute zu den größten Verlierern: Die Banco Bilbao Vizeaya Argentaria hat Wertberichtigungen von 947 Millionen Dollar vornehmen müssen, die Banco Santander Central Hispano bereits 1,2 Milliarden Dollar abgeschrieben. Die Credit Suisse Group versenkte in Argentinien 213 Millionen Dollar.

Die deutschen Banken sitzen in Argentinien nach eigenen Angaben zwar nicht in der ersten Reihe. Genaue Ziffern werden auch nicht genannt, aber die Rückstellungen zur Risikovorsorge wurden in diesem Jahr bereits deutlich erhöht – bei der Deutschen Bank sogar verdoppelt. Grund dafür sei neben der Argentinienkrise allerdings auch – wie der Geldkonzern mitteilte – die gestiegene Anzahl von Firmenpleiten in Deutschland.

Einen Ausfall der besonderen Art hat allerdings die HypoVereinsbank zu beklagen. Ihre Tochtergesellschaft im Steuerparadies Cayman Islands ist zahlungsunfähig. Für 400 Anleger in Argentinien, Investoren in den USA sowie einige Banken, hatte die BII Creditanstalt International über ihre Tochter Banco B.I. Creditanstalt in Buenos Aires insgesamt 400 Millionen US-Dollar in argentinische Staatsanleihen und Unternehmenskredite investiert, diese Investments sind jetzt wertlos. Doch mit dem Totalverlust ihres Einsatzes wollen sich die Investoren nicht ohne weiteres abfinden. Sie werfen der Bank vor, sie habe keine ausreichende Risikostreuung vorgenommen, und lassen in Europa derzeit schon mal eine Klage gegen die HypoVereinsbank prüfen.

Die deutsche Muttergesellschaft weist die Vorwürfe zurück: Jeder Anleger wusste genau, welches Risiko mit seinen Hochzinsanleihen verbunden ist, erklärte die Presseabteilung der bayrischen Bank. Über einen Konkursverwalter ließ die HypoVereinsbank aber einen Kapitalabschlag von 40 Prozent und eine Rückzahlung über fünf Jahre anbieten. Damit sei es der BII gelungen, ihre Anleger vor einem Totalschaden zu schützen, was nicht viele argentinische Kreditinstitute von sich behaupten können, ließ die Bank dazu erklären.

Das mag wohl stimmen, denn auch in Deutschland bangen viele Investoren um ihr Kapital, dass sie in Argentinien-Anleihen investiert haben. Rund 72 Prozent der Auslandsschulden des argentinischen Staates sollen als Bonds ausgegeben worden sein. Und diese Geldanlagen wurden vielen Investoren wegen der hohen Zinsen besonders empfohlen. Rund 20 Milliarden Euro seien allein in Deutschland ausgegeben worden, erklärt Stefan Engelsberger, der bereits die Interessengemeinschaft Argentinien (IGA) für frustrierte Anleger gegründet hat.21 Die IGA fordert nun die Argentinische Regierung auf, unverzüglich den Schuldendienst wieder aufzunehmen. Außerdem verlangt sie vom Internationalen Währungsfonds, dass er sicherstellen solle, dass auch die privaten Anleihebesitzer berücksichtigt werden. Hilfen für Argentinien sollte der IWF nur dann gewähren, wenn sich die dortige Regierung zu einer geordneten und transparenten Schuldenumstrukturierung verpflichte. Per Brief bat der IGA-Gründer Engelsberger auch den deutschen IWF-Gouverneur, Bundesbank-Präsident Ernst Welteke, und Bundesfinanzminister Hans Eichel, sich für die Belange der deutschen Argentinien-Anleger beim IWF einzusetzen. Auch ein Rechtsgutachten hat die Interessengemeinschaft der geprellten Anleger bereits in Auftrag gegeben.

Doch längst geht es Banken und IWF nicht nur um das zerrüttete Tango-Land. Es wächst die Angst, dass die gesamte Region, allen voran Brasilien, in den Strudel der Argentinien-Krise hineingezogen werden und untergehen könnte. Mit erheblich schwereren Folgen für die internationale Finanzwelt. Auch deshalb wächst der Druck auf den Währungsfonds, die Argentinier wieder on track – wie es im Jargon des Fonds heißt – zu bekommen. Noch im Juli 2002 konnte IWF-Chef Horst Köhler, der vor seinem Wechsel nach Washington Präsident des deutschen Sparkassenverbands und davor als Staatssekretär im Finanzministerium einer der wichtigsten Berater des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl war, nur berichten, dass die jüngsten Gespräche mit der argentinischen Regierung ermutigend verlaufen seien. Die vier wesentlichen Bedingungen des Fonds seien aber noch nicht erfüllt. Noch immer gebe es keine Lösung, wie die weitgehend autonomen Provinzregierungen in die Konsolidierung des Staatshaushalts eingebunden werden sollen und Fortschritte bei rechtlichen Problemen, beispielsweise beim Insolvenzrecht, seien auch nicht erzielt worden. Außerdem sei die Handlungsfähigkeit der Banken noch nicht wieder hergestellt und die Unabhängigkeit der argentinischen Zentralbank nicht gesichert. Um weiteren Druck zu machen bat der deutsche IWF-Chef Horst Köhler seinen ehemaligen Ziehvater, den Ex-Bundesbank-Präsidenten Hans Tietmeyer,in Buenos Aires nach dem Rechten zu sehen. Begleitet wurde Tietmeyer, der sich in seiner Amtszeit als oberster deutscher Währungshüter einen Namen als Tehtmeyer, als strikter Stabilitätspolitiker, gemacht hatte, von dem Chef der Internationalen Ausgleichsbank Andrew Crockett und den ehemaligen Notenbankpräsidenten Kanadas und Spaniens, John Crow und Angel Rojo.

Selbst wenn es dem in der Finanzwelt angesehenen Seniorenquartett gelingen sollte die argentinische Regierung auf IWF-Kurs zu bringen, eine Besserung der Lage für die darbende Bevölkerung ist nicht in Sicht. Auch dem neuen Beratergremium wird es in erster Linie um die Sicherung der Interessen der internationalen Banken und Finanzinstitute gehen. Die Nöte der Bevölkerung haben auf der Agenda des Fonds schon lange keinen Platz mehr. Da können die Argentinier pfeifen und trommeln so viel sie wollen.

Der Weg in die Abhängigkeit – soll man immer ein Gehaltskonto haben

Den Zwang zum Bankkonto und in den Würgegriff der Geldwirtschaft gibt es in Deutschland erst seit gut 30 Jahren. Noch Anfang der 60er Jahre war der bargeldlose Zahlungsverkehr per Scheck oder Überweisung vom Bankkonto ein Privileg der Reichen und Besserverdiener. Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen erhielten ihre Löhne und Gehälter an der Firmenkasse bar in der Tüte oder auf die Hand. Monatliche Abgaben ,wie Miete, Versicherungsprämien, Rundfunk- und Telefongebühren wurden per Postanweisung beglichen, das Haushaltsgeld im Küchenschrank verwahrt und was nicht gebraucht wurde, kam dann auf das Sparbuch, das meistens ebenfalls bei der Post geführt wurde.

Doch dann entdeckten die Banken diese Kleinkunden, die ein ungeheures Reservoir für die Zukunft versprachen. Allein die Millionensummen, die wochenlang unter Matratzen oder in Küchenschränken schlummerten, bis sie schließlich beim täglichen Einkauf ausgegeben wurden, stellten für das Bankgewerbe einen großen Schatz dar, den es zu bergen galt. Dieses Geld konnten die Institute gewinnbringend anlegen – zu ihren Gunsten.

Einträgliche Differenzen
Banken und Sparkassen leben schließlich davon, dass sie die Guthaben ihrer Kunden mit möglichst hoher Rendite investieren, sie beispielsweise als Kredite an andere Kunden ausleihen. Die Zinsen sind der Preis, der für diesen Transfer gezahlt wird. Der Sparer bekommt dabei immer einen deutlich niedrigeren Zinssatz als der Schuldner zahlen muss. Die Differenz – die Zinsmarge – ist der Verdienst der Bank. Im Frühjahr 2002 betrug diese Differenz acht bis zehn Prozentpunkte. So wurden Guthaben auf Sparbüchern mit gesetzlicher Kündigungsfrist von drei Monaten mit mickrigen 1,75 Prozent verzinst, für die Überziehung von Girokonten jedoch zwischen neun und 15 Prozent verlangt. Ein lohnendes Geschäft für die Geldbranche: Über die Einführung von Lohn- und Gehaltskonten für alle Arbeitnehmer konnten die Banken ihr Anlagevolumen in den 70er Jahren erheblich steigern.

Die Erfindung des Euroeheques
Auf Initiative des Deutsche-Bank-Vorstands Eckardt van Hooven wurde in den 60er Jahren der Eurocheque eingeführt. Eine geniale Erfindung des Bankiers, um die Entwicklung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs zu beschleunigen. In Kombination mit einer Eurochequekarte garantierte die Bank, die das neue Zahlungsmittel ausgab, dem Empfänger des Euroeheques die Einlösung bis zu einem Betrag von zunächst 300 €, ab den 90er Jahren bis zu 400 €. Durch Abkommen mit europäischen Banken zunächst in den wichtigsten Ferienländern der Deutschen – Italien, Spanien, Österreich und der Schweiz – verschafften die Banken ihrer Kundschaft ein europaweit gebräuchliches Zahlungsmittel.

Diesen grenzüberschreitenden Service konnte bis zur Einführung des Euroeheques nur die Post ihren Sparern bieten. Die Inhaber von Postsparbüchern konnten in vielen Ländern über die lokalen Postämter an ihr Geld kommen. Diese Monopolstellung der damals noch staatlichen Behörde hatte van Hooven mit seiner Erfindung gebrochen. Zum Wohle des Bankgewerbes: Natürlich ließen sich die Geldinstitute die Ausgabe der Scheckkarte mit zeitlich begrenzter Gültigkeit bezahlen. Mit fünf € war der Kunde dabei. Für das Einlösen der deutschen Schecks im Ausland oder oft auch im inländischen Handel – an Tankstellen beispielsweise – wurden ebenfalls bald Gebühren erhoben.
Dennoch war der Siegeszug des Eurocheques nicht aufzuhalten. Bis Ende des vergangenen Jahrhunderts nutzten die meisten Kontoinhaber dieses Zahlungsmittel, das erst im Januar 2002, als die Garantiefunktion aufgehoben wurde, seine Bedeutung verlor.

Bankkonto Kostenlos – aber nicht lange
Um den Lohntütenempfangern das Geld aus der Tasche zu locken und sie zur Eröffnung von Girokonten zu bewegen, versprach das Geldgewerbe seinen neuen Kunden die Konten kostenlos zu führen, ihnen sollte durch die neue Bankverbindung kein Schaden entstehen.
Die Zusage, das Geld der Kleinverdiener unentgeltlich zu verwalten, hielt nicht lange. Kaum hatten sich Arbeitnehmer und Verbraucher an den bargeldlosen Zahlungsverkehr gewöhnt, begannen die Geldinstitute Klagen über das mühsame Geschäft mit der Massenkundschaft anzustimmen. Allen voran die großen Privatbanken ließen keine Gelegenheit aus, um über die hohen Personalkosten zu jammern, die das arbeitsintensive Privatkundengeschäft verursache. Die vielfältigen Dienstleistungen, die zahlreichen Überweisungen, Abbuchungen von den Konten, der Versand der Kontoauszüge und Scheckformulare könnten nicht mehr zum Nulltarif erbracht werden. Holger Bemdt, ein Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), verteidigte diese Gebührenpraxis 1994 gegenüber der Zeitung Die Woche: Der Service von Sparkassen und Banken hat wie jede andere Dienstleistung in der Wirtschaft seinen Preis. Das einfache Privatgirokonto der früheren Jahre hat sich zum Zentrum einer breiten Palette von Finanzdienstleistungen entwickelt. Girokonten ersetzen heute weitgehend die private Haushaltsbuchführung. Mit Milliardeninvestitionen, zum Beispiel für über 50.000 Geldautomaten in Europa und ein umfassendes Eurocheque- und Eurocardangebot , werden den Kunden Wege und Zeit erspart. Das Serviceangebot der Sparkassen und Banken ist daher nicht zum Nulltarif zu haben.

Die Gebührenspirale der Banken ist unverträglich
Die Geldinstitute begannen Gebühren für Kontenführung und Zahlungsverkehr einzuführen. Im Jahr 1977 gab eine Familie mit mittlerem Einkommen 22 € für Bankdienstleistungen aus. 1992 betrugen die Kosten schon 122 €, kritisierte die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen bereits Mitte der 90er Jahre. Die Gebühren für Kontoführung sind in den vergangenen 15 Jahren zehnmal schneller gestiegen als alle anderen Preise, die Spannen für diesen Basisservice sind enorm, stellte die Zeitschrift Finanztest bereits 1993 fest.“ Im Laufe der Jahre wurde die Gebührenschraube immer fester angezogen. Wann immer eine € von einem Konto zum nächsten wechselt – sei es als Überweisung, Dauerauftrag oder Lastschrift – verdient die Bank, der Kunde zahlt.

Doch obwohl sich die Geldinstitute jeden Handschlag, jeden Schritt im Dienste des Kunden bezahlen ließen, wurde der Bankbetrieb immer stärker automatisiert – mit einem überraschenden Ergebnis: Während in der Industrie durch den Einsatz von Maschinen und Robotern die Erzeugnisse billiger wurden, wurde der Service der Banken immer teurer.

Online abzocken richtig verstehen
Bereits in der Mitte der 90er Jahre entdeckten die Banken einen neuen Köder, den sie für ihre preisbewusste Klientel nutzen konnten. Wieder wurde kostenlose Kontoführung angeboten, diesmal allerdings ohne Filialnetz und persönlichen Service. Direktbanken, bei denen die Kunden per Telefon und Computer ihre Bankgeschäfte erledigen konnten, schossen wie Pilze aus dem Boden.

Der Grund für die Innovation bestehe darin, dass die Loyalität des Kunden zu seinem Geldinstitut abnimmt, sagte damals Thomas Holtrop von der Bank 24, der Direktbank der Deutschen Bank. Vor allem Kunden mit gehobenem Einkommen und guter Bildung, die in einer Großstadt leben und sehr engagiert in ihrem Beruf sind, zeigten großes Interesse an diesem Service. Für den Entschluss, die Bank zu wechseln, bräuchten die Inhaber der schätzungsweise 80 Millionen Girokonten in Deutschland aber ein rationales Argument: den Preis. Innerhalb weniger Monate gründete fast jede Großbank einen solchen No-Service-Ableger. Mit kostenlosen Girokonten sollten hauptsächlich Berufseinsteiger gewonnen werden. Zum Angebot gehörten eine ec-Karte, 50 kostenlose Buchungen pro Quartal, ein monatlicher Kontoauszug und Bargeld aus den Automaten.

Auch ein eher konventionelles Geldinstitut wie die Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) machte bei diesem Trend mit. Der Markt entwickelt sich in Richtung Kundenmacht, damit geht der Trend zu geringeren Kontogebühren, erklärte im Jahr 1996 der damalige BfG-Sprecher Jürgen Kurz. Wir haben uns damals an die Spitze dieser Bewegung gesetzt, gleich ganz auf Gebühren verzichtet. Zuvor hatten lediglich Schüler, Auszubildende und Studenten bei Banken kostenlose Girokonten eröffnen können. Der Verlust von Einnahmen sei von der überraschend hohen Zahl neuer Kunden schnell wettgemacht worden, berichtete Kurz über die Erfolge nach Abschaffung der Gebühren. 60.000 Neukunden waren für 1996 geplant, mittlerweile sind es mehr als 100.000. Die Idee habe besser eingeschlagen als erwartet.

Die neue Gebührenfreiheit währte jedoch nicht lange. Wettbewerbern waren die Billiganbieter ein Dorn im Auge, ihre Kunden mussten es büßen. Sparkassen erhöhten für Direktbank-Kunden die Benutzungsgebühren an ihren Geldautomaten. Der in Bonn angesiedelte Deutsche Sparkassen- und Giroverband stand der kostenlosen Kontoführung der Konkurrenz äußerst skeptisch gegenüber. Man muss sich auch fragen, wer letztlich die Kosten trägt, die bei der Führung eines Kontos nun einmal entstehen, so ein Verbandsvertreter. Der Kunde solle genauestens prüfen, welche Leistungen die Bank ihm biete.

Tatsächlich hatten die Angebote ihre Haken: So zahlten nur die comdirect Bank, die zur Commerzbank gehört, und die Advance Bank Guthabenzinsen für die gebührenfreien Konten. Comdirect und Bank 24 hatten die Gebührenfreiheit allerdings auf ein Jahr begrenzt. Nach Ablauf dieser Frist verzichtete die Bank 24 zwar weiter auf die Kontogebühr, der Inhaber musste jedoch über ein durchschnittliches Monatsguthaben von 2.000 € verfügen oder seine Bankgeschäfte überwiegend online tätigen. Auch der BfG- Kunde musste pro Monat mindestens 2.000 €, mittlerweile – nach der Übernahme der BfG durch die schwedische SEB-Gruppe – mindestens 1.250 Euro auf seinem Konto liegen haben, damit er in den Genuss der Gebührenfreiheit kommen konnte.

Der Skandal mit der HypoVereinsbank richtig verstehen – detailliertere Information

Der forsche Vorstoß der Deutschen Bank
Im letzten Jahr seiner Amtszeit als Vorstandssprecher, 1997, machte Hilmar Köpper einen entscheidenden Zug, der das gesamte deutsche Banken- und Versicherungswesen für die nächsten Jahre beschäftigte: Die Deutsche Bank hatte sich heimlich, still und leise einen Anteil von 5,2 Prozent an der Bayerischen Vereinsbank zusammengekauft. Als er diesen Coup dem Chef der bayerischen Regionalbank offenbarte, reagierte Albrecht Schmidt nicht gerade erfreut: Wir wollen eine eigenständige, große deutsche Bank mit Sitz in München bleiben, sagte er dem Chef des größten deutschen Kreditinstituts. Doch auch andere fanden den Vorstoß des Bankmanagers nicht erbaulich: Allianz-Konzernherr Henning Schulte-Noelle gefiel der Einbruch der Frankfurter in sein Territorium überhaupt nicht.

Mit diesem Kauf hatte die Bank eine seit Jahrzehnten etablierte Grenze überschritten, die die Bereiche Versicherungswirtschaft auf der einen und Bankwesen auf der anderen trennt. Die größte deutsche Bank und der größte deutsche Versicherer hatten ihre eigenen Einflusssphären mit gegenseitigen Beteiligungen. Die Repräsentanten beider Konglomerate trafen sich in Aufsichtsräten der großen Konzerne, aber ihre Geschäfte liefen weitgehend getrennt – der eine kümmerte sich um die Konten, Sparbücher, Kredite und Wertpapiere, der andere um die Absicherung von Personen und Unternehmen gegen alle Widrigkeiten des Lebens. Mit dieser Arbeitsteilung kamen sich die beiden Konzerne jahrzehntelang nicht ins Gehege. Die friedliche Koexistenz der beiden Branchenriesen wurde durch den Vorstoß von Köpper gefährdet, denn die Bayerische Vereinsbank gehörte eindeutig zum Satellitensystem des Allianz- Konzerns. Sie war zudem einer seiner Aktionäre. Mit dem Kauf des Bayerische-Vereinsbank-Aktienpakets hatte sich die Deutsche Bank weit vorgewagt.

Die Allianz schlägt zurück
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, Vereinsbank-Chef Schmidt und der Vorstandsvorsitzende der ebenfalls in München ansässigen Bayerischen Hypothekenbank, Eberhard Martini, begannen über eine Fusion zu verhandeln – mit Billigung und sogar auf Initiative von Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle. Der Versicherungskonzern hielt rund 20 Prozent an der Hypobank. Wie Der Spiegel berichtete, suchte der Allianz-Chef seit längerem nach einem starken Partner für das Institut, weil dessen Rentabilität zu jener Zeit durch riskante Kreditengagements sowie durch spekulative Immobiliengeschäfte gefährdet war. Hypobank-Chef Martini trotzte zwar lange dem Begehren seines Großaktionärs, doch im Sommer 1997 musste er der Offerte der Vereinsbank zustimmen.

Die Architektur der bayerischen Bankenhochzeit war schnell skizziert, die beiden Bankchefs der traditionell eher verfeindeten Regionalinstitute einigten sich auf einen Merger of equals. Allerdings gab es von Anfang an keinen Zweifel daran, dass die Hypobank von der Vereinsbank geschluckt werden würde. Den Hypobank-Aktionären wurde ein 6:1-Clou angeboten, für sechs Hypobank-Anteilsscheine gab es eine Allianz-Aktie aus dem Bestand der Vereinsbank. Die bayerische Landesregierung unterstützte die Fusion, die im schlimmsten Fall auch den Abbau von Arbeitsplätzen, die Schließung von Filialen nach sich ziehen und die Konzentration auf weniger Bankinstitute beschleunigen würde, mit einem großzügigen Steuerverzicht. Eigentlich hätte der Wertzuwachs der Allianzaktien bei ihrer Veräußerung versteuert werden müssen. Doch die Landesregierung gewährte für den Aktientausch Steuerbefreiung und verzichtete dadurch auf Steuereinnahmen von fünf Milliarden €.

Insgesamt übernahm die Vereinsbank 45 Prozent der Hypobank. Deren ehemaliger Chef und früherer Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, Eberhard Martini, erhielt ein Aufsichtsratsmandat, sogar ein Teil des Namens wurde übernommen: Das neue Unternehmen hieß Bayerische HypoVereinsbank, geführt wurde es vom Chef der alten Vereinsbank Albrecht Schmidt.

Am 1. September 1998 wurden die beiden Institute offiziell zur zweitgrößten deutschen Privatbank verschmolzen. Der Allianz gehörten an dem neuen Koloss des deutschen Finanzmarktes 17,4 Prozent, der Münchner Rück 6,4 Prozent, der Viag 8,1 Prozent und dem Freistaat Bayern 6,7 Prozent. Die restlichen Anteile befanden sich in Streubesitz. Die Deutsche Bank hatte ihre Beteiligung an der alten Bayerischen Vereinsbank wieder zurückgegeben.

Skandal bei der Hypobank
Doch damit war der Fusionspoker noch lange nicht beendet. Wenige Wochen nach dem glanzvollen Start entdeckte der Chef der neuen Bank, Albrecht Schmidt, dass Eberhard Martini, sein Fusionspartner von der Hypobank, erhebliche Kreditrisiken bei Immobiliengeschäften in Höhe von 3,5 Milliarden € nicht angegeben hatte. Diese Wertberichtigungen hätten im Jahresabschluss für 1997 berücksichtigt werden müssen. Schmidt war persönlich tief erschüttert und machte aus seiner Verärgerung keinen Hehl: Ich habe eine bittere Enttäuschung erlitten und eine gehörige Wut im Bauch, erklärte der Bankchef. Er war vor allem bemüht, den Verdacht, er habe von der Schieflage im Immobiliengeschäft schon während der Fusionsverhandlungen erfahren, gar nicht aufkommen zu lassen. Ein Versagen dieses Ausmaßes habe er sich nicht vorstellen können, tobte Bankchef Schmidt und forderte vehement personelle Konsequenzen.

Allerdings waren die Risiken, die im aus dem Ruder gelaufenen Immobiliengeschäft der Hypobank lauerten, offenbar auch der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Wedit nicht aufgefallen. Der Vorstand habe die entsprechenden Unterlagen nicht herausgegeben, versuchten sich die Prüfer später der Verantwortung zu entziehen.

Am 30. Oktober verkündete Martini forsch: Der 1997er Abschluss war in Ordnung. Einen Rücktritt von seinem Aufsichtsratsmandat lehnte er ab. Im November wurde der verbale Schlagabtausch zwischen den beiden Topbankern heftiger, die Angriffe peinlicher. Einen Höhepunkt der Niveaulosigkeit erreichte Martini mit seiner Kritik am neuen Großbankchef: Schmidts Charakter ist vom Ehrgeiz zerfressen, so ein Mann kann keine Bank führen.

Die weitere Eskalation wäre vielleicht noch vermeidbar gewesen, wenn der Aufsichtsrat konsequente Aufklärungsarbeit geleistet hätte, schrieb das Manager Magazin im Mai 1999. Doch dazu konnte sich das Kontrollgremium nicht durchringen, obwohl – wie das Hamburger Wirtschaftsmagazin berichtete – einer der Räte, DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp, dringend empfahl die Angelegenheit transparent aufzuarbeiten. Schließlich wisse er aus eigener Erfahrung, was es bedeute, mit unangenehmen Wahrheiten an die Öffentlichkeit zu gehen .Doch den Mitgliedern des Aufsichtsgremiums ging es offenbar weniger um das Image der Bank als vielmehr um das Ansehen der Banker, genauer der Hyponose, wie die Mitarbeiter der ehemaligen Hypobank von den Vereinsbankern intern genannt wurden. Aufsichtsratschef Klaus Götte suchte einen Kompromiss, der den Hypobankern half das Gesicht zu wahren und dem die verärgerten Vereinsbanker im Vorstand gerade noch zustimmen konnten.

So einigten sich die Räte schließlich darauf, die 3,5-Milliarden- €-Schieflage als außerordentliche Wertberichtigung des Jahres 1998 auszuweisen, die sich durch einen Methodenwechsel bei der Risikobewertung ergeben habe, zitierte das Manager Magazin. Danach sprach der Aufsichtsrat, wie es im gehobenen Wirtschaftskreisen üblich ist, dem gesamten Vorstand sein Vertrauen aus. Im Januar 1999 versuchte Ex-Hypobanker Martini seinen Widersacher Schmidt auszuhebeln. Als über die Verlängerung von Schmidts Vertrag beraten werden sollte, war Martini dagegen und versuchte auch seine Ratskollegen davon zu überzeugen, dass Schmidt nicht der richtige Mann für die neue Bank sei. Mit dieser Meinung stand Martini allerdings allein – Schmidts Vertrag wurde mit überwältigender Mehrheit von 19:1 Stimmen verlängert.

Bei der Hypobank rollen die Köpfe
Im Februar 1999 stellte die HypoVereinsbank die Ergebnisse des Fusionsjahres 1998 vor. Bankchef Schmidt kündigte einen radikalen Sparkurs an, vor allem die Immobiliensparte und das Kreditgeschäft wurden drastisch zurückgenommen. Der Kampf der beiden Topbanker Schmidt und Martini zog sich hin. Im März beschloss der Aufsichtsrat eine Sonderprüfung des Immobilienbereichs zu veranlassen.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Götte trat schließlich am 20. März 1999 zurück. Als seinen Nachfolger holte der Großaktionär Allianz im April 1999 den Ex-Vizepräsidenten der US- Investmentbank JPMorgan, Klaus F. Viermetz, ins Boot. Viermetz, einer der wenigen Deutschen, die an der Wallstreet Karriere gemacht haben, kannte Schmidt und die Bank. Er hatte den HypoVereinsbank-Chef 1997 bei der Abwehrstrategie gegen die Deutsche Bank und bei der Übernahme der Hypobank beraten.

Der neue Aufsichtsratsvorsitzende hatte viel zu tun. Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre forderte eine Ausgleichszahlung für die früheren Vereinsbank-Anteilseigner. Der Wert der Hypobank sei schließlich geringer gewesen, als bei der Berechnung des Aktientauschverhältnisses angenommen worden war. Auf der Hauptversammlung am 6. Mai machten die privaten Anteilseigner der HypoVereinsbank ihrem Ärger Luft. Seit dem Immobilienskandal im Herbst 1998 hatten ihre Aktien ein Drittel ihres Werts verloren. Gemessen an der Börsenkapitalisierung der Bank waren 17 Milliarden € vernichtet worden. Zehn Stunden wurde debattiert. Nur dank der geschickten Moderation von Aufsichtsratschef Viermetz konnte der Eklat verhindert und ein Kompromiss erzielt werden: Über die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat sollte erst entschieden werden, wenn das Ergebnis der Sonderprüfung vorlag, für die die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO engagiert wurde.

Als BDO drei Tage vor der Aufsichtsratssitzung, die am 26. Oktober 1999 stattfand, das Gutachten präsentierte, bestätigte sich der Verdacht. Die Risiken aus den Immobiliengeschäften waren noch höher ausgefallen als ursprünglich angenommen: Der Fehlbetrag lag nach Bewertung durch die Prüfer bei insgesamt 3,5 Milliarden €. Bankchef Schmidt sah sich rehabilitiert und begann eine schonungslose Abrechnung mit den Hypobankern im neuen Bankvorstand. Ex-Hypobank-Chef Eberhard Martini musste in der Folge sein Aufsichtsratsmandat zurückgeben. Sein früherer Finanzchef Werner Münstermann, der für die Bilanz verantwortlich war, wurde ebenfalls seines Amtes, der Leitung der Hamburger HypoVereinsbank-Tochter Vereins- und Westbank, enthoben. Vier weitere ehemalige Hypobank-Vorstände, Peter Hoch, Martin Kölsch, Martin Schütte und Josef Wertschulte, die an den riskanten Immobiliengeschäften nicht direkt beteiligt waren, baten ebenfalls um ihre Entlassung.

Vor denen muss man den Hut ziehen, denn die haben sich, ohne dass ein eigenes Verschulden vorlag, der Gesamtverantwortung des Vorstands gestellt, bewerteten ehemalige Hypobank- Mitarbeiter den Abgang des Quartetts. In Kreisen der Aktionäre wurde der spektakuläre Abgang für unabwendbar gehalten: Reinen Tisch zu machen war die einzige Möglichkeit, um die Bank in die Lage zu versetzen, in Zukunft unbelastet nach vorne blicken zu können.

Vor allem den Großaktionären Allianz, Viag und dem Freistaat Bayern lag daran, die Altlasten aus dem Immobiliendebakel loszuwerden. Gelungen ist ihnen das aber nicht, denn seit dem BGH- Urteil vom Frühjahr 2002 können die damals von der Hypobank geprellten Anleger Schadensersatz fordern – sie müssen sich an der neuen HypoVereinsbank schadlos halten. Erhebliche Nachwirkungen hatte der Skandal auch auf die Mitarbeiter der Bank. Durch den Machtkampf an der Spitze wurde die Belegschaft gespalten. Bis heute ist noch nicht zusammengewachsen, was seit 1998 eigentlich zusammengehören sollte. Die Wunden, die der Clinch in der Führung der Bank aufgerissen hat, sind bis heute nicht verheilt. Noch immer wird fein unterschieden, wer Hyponese war und wer von der Vereinsbank kam.

Die Moral stirbt zuerst wo die Gier herrscht

Frustrierte deutsche Aktionäre, die lange neidisch nach Amerika geblickt hatten, erspähten dort im Frühjahr 2002 eine Räuberhöhle unvorstellbaren Ausmaßes. In großem Stil hatten scheinbar renommierte Konzerne ihre Bilanzen gefälscht, Milliardengewinne ausgewiesen, die es gar nicht gab, und zudem mit einem Höchstmaß an krimineller Energie die Kurse ihrer Aktien manipuliert. Banken und Wirtschaftsprüfer hatten diese kriminellen Vereinigungen in den Konzernzentralen von Enron, WorldCom und anderen einst soliden US-Adressen kräftig unterstützt.

Spätestens seit November 2001, seit der US-Energie-Riese Enron offenbaren musste, wie er im Verein mit den Wirtschaftsprüfern der einst angesehenen Sozietät Arthur Andersen die Bilanzen fälschte, mit Hilfe von angesehenen US Banken wie Citicorp und JPMorgan Kreditbetrug in Milliardenhöhe beging und erfundene Profite meldete, ist es mit der ehrfürchtigen Bewunderung der amerikanischen Börsenkultur vorbei.

Als sich dann im Laufe des Jahres 2002 herausstellte, dass die Enron-Manager keineswegs die einzigen waren, die ihre Gewinne betrügerisch aufgeblasen und damit im großen Stil ihre Anleger betrogen hatten, war das Vertrauen der Investoren nachhaltig zerstört worden. Zu den Übeltätern gehörten so namhafte Unternehmen wie der Bürogerätehersteller Xerox, der Elektrokonzern Tyco, der Pharmakonzern Merck ft Co. und sogar der Telekommunikationsgigant WorldCom mit dem Moralapostel und Firmengründer Bernhard Ebbers an der Spitze, der penibel alles kontrollierte – sogar die Spesenabrechnungen seiner Manager. Als WorldCom im Juli 2002 das Insolvenzverfahren beantragte, brach an den Kapitalmärkten weltweit Panik aus.

Der Verlust an Glaubwürdigkeit lässt sich an Rekordverlusten ablesen. Der Dow Jones – kaum dass er sich von der Baisse des Jahres 2001 und dem Crash nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erholt hatte, sank auf das Niveau des Jahres 1997, die US-Wachstumsbörse Nasdaq schnurrte innerhalb eines Jahres auf weniger als die Hälfte ihres Wertes zusammen. Noch schlimmer erwischte es die deutschen Märkte, der DAX fiel innerhalb eines Jahres von rund 5.500 Punkten auf unter 3.500 Punkte und der Nemax von 1.300 Anfang Juli 2001 auf Allzeittiefstand von weniger als 450 Punkten. Innerhalb weniger Tage wurden 130 Milliarden Euro allein an den Börsen vernichtet – eine Summe, die dem Bruttosozialprodukt des Landes Norwegen entspricht.

Bei der Suche nach den Ursachen der Betrugsskandale kommen erstaunliche Erkenntnisse ans Licht: Die von vielen so geschätzte US-Wertpapieraufsicht Securities and Exchange Commission zehrt seit langem nur noch vom Ruhm vergangener Tage, dem turbulenten Börsengeschehen ist sie längst nicht mehr gewachsen. Allein die Menge an Quartalsberichten und Papieren, die die gelisteten Unternehmen und Börsendebütanten einreichen müssen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Die schockierten Anleger fragen sich jetzt, ob diese je geprüft worden sind. Sonst hätten beispielsweise die sonderbaren Umsatzsprünge beim Pharmakonzern Merck auffallen müssen, kritisiert die US- Wirtschaftszeitung The Wall Street Journal.

Zur Überforderung der SEC-Beamten trug auch bei, dass sich in der vergangenen Dekade das Handelsvolumen vervielfacht hat und ständig neue Finanzierungsinstrumente und Anlagemodelle entwickelt wurden, die an den Börsen angeboten werden und von der SEC überwacht werden müssten. Dafür fehlt der Behörde allerdings das Personal. Wegen der mageren Gehälter wechseln die besten Mitarbeiter schnell auf die andere Seite, zu den Brokerhäusern und Investmentbanken.
Doch eine Aufstockung der Belegschaft und eine Erhöhung der Einkommen war nicht drin, erst kürzlich hat US-Präsident George W. Bush eine Budgeterhöhung für die überlastete Behörde abgelehnt.

Erst nachdem sich der Börsenskandal zu einer massiven Krise der US-Wirtschaft und der Weltkapitalmärkte auszuweiten drohte, hat Bush die Strafen für Anlagebetrug und Bilanzfälschung verschärfen lassen. Seit 14. August 2002 müssen die Chefs von Amerikas Konzernen jeden Geschäftsbericht selbst abzeichnen und für die Richtigkeit selbst und mit ihrem meist nicht unbeträchtlichen Vermögen haften. Unrichtige Angaben werden nun mit hohen Haftstrafen geahndet. Die Chancen, dass die Missetäter entlarvt werden, sind damit zwar nicht gestiegen, denn von einer Aufrüstung der Aufsichtsbehörde war nicht die Rede, doch die Regierung hat, wie es scheint, endlich einmal durchgegriffen.

Den deutschen Aufsichtsbeamten und Kontrolleuren kommt die Entzauberung der US-Börsenwächter nicht ungelegen. Die oft unterstellte Überlegenheit des US-Systems in Unternehmensführung, Bilanzierung und Aufsicht sei, so ThyssenKrupp-Aufsichts- ratschef Gerhard Cromme, durch die jüngsten Vorgänge in den USA widerlegt. Unter Crommes Vorsitz hatte eine im September 2001 von Bundeskanzler Gerhard Schröder beauftragte Regierungskommission einen neuen Kodex für die Führung von börsennotierten Unternehmen, den Deutschen Corporate Governance-Kodex, erarbeitet. Der Kodex ist ein vernünftiger Weg und es wird die Aufgabe sein, ihn so zu entwickeln, dass solche Fehler nicht passieren. Doch als dieser Verhaltenskodex im Februar 2002 präsentiert wurde, musste Cromme Kritik von allen Seiten einstecken. Den Unternehmen gingen die Vorschläge zu weit, den Anlegerschützern nicht weit genug.

Tatsächlich hat die Kommission Schritte in die richtige Richtung gemacht, sich aber nicht allzu weit vorgewagt. Der wichtigste Punkt des neuen Verhaltenskatalogs für die Führungskräfte ist: Nicht mehr als zwei ehemalige Vorstandsmitglieder eines Unternehmens sollen in dessen Aufsichtsrat gewählt werden. Doch an der von deutschen Konzernherren besonders geschätzten Regelung, nach dem Vorstandsvorsitz auch die Leitung des Aufsichtsrats zu übernehmen, um weiter ins Unternehmen hinein regieren zu können, wurde nicht gerüttelt.

Das ist auch kein Wunder, denn zwei der Kommissionsmitglieder haben genau diesen Wechsel erst kürzlich vollzogen. Der Kommissionsvorsitzende Cromme war bis November 2001 Chef von Thyssen-Krupp und leitet jetzt den Aufsichtsrat des Konzerns, Ex-Deutsche-Bank-Chef Rolf-E. Breuer hat im Mai 2002 die Führung des Kontrollgremiums in dem Geldkonzern übernommen. Der Kodex will jedoch die Zahl der von einer Person eingenommenen Kontrollposten beschränken. Vorstandsmitglieder börsennotierter Aktiengesellschaften sollen nicht mehr als fünf Aufsichtsratsmandate gleichzeitig halten – nach dem Aktienrecht gelten noch zehn Ratsposten in konzernunabhängigen Unternehmen als Obergrenze. Die Gehälter von Vorstandsmitgliedern und die Bezüge der Aufsichtsräte sind laut Kodex künftig einzeln aufzuführen. Zur Verbesserung der Diskussionskultur sollen zudem mehr Ausschüsse gebildet werden.

Die Umsetzung der insgesamt rund 50 Empfehlungen des so genannten Complyorexplain-Regelwerks soll den Unternehmen nicht zwingend vorgeschrieben werden, aber wer die hier aufgeführten Vorschläge nicht befolgt, müsste künftig erklären, warum er es nicht tut. Kommissionsvorsitzender Cromme erwartet, dass der Druck der internationalen Finanzmärkte und auch der Öffentlichkeit so stark wird, dass kaum ein Konzern es sich leisten kann, diese simple Forderung nach mehr Transparenz bei der Bezahlung der Spitzenmanager auf Dauer zu ignorieren.

Wer die Entwicklung der vergangenen Jahre Revue passieren lässt, dürfte sich über das Vertrauen des Topmanagers in die Rationalität der Märkte und deren heilsamen Einfluss auf die künftige Unternehmensentwicklung eher wundem. Dass die Märkte mehr hinrichten als richten, haben die vorangegangenen Artikel deutlich gezeigt. Das gilt sowohl für Unternehmen als auch für ganze Volkswirtschaften. Das Feuer, das enttäuschte Kleinanleger, institutionelle Investoren und die Bundesregierung als Großaktionär bei der Deutschen Telekom entfacht haben, kann sich zu einem Flächenbrand entwickeln, in dem mehr als die Karriere eines Herrn Sommer zerstört wird. Es geht auch nicht nur um die Ersparnisse von zigtausenden kleiner Anteilseigner. Das Debakel um die Aktien eines Unternehmens, auch wenn es sich dabei um einen der größten Konzerne Deutschlands und die Volksaktie der Deutschen handelt, kann mit dazu beitragen, die politische Landschaft zu verändern und einen Regierungswechsel zu beschleunigen. Das mag man bedauern oder nicht. Den Märkten und den Finanzjongleuren ist es gleichgültig, wer die Politik in einem Land bestimmt. Wenn ihnen die Richtung nicht passt, zieht die Karawane eben in ein anderes Land.

Erschreckend ist vielmehr, dass sich die Politik immer mehr den Märkten und den mächtigen Finanzinstitutionen unterordnen muss und dass dies nicht in einer korrupten Bananenrepublik geschieht, sondern in zivilisierten Ländern wie zum Beispiel Deutschland und der Schweiz. Und wenn die Märkte schon solche Wirkung in gefestigten Demokratien entfalten können, dann müssten Strukturen geschaffen werden, die ihren Einfluss begrenzen, nicht erweitern.

Die Märkte sind amoralisch – das sagt nicht ein weltfremder Moralist, sondern einer der Scharfschützen der internationalen Hochfinanz, George Soros. In einem Interview mit dem Magazin Der Spiegel im Jahr 1998 plädierte der einstige Freibeuter der Finanzmärkte für strenge Aufsicht und Kontrollen: Märkte und Privateigentum sind unentbehrlich für eine offene Gesellschaft. Aber so wie es jetzt funktioniert, ist das System nicht in Ordnung. Finanzmärkte brauchen Aufsicht und Kontrollen. Es gibt soziale und kollektive Bedürfnisse, die nicht auf den Märkten ihren Ausdruck finden. Und wir haben in der repräsentativen Demokratie einen Mechanismus, der dem Allgemeinwohl dient. Den gibt es in der globalen Wirtschaft nicht.

Längst kommen die Warnungen vor der Allmacht der Banken und Finanzinstitute nicht mehr aus der Kuschelecke unverbesserlicher Sozialromantiker, sondern von renommierten Wirtschaftswissenschaftlern, Nobelpreisträgern und Politologen. Wie die breite bürgerliche Bewegung der Attac suchen auch sie nach Wegen, wie die destruktive Kraft der globalen Geldindustrie, die nicht nur ganze Volkswirtschaften in Asien und Lateinamerika verwüstet hat, sondern durch ihre häufigen Fehlurteile und Manipulationen auch Kahlschläge in den Arbeitsmärkten der Industriestaaten hinterlässt, gebremst werden kann. In Deutschland hat der frühere SPD-Vorsitzende und kurzzeitige Finanzminister Oskar Lafontaine vor den fatalen Folgen der Globalisierung gewarnt und schärfere Kontrollen der Kapitalmärkte gefordert. Im Juni 2002 legte eine Enquete-Kommission des deutsche!! Bundestags, die unter dem Vorsitz von Emst Ulrich von Weizsäcker seit 1999 die Chancen und Risiken der Globalisierung beraten hat, einen 600 Seiten umfassenden Bericht vor. Sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder hat Verständnis für die Anliegen der Globalisierungskritiker geäußert.

Topbanker wie der frühere Deutsche-Bank-Vorstand Thomas Fischer melden mittlerweile Zweifel an der bisherigen Globalisierungsstrategie der internationalen Konzerne und Finanzinstitute an: Eigentlich hält doch kaum noch jemand den Globalisierungsprozess für gut, sagte Fischer, der 2001 seinen Job in der Deutschen Bank aufgegeben hat, in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Wir müssen endlich darüber reden, was überhaupt globalisiert werden soll. Globalisierung muss viel mehr sein als die Gründung von Filialen internationaler Konzerne. Wir dürfen auch nicht nur den Waren- und Kapitalverkehr globalisieren, sondern müssen auch den Rechtsstaat, die Demokratie, überprüfbare Institutionen verbreiten.

Es ist an der Zeit, dass auch die Regierenden in aller Welt ernsthaft darüber nachdenken, wie dem Streben der internationalen Banken und Finanzinstitute nach globaler Größe und unbeschränkter Macht Grenzen gesetzt werden können. Dem unkontrollierbaren Einfluss der unüberschaubaren Finanzimperien auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft muss Einhalt geboten werden.

Wie Investmentbanker zum Absturz der T-Aktie geholfen haben – der Fall Deutsche Telekom

Ich wär so gerne Aktionär, sang 1996 Manfred Krug in der millionenschweren Werbekampagne, die die Deutsche Telekom für ihr Börsendebut geschaltet hatte. Die Deutschen, ein Volk von Sparbuchinhabern, sollten sich an der Privatisierung des Staatskonzerns beteiligen und zum Volk von Aktionären werden – mit Hilfe der Volksaktie Telekom. Begleitet wurde der spektakuläre globale Börsengang – die Aktien des größten deutschen Telekommunikationsunternehmens wurden gleichzeitig an den Börsen in New York und Tokio eingeführt – von den ersten Adressen des internationalen Kapitalmarktes. Die deutschen Großbanken waren dabei und auch die internationalen amerikanischen Investmenthäuser.

Der Run auf die Volksaktie
Zum ersten Mal in der deutschen Börsengeschichte wurde eine Aktienplatzierung nach dem so genannten Bookbuilding-Verfahren durchgeführt. Dabei müssen große internationale Investmentgesellschaften wie die Pensionsfonds, die über Milliarden von Anlegerkapital verfügen, Gebote abgeben, zu welchem Preis sie T-Aktien in ihre Portfolios nehmen würden. Die Präsentationstour – im Börsenjargon Roadshow genannt – wurde von einem wahren Medienrummel begleitet, in Deutschland wurde das TV- Publikum allabendlich mit dem Werbespot berieselt – der Erfolg ließ nicht auf sich warten. Als der Ausgabekurs von 14 Euro bekannt gegeben wurde, war die Volksaktie vielfach überzeichnet, der größte Teil ging an die institutionellen Anleger
wie Banken und Versicherungen. Dennoch kamen auch viele private Käufer zum Zuge und erhielten ihr magentafarbenes Wertpapier.

Heute wünscht sich so mancher Volksaktionär, er wäre bei der Aktienzuteilung nicht zum Zuge gekommen. Nach den anfänglichen Höhenflügen der T-Aktie und einer weiteren Aktienplatzierung im Boomjahr 2000 begann knapp zwölf Monate später der freie Fall: Bei der Hauptversammlung im Mai 2002 stand sie nur noch bei 11,46 Euro, weit unter dem Emissionskurs der ersten Tranche. Und im Juli 2002 wurde sogar die Zehn-Euro-Grenze unterschritten. Der Streit um die Bewertung von Immobilien, die hohen Schulden durch die Ersteigerung der UMTS-Lizenzen, die künftige Handy-Generationen internetfähig machen sollen sowie teure Unternehmensübernahmen haben kräftig am Wert des einstigen Börsenüberfliegers gezehrt.

Auf Schleuderkurs:
der verpatzte Blocktrade der Deutschen Bank
Aber auch die Banken, die die T -Aktien an die Börse gebracht und am Handel mit den Papieren kräftig verdient haben, leisteten sich Pannen, die dem Kurs der Aktie erheblich schadeten. Die größte Blamage dieser Art unterlief im Spätsommer 2001 der Deutschen Bank. Am 6. August war die Welt der T-Aktionäre noch halbwegs in Ordnung. Nach den heftigen Kursverlusten der vergangenen zwölf Monate schien das Papier wieder den Boden für einen neuen Aufstieg gefunden zu haben. Selbst die Analysten der Deutschen Bank gaben eine nachdrückliche Kaufempfehlung ab. Mit Erfolg: Der Kurs legte an diesem Tag um 1,93 Prozent auf 24,26 Euro zu.

Einen Tag später, am Dienstag den 7. August, war wieder Heulen und Zähneklappern angesagt. Die T-Aktie war um 3,47 Prozent auf 23,37 Euro abgesackt und führte die Liste der Verlierer im Deutschen Aktienindex DAX an. Die Papiere werden von institutioneller Seite aggressiv um jeden Preis verkauft, versuchte ein Händler einer Frankfurter Großbank den abrupten Kursverlust zu erklären. Und die Talfahrt ging weiter: Am darauf folgenden Freitag hatte die Volksaktie fast 20 Prozent ihres Werts vom Montag verloren. Als Schlusskurs der schwarzen Börsenwoche für die Papiere des magentafarbenen Riesen wurden noch 19,37 Euro notiert, nachdem die T-Aktie zeitweise sogar auf 18,75 Euro abgestürzt war, den tiefsten Stand seit drei Jahren.

Die Aktionäre waren verärgert: Ron Sommer raubt mir meine Rente, schimpfte ein frustrierter Kleinaktionär auf den Telekom- Chef. Da war er dieses Mal aber an der falschen Adresse. Nach den Kursabstürzen der vergangenen zwölf Monate erhielten die Kleinanleger eine weitere bittere Lektion – jedoch nicht von der Konzernleitung der gebeutelten Telekom, sondern von der Deutschen Bank. Sie zeigte den Volksaktionären wieder einmal deutlich, wie sie im weltweiten Milliardenmonopoly von den großen Spielern abgezockt werden. Der Hintergrund: Nur einen Tag nach der von ihrem Haus herausgegebenen Kaufempfehlung hatten die Investmentbanker versucht, im Auftrag des Telekommunikationskonzerns Hutchinson Whampoa 44 Millionen T-Aktien im Markt unterzubringen – zu einem vereinbarten Kurs von 23,60 Euro.

So genannte Blocktrades, Verkäufe großer Aktienpakete, sind keine Seltenheit an den internationalen Kapitalmärkten. Im Jahr 2000 wurden solche Wertpapierdeals im Wert von knapp 40 Milliarden Dollar abgewickelt. Von Januar bis Anfang August 2001 wurden sogar Pakete für knapp 32 Milliarden Dollar verschoben, hat die britische Beratung Thomson Financial Securities Data, die derartige Wertpapierverkäufe erfasst, ermittelt. Allein vom britischen Telekommunikationskonzern Vodafone wechselten 2001 Aktien im Wert von 6,4 Milliarden Dollar in mehreren Tranchen die Besitzer. Im März wurden 420 Millionen Papiere des Konzerns, der im Jahr 2000 Mannesmann übernommen hatte, veräußert, im Mai noch einmal 182,5 Millionen und im Juni weitere rund 6,65 Millionen.

Gemessen an diesen Volumina nehmen sich die Telekom- Transaktionen mit einem Wert von knapp zwei Milliarden € fast bescheiden aus. Dass dieser Deal dennoch ein Kursdebakel der Sonderklasse verursachte, liegt an den groben Pannen, die den Investment Bankern der Deutschen Bank bei dem hochsensiblen Geschäft offenbar unterliefen.

Blocktrades müssen schnell, vertraulich und marktschonend abgewickelt werden, erklärt Ulrich Ramm, Chefökonom der Commerzbank, die erst Mitte Mai 2001 zusammen mit der US-Investmentbank Merrill Lynch im Auftrag des Energiekonzerns RWE sechs Millionen Aktien von Heidelberger Druckmaschinen im Wert von rund 360 Millionen Euro platziert hat.
In den meisten Fällen gelingt es erfahrenen Aktienhändlern und Investment Bankern selbst Millionen von Wertpapieren innerhalb weniger Stunden per Telefon, Fax oder E-Mail an institutionelle Anbieter zu veräußern. Die Papiere werden zu festen Preisen angeboten oder aber zu Kursen, die in einem beschleunigten Bookbuilding-Verfahren ermittelt werden. Dabei können die Investoren erklären, zu welchem Preis sie eine bestimmte Menge Aktien übernehmen wollen. Danach werden die Aufträge abgewickelt, und die Banker können sich über eine stattliche Provision freuen.

Die Deutsche Bank, die gerne mit dem Slogan Vertrauen ist der Anfang von allem wirbt, hat an dem T-Aktien-Paket rund 150 Millionen € verdient. Viel Geld für ein schnelles Geschäft. Von einem Blocktrade kann in vielen Fällen aber auch der Käufer profitieren. Nicht selten führen solche Transaktionen dazu, dass der Kurs des heimlich in großen Stückzahlen gehandelten Papiers in den darauf folgenden Tagen auch im öffentlichen Handel steigt. So kletterte der Kurs der Sonera-Aktie zwei Tage nach einer derartigen Pakettransaktion von 15,6 Millionen Stück, die einen Erlös von 754 Millionen Euro brachte, von 51,10 Euro am 18. April 2000 auf 56,51 Euro am 20. April und lag damit sogar über dem Wert vom Vortag des Deals. Der französische Pharma und Kosmetikkonzern Sanofi-Synthelabo konnte ebenfalls kurz nach der Platzierung von 15,69 Millionen Papieren einen Kursgewinn von 3,25 Euro pro Aktie verbuchen. Selbst bei dem größten Deal der jüngsten Wirtschaftsgeschichte, dem Verkauf von 564 Millionen Aktien der Firma Vodafone Air Touch PLC, der am 22. März 2000 mehr als drei Milliarden Dollar einbrachte, stieg der Kurs der Vodafone-Aktie am 23. März zunächst um 2,50 Pfund.

Abstürze wie im Fall Telekom sind gerade beim Verkauf von Blue-Chip-Aktienpaketen außerordentlich selten. Und dennoch gelang der Deutschen Bank genau dies mit ihrem Alleingang. Die Käufer des Pakets hatten sich zwar auf einen Kurs von 23,60 Euro geeinigt. Weil die Researchabteilung der Deutschen Bank am Vortag jedoch noch eine Studie veröffentlicht hatte, in der die Telekom-Aktien zum Kauf empfohlen wurden, fand der Paketverkauf plötzlich nicht mehr im Hinterzimmer, sondern auf offener Bühne statt. Fondsmanager und Privatanleger fühlten sich genarrt, weil die Deutsche Bank wider ihre eigene Kaufempfehlung Aktien verkaufte, und versuchten ebenfalls ihre Telekom-Aktien loszuwerden. Der T-Kurs brach ein.

150 Millionen € verdient, 40 Milliarden € vernichtet
Die Banken müssen bestraft werden, wenn sie Interessenkonflikte in der Complianceabteilung nicht lösen können, kritisierte Wolfgang Gerke, Professor für Bank- und Börsenwesen der Universität Erlangen, den Vorfall. Die Complianceabteilung ist die interne Aufsichtsabteilung einer Bank, die beispielsweise Interessenkonflikte zwischen dem Investment Banking und der Vermögensanlage verhindern und Insidergeschäften oder Geldwäschedelikten nachspüren soll. Im Fall des T-Aktien-Pakets hätte sie entweder den Bericht der Analysten vor der Veröffentlichung stoppen oder aber auf den Verkauf des Pakets samt der Provision verzichten müssen. Wir müssen verhindern, dass solche Konflikte in dieser Form auf uns Anleger zukommen, sagte Gerke.

Ulrich Lissek, der Pressesprecher der Deutschen Telekom, die von dem Deal der Deutschen Bank völlig überrascht wurde, brachte das Kursdebakel der T-Aktie auf eine griffige Formel: Aktien für zwei Milliarden € verkauft, 100 bis 150 Millionen € verdient und 40 Milliarden € vernichtet. Die großen Investmentgesellschaften fürchteten schlimme Folgen für den Konzern und seine Aktie: Vielleicht war das sogar der Dammbruch für die Flucht aus der Aktie, orakelte damals einer der Chefmanager der Investmentfondsgesellschaft DWS. Der Mann hatte Recht. Im Mai 2002 notierte die T-Aktie sogar unter ihrem ersten Emissionskurs.

In einem internen vertraulichen Bericht vom 15. August 2001 gibt die Complianceabteilung der Deutschen Bank, die dafür zuständig ist, dass keine Interessenkonflikte auftreten, die Schuld an dem Kursabsturz den amerikanischen Investmentbanken Goldman Sachs und Merrill Lynch. Beide Häuser hätten am 8. August 2001 das Kursziel für die T-Aktie deutlich nach unten korrigiert: Goldman Sachs habe Marktgerüchten zufolge das Kursziel bei 17 Euro gesehen und Merrill Lynch sei in einer ausführlichen Analystenstudie zu einem Kursziel von 18 Euro zum Jahresende 2001 gekommen und habe den Verkauf dieser Aktien empfohlen. An diesem und den folgenden Tagen gaben im Übrigen auch die Kurse praktisch aller anderen europäischen Telekommunikationswerte erheblich nach“, schreibt die Complianceabteilung in ihrem Bericht.

Der interessierte Leser dürfte sich jetzt fragen, wie der Deutsche-Bank-Analyst Stuart Bird zu einem so deutlich positiveren Kursziel kam, das er in seiner Studie mit 31 Euro angegeben hatte. Auch in dieser Hinsicht vermittelt der Bericht interessante Einblicke in die Arbeitsweise der Analyse- und Researchabteilung der Deutschen Bank: Der die DT (Deutsche Telekom, Anm. d. Autorin) beobachtende Analyst verfasste seine Studien ausschließlich unter Verwendung öffentlich zugänglicher Informationen und war deshalb kein Insider. Von der Geschäftsabteilung wurde er zuweilen gebeten, bei diesen Kundengesprächen seine Einschätzung zur DT-Aktie zu erläutern. Bevor diese Gespräche sich dann möglichen Geschäften zuwandten, wurde der Analyst ausgeschlossen. An den Gesprächen mit Hutchinson Whampoa hat er nie teilgenommen. Von der bevorstehenden Transaktion wurde er erst im Rahmen der Unterrichtung am 07.08.2001, um 7.15 Uhr ins Bild gesetzt.

So beschreibt der Brief der Complianceabteilung die Aufgabe des Analysten und seine Beteiligung an dem Fall. Interessant ist aber auch, dass der Aktiendeal nicht nur von Deutsche-Bank- Mitarbeitern der Abteilung Equity Capital Markets aus unseren Filialen in London und Hongkong, die am 03.08.2001 zu einem Kundengespräch bei Hutchinson Whampoa zu Gast waren, besprochen wurde, sondern dass dieses Treffen an eine Begegnung hochrangiger Vertreter beider Häuser im Juni d.J. in Frankfurt anknüpfte. In dem Gespräch wurde eine Reihe unterschiedlicher Themen diskutiert, wie die Finanzierung des Hafengeschäfts von Hutchinson Whampoa durch eine Aktienemission und die Möglichkeiten, die Rendite der im Besitz von Hutchinson Whampoa befindlichen Pakete an Vodafone- und DT Aktien zu erhöhen, z. B. als Absicherung von Umtauschanleihen. Zu diesen Themen wurden Präsentationen unter Verwendung unverbindlicher Preisindikationen gegeben. Im Zusammenhang mit dem DT-Paket wurde noch das von dem Analysten in der Kurzstudie vom 24.07.2001 formulierte Preisziel 32 Euro und nicht die im späteren Verlauf dieses Tages veröffentlichten 31 Euro erwähnt. So weit der Rechtfertigungsbrief der Complianceabteilung.

Wie gut, dass der Analyst, der von nichts wusste – erst recht nicht von dem Treffen hochrangiger Vertreter beider Firmen in Frankfurt -, bei seiner im Juli 2001 begonnenen umfassenden T- Aktien-Studie – völlig unabhängig natürlich – zu einem überaus positiven Ergebnis kam. Dass der Bank-Analyst nur ein ganz leicht abweichendes Kursziel von 31 Euro zum Ende des Jahres 2001 prognostizierte statt 32 Euro und die Aktie zum Kauf empfahl, dürfte dem Zustandekommen des Deals sicher geholfen haben. Ob es sich nun um einen Fall von ziemlich unprofessioneller Naivität handelt oder aber besonders raffinierter Kursmanipulation, bleibt dem Urteil des Lesers überlassen.

Nicht nur für die Anleger, auch für den deutschen Branchenprimus war der Schaden erheblich. Nur zu gern möchte die Deutsche Bank in der Champions League der internationalen Großfinanz, wo die großen Deals eingefädelt und die dicken Provisionen verdient werden, ganz vorne mitmischen. Die meisten dieser lukrativen Geschäfte werden von den großen US-Investmenthäusern wie Goldman Sachs, Merrill Lynch, Morgan Stanley oder Lehman Brothers abgewickelt. Die deutschen Konkurrenten werden höchstens als Juniorpartner von den Amerikanern mit in die Konsortien aufgenommen. So hat der internationale Marktführer Goldman Sachs bei der Platzierung des riesigen Vodafone-Pakets auch mit der Deutschen Bank kooperiert. Allein kam die Deutsche Bank nur dann zum Zuge, wenn Aktienpakete der Deutschland AG, der deutschen Großkonzerne, verschoben wurden. 1999 platzierte sie 3,7 Millionen Allianz- Aktien für mehr als eine Milliarde Dollar. Nach dem Debakel des T-Aktien-Pakets dürfte es mit solchen Soloauftritten erst mal vorbei sein.

Die Pleite der KHD richtig verstehen – detailliertere Information

Kaum hatte Deutsche-Bank-Chef Hilmar Köpper in der letzten Maiwoche des Jahres 1996 seinen Aktionären die glänzenden Ergebnisse des Geschäftsjahrs 1995 präsentiert, verfinsterte auch schon wieder ein langer Schatten das strahlende Bild von Deutschlands größtem Kreditinstitut: Der Kölner Anlagenbauer KHD, eine Industriebeteiligung des Frankfurter Geldkonzerns, stand vor der Pleite. Die Ursache: Verluste in Höhe von 650 Millionen € bei der KHD-Tochter Humboldt-Wedag. Entstanden war diese Schieflage, die mehr als das Doppelte des Grundkapitals der Dachgesellschaft KHD ausmachte, durch Bilanzmanipulationen und unter Preis verkaufte Zementanlagen für Saudi Arabien.

Die Aufsichtsräte unter dem Vorsitz von Deutsche-Bank-Vor- stand Michael Endres wollen von den Machenschaften erst im Mai 1996 durch die Beichte eines Wedag-Managers erfahren haben. Der Schock für Belegschaft, Politiker und Öffentlichkeit: Weder die Repräsentanten des größten Einzelaktionärs noch die Wirtschaftsprüfer der CL Deutsche Revision, eine Tochterfirma der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Coopers ft Lybrand, die die Jahresabschlüsse testierten, haben etwas von den Bilanzmanipulationen mitbekommen.

Während die Staatsanwaltschaft noch ermittelte, stand bei der Deutschen Bank und der Deutschen Revision bereits fest, dass beide Institute Opfer krimineller Vorgänge geworden sind. Per Telefax ließen die Wirtschaftsprüfer verbreiten: Wir sind uns mit dem Vorstand von KHD darüber einig, dass es sich im vorliegenden Fall um ein Betrugsmanöver durch Vorstand und Mitarbeiter der Tochtergesellschaft Humboldt-Wedag sowie außenstehende Dritte handelt, für das es im Rahmen der gesetzlichen Abschlussprüfung beim KHD-Konzern keine Hinweise gab. Auch der damalige Deutsche-Bank-Presse-Sprecher Hellmut Hartmann berief sich auf kriminelle Vorgänge, die Aufsichtsräte nicht erkennen könnten.

Warnungen in den Wind geschlagen
Wirklich nicht? So mancher Bankkunde, der für einen kleinen Betriebsmittelkredit oder ein Hypothekendarlehen seine Einkommens- und Finanzlage bis ins kleinste Detail offen legen muss, wundert sich, dass die Deutsche Bank – mit einer 47,6-Prozent- Beteiligung zugleich größte Einzelaktionärin und Kreditgeberin – die Bücher und Auftragslage der KHD-Tochtergesellschaften nicht genauer prüfte. Zumal es sich bei der Wedag um eine der wichtigsten Säulen für die Restrukturierung des Motoren- und Anlagenbauers handelte. An Hinweisen auf eine drohende Schieflage hatte es nicht gemangelt. Nicht nur die Vorstände von Konkurrenzunternehmen wie der Krupp-Tochter Polysius, sondern auch renommierte Unternehmensberater hatten die Aufsichtsräte, allen voran den Vorsitzenden des Kontrollgremiums, Deutsche-Bank- Vorstand Michael Endres, immer wieder vor den mit Verlusten akquirierten Aufträgen der Wedag gewarnt. Wie ein Berater erklärte, seien seine Warnungen bei dem Banker jedoch auf taube Ohren gestoßen. Die Ignoranz der Räte war umso verwunderlicher, als es sich bei KHD um ein mehrfach krisengeschütteltes Unternehmen handelte.

Verfehlte Akquisitionen
Mitte der 80er Jahre hatte der frühere KHD-Chef Bodo Liebe dem 1864 gegründeten Traditionsunternehmen einen verheerenden Expansionskurs verordnet. Er wollte die Kölner Motoren- und Landmaschinenbauer durch Zukäufe von angeschlagenen Firmen, wie dem US-Konzern Allis-Chalmers, zur Nummer eins auf dem Weltmarkt machen. Sein ehrgeiziges Vorhaben kostete KHD etwa eine Milliarde € und endete 1987 in einem riesigen Schuldenberg. Liebes Nachfolger Kajo Neukirchen, heute Chef der in MG Technologies umbenannten Metallgesellschaft, gelang es durch den Verkauf der Tochter Deutz-Allis die größten Verlustquellen zu schließen. Er baute die Belegschaft von über 24.000 Mitarbeitern auf die Hälfte ab. Doch die unter seiner Führung für 600 Millionen € errichtete Motorenfabrik in Köln war zu groß ausgefallen. Die Überkapazitäten belasteten das Ergebnis von KHD. Neukirchens Nachfolger, Werner Kirchgässer, verkaufte die einst hoch angesehene Landtechnik, musste aber dennoch für das Geschäftsjahr 1994 ein Minus von 308 Millionen € melden und verließ das Unternehmen. Seit 1995 steuert der ehemalige Manager der Bremer Vulkan-Werft, Anton Schneider, den Konzern. Schon in jenem Jahr musste die Deutsche Bank KHD vor dem Untergang bewahren, mit Finanzhilfen, die deutlich über 500 Millionen € liegen, wie KHD-Aufsichtsratschef Endres erklärte.

Die Rettung schien damals Ehrensache: Schließlich hatte der Frankfurter Geldkonzern den Niedergang des rheinischen Familienkonzerns, der einst zum Imperium der Brüder Henle gehörte, sozusagen von Anfang an begleitet. Vorstandssprecher Hilmar Köpper hatte sogar sechs Jahre – bis 1994 – den Vorsitz im Aufsichtsrat innegehabt, danach hatte Endres die Führung des Gremiums übernommen.

Auch wenn die Aufsichtsräte von den Managern der Wedag besonders arglistig getäuscht wurden, bleibt ein Makel an der Bank haften. Wieder hatten die Bankvorstände die aktuellen Entwicklungen in einer Firma, für das sie als oberste Kontrolleure Verantwortung trugen, nicht rechtzeitig mitbekommen.

Das Ende der KHD
Früher konnte ein Manager damit rechnen, dass seine Fehler erst seinem Nachfolger auf den Schreibtisch fallen, heute holen sie ihn noch zu seinen Amtszeiten ein, erklärte ein ehemaliger Industriemanager, den der frühere Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen bei Industriesanierungen gern um Rat gefragt hatte. Das trifft auch auf Aufsichtsräte zu. Immer häufiger werden die obersten Kontrolleure mit den Folgen ihrer Entscheidungen noch während ihrer Amtszeit konfrontiert.

Die Deutsche Bank kostete die Rettung weitere 450 Millionen €. Für Deutschlands größtes Kreditinstitut, das 1995 einen Gewinn von 2,1 Milliarden € erwirtschaftete, war das kein Problem. Deutsche-Bank-Chef Köpper beruhigte seine Aktionäre auf der Hauptversammlung: Wir werden unseren Anteilsbesitz und unser Kreditengagement mit der gebotenen Sorgfaltspflicht bewerten. Die Mitarbeiter mussten mit Gehaltskürzungen, Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld für das Missmanagement von Konzernleitung und Aufsichtsrat büßen. Das damals mehr als 132 Jahre alte Unternehmen wurde in Deutz AG umbenannt und zerschlagen. Die bisher rechtlich selbstständigen Konzerntöchter Deutz Motor GmbH, Deutz Service International GmbH, Deutz Service Center Übersee GmbH, KHD Techno-Transfer GmbH und KHD Personaldienste Gesellschaft für Personalbetreuung mbH wurden zum 1. Januar 1997 in die Deutz AG integriert.

Die Motoren-Werke Mannheim AG (MWM) blieben als selbstständige Tochter erhalten, wurden aber in die Marktstrategie der Deutz AG einbezogen. Die Konzerntöchter im Industrieanlagenbau – die KHD Humboldt Wedag AG und die Indumont Industrie- Montage GmbH – wurden verkauft.

Fondsmanager Kurt Ochner – Der Fall des Gurus richtig verstehen

Im Sommer 2000 hatte Michael Müller (Name von der Autorin geändert) noch rund 205.000 Euro in seinem Investmentfondsdepot bei der Züricher Privatbank Julius Bär. Ein Jahr später waren es nicht einmal mehr 115.000 Euro. Dabei hat Müller nicht etwa wie manch ein geldgieriger Zocker der New Economy, geblendet von den rasanten Kursgewinnen, alles auf eine Karte gesetzt und Aktien von EM.TV gekauft oder von Infomatec und Gigabell.

Müller war eher fürs Solide: Investmentfonds statt Aktien, um das Risiko zu streuen, und auch die nur in Branchen, in denen er sich auskennt. Als Unternehmensberater hat er oft mit Firmen der New Economy zu tun. Da lag es nahe, dass der Mittvierziger auch einen Teil seines Vermögens in diese Wachstumsmärkte investieren wollte. Müller stieg über die Consors-Direkt-Broker 1999 in die Fonds ein, die ihm nach Lektüre von Anlegermagazinen und Börsenberichten als die erfolgreichsten erschienen.

Im Juli 1999 kaufte er für 35.000 Euro Anteile des JB Special German zu einem Ausgabekurs von 107 Euro und am 1. Oktober desselben Jahres für 78.000 Euro Anteile des JB Special Europe Fund – Ausgabekurs 253 Euro. Der Special German Stock wurde von Kurt Ochner gemanagt, dem damals gefeierten Star des Neuen Marktes, der Special Europe Fonds von seinem Nachfolger Carlo Seregni.

Der Fondsguru steigt aus
Michael Müller war zunächst zufrieden: Das ging ganz gut los. Im Juli 2000 notierten die Fondsanteile des Special German bei 397 Euro – doch dann ging’s bergab: Anfang April 2001 waren es gerade noch 105,50 Euro, der Wert seiner Fondsanteile war um 72,41 Prozent abgesackt auf 14.800 Euro.

Der Special Europe war ebenfalls abgerutscht: Von seinem Höchststand 423,70 Euro im Juli 2000 auf 144 Euro im April 2001 – ein Minus von knapp 63 Prozent. Weil seine Fonds auch im Vergleich zu Konkurrenzprodukten im gleichen Segment schlechter dastanden, fühlte Müller sich von seinen Fondsmanagern – allen voran von Kurt Ochner – über den Tisch gezogen. Als Müller Aufklärung von seinem Fondsmanager bei der renommierten Schweizer Bank verlange, musste er zu seiner Überraschung feststellen, dass Kurt Ochner nicht mehr da war. Offiziell hat sich die Julius Bär Kapitalanlagegesellschaft von ihrem Topmanager getrennt, weil dieser seine Beratungstätigkeit nicht aufgeben wollte. Unter seinen zusätzlichen Verpflichtungen als strategischer Berater von Unternehmen, die am Neuen Markt debütieren wollen, könnten seine eigentlichen Aufgaben als Fondsmanager leiden, erklärte die Bank den Rausschmiss.

Das Schneeballsystem bricht zusammen
Insider sehen den wahren Grund für die Trennung eher in Ochners Anlagestrategie, einer Art Schneeballsystem, mit dem er die Kurse der Fondsaktien manipulieren konnte. Das Vermögen des Special German betrug im Jahr 2000 noch rund 2,6 Milliarden Euro. Dieser große Batzen wurde vorwiegend in einige kleinere Unternehmen im Technologiesektor angelegt. Zwar sei Ochner, wenn er sich mit Aktien seiner Lieblingsfirmen eindeckte, unter dem für Fonds gesetzlich zulässigen Limit von zehn Prozent geblieben, aber er kaufte oft Papiere eines Unternehmens für drei verschiedene Fonds, die er managte. Das ist zwar in der Branche üblich, bei marktengen Werten jedoch eine hochriskante Strategie.

Jeder Kauf katapultiert den Wert der Papiere nach oben. Umgekehrt schlägt sich jeder Verkauf in sinkenden Kursen nieder, die dann auch den Wert des Fondsportfolios mindern. Ochner musste also immer wieder zukaufen, er brauchte ständig frisches Kapital, um seine Geldmaschine am Laufen zu halten und seine eigene Performance als erfolgreicher Guru des Neuen Marktes nicht zu gefährden. Als im Sommer vergangenen Jahres die Kurse am Neuen Markt aber auf breiter Front einbrachen und der Kapitalstrom versiegte, platzte Ochners künstlich aufgeblähtes Fondsgebilde wie eine Seifenblase. Anleger, die erst spät eingestiegen waren, konnten Zusehen, wie sich ihr Kapital auflöste.

Verbranntes Kapital
Für die Masse der gebeutelten Aktionäre ist eine Besserung ihrer Lage nicht in Sicht. Die Werte der 50 größten Firmen dieses Wachstumssegmentes pendelten im Juli 2002 unter der 500- Punkte-Marke – Welten vom Höchststand von 8.500 Punkten entfernt. An der Börse für junge Unternehmen floriert vor allem die Angst der Akteure. Das Segment Neuer Markt hat versagt, resümiert ein Händler. In den nächsten drei bis fünf Jahren werden 50 bis 100 Unternehmen durch Übernahmen und Insolvenz nicht mehr am Markt notiert sein, prophezeite Rainer Gerdau von der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein schon 2001 weitere Pleiten. Einen massiven Vertrauensverlust beklagte Norbert Empting, Börsenmakler bei der Düsseldorfer Schnigge AG. Mit schwerwiegenden Folgen: Die Bundesbank warnte bereits im Februar 2001 vor den Folgen des internationalen Kursdesasters: Von der Talfahrt der Aktienkurse an den großen Börsen gehen retardierende Einflüsse aus, bei einer Kumulation abrupter Marktkorrekturen kann ein erhebliches Risikopotenzial für die realwirtschaftliche Entwicklung entstehen.

Wie schnell Kursabstürze am Aktienmarkt auf die Konjunktur durchschlagen können, zeigt die Studie, die die Ökonomen Laurence Boone, Claude Giorno und Pete Richardson im Auftrag der OECD durchgeführt haben: Bei einem Kurssturz von zehn Prozent an der Börse schrumpft der Konsum in den USA um 0,45 bis 0,75 Prozent, um 0,5 Prozent in Großbritannien und um rund 0,2 Prozent in Deutschland.

Das sind alarmierende Zahlen, wenn man bedenkt, dass die Aktien-Indizes Dow Jones und DAX im Jahr 2001 erheblich geschrumpft sind; bei den Technologiebörsen Nasdaq und Neuer Markt betragen die Kursverluste sogar bis zu 90 Prozent. Innerhalb eines Jahres wurden allein in den USA 4,9 Billionen Dollar Vermögen an der Börse vernichtet. Zum ersten Mal seit 50 Jahren ist das Nettovermögen amerikanischer Haushalte geschrumpft, von 42,3 auf 41,4 Billionen Dollar.

Das große Unternehmensterben
In Deutschland fällt die so genannte Cash-Burn-Rate der privaten Haushalte zwar niedriger aus, weil bisher nur etwa jeder Vierte Wertpapiere besitzt. Aktien haben sich erst seit Ende der 90er Jahre zum populären Anlageinstrument gemausert. Weil viele Newcomer aber erst recht spät und zu Höchstkursen eingestiegen sind, fallen die Verluste umso stärker ins Gewicht. Aktionäre und Fondsanleger haben im Vergleich zum März 2000 zwischen 20 und 50 Prozent ihres Einsatzes verloren. Am Neuen Markt wurde sogar Anlegerkapital bis zu 90 Prozent verbrannt.

Doch nicht nur die Zurückhaltung der Verbraucher belastet die Konjunktur, schwerer fallen die Auswirkungen der Börsenkrise auf die Wirtschaft ins Gewicht. Mittelständische Unternehmen und Gründerfirmen in Wachstumsbranchen haben seitdem Mühe, sich das dringend benötigte Kapital für Wachstum und Überleben zu beschaffen. Zehn Prozent der Firmen, die erst in den vergangenen vier Jahren am Neuen Markt notiert wurden, werden nach Ansicht von Experten die Börsenkrise nicht überleben. Und das bedeutet: Weitere Pleiten und Arbeitsplatzverluste sind unvermeidlich.

Hinzu kommt, dass die jungen Aufsteiger den etablierten Konzernen der Old Economy als Kunden verloren gehen: Der Boom der Informationstechnologiebranche wurde auch durch den hohen Bedarf der New Economy an Computern, Software und Telekommunikationsgeräten genährt. Der Ausfall dieser einst zahlungskräftigen Klientel, die die Erlöse aus ihren Börsendebüts häufig in erstklassige Hightechanlagen investierte, schlägt sich bei etablierten Unternehmen wie IBM, Apple, Intel, Cisco Systems, Siemens und anderen IT-Konzernen in sinkenden Absatzzahlen nieder. Die einst vollmundig verkündeten Gewinnerwartungen müssen immer weiter zurückgenommen werden. Das ist wiederum Gift für die Börse, die Aktienkurse können sich nicht erholen.

Wie geht es weiter?
Nicht nur Unerfahrenheit und Unwissenheit, Misstrauen und enttäuschte Hoffnung verhindern bisher eine Trendwende. Pessimisten schüren die miese Stimmung mit historischen Vergleichen. So sei es nach dem weltweiten Börsencrash vom November 1929 noch bis 1932 stetig bergab gegangen, die Talsohle erreichte der Dow-Jones-Index erst bei 41 Punkten – da hatte er im Vergleich zum Höchststand von September 1929 mehr als 82,2 Prozent verloren. Danach kam die Börse nur langsam in Fahrt: Erst 1949 tanzten wieder die Bullen auf dem amerikanischen Parkett. Das Jahreshoch von 381 Punkten vom September 1929 erreichte der Dow Jones erst wieder 1954 – nach 25 Jahren.

Wasser auf die Mühlen der Bärenfans unter den Börsianern ist auch die Entwicklung in Japan. Mehr als zehn Jahre nach den ersten Kursabstürzen 1990 strebte der Nikkei-Index – von einigen technischen Erholungen abgesehen – noch immer neuen Tiefst- ständen entgegen. Nicht einmal die Senkung der Zinsen auf null Prozent konnte die japanischen Anleger über einen längeren Zeitraum beeindrucken.

Die russische Finanz-Krise von 1992 richtig verstehen – detailliertere Information

Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1992 bescherte den Beratern, Bankern und Investoren die lang ersehnte Gelegenheit, dem früheren Reich des Bösen, wie US-Präsident Ronald Reagan die UdSSR einst nannte, eine Lektion in westlicher Marktwirtschaft zu erteilen. Die Botschaften, die die zahllosen Experten zum Umbau der Wirtschaft der kollabierten Supermacht verkündeten, führten das Land auf schnellstem Wege in die Katastrophe. Allerdings nicht ohne den großen Finanzinstituten eine fette Beute zu bescheren. Dabei kamen in Russland vor allem die amerikanischen Investmentbanken Goldman Sachs, Merrill Lynch und Salomon Brothers zum Zuge.

Wie das russische Roulette organisiert wurde, schildern die Autoren Christiane Grefe, Matthias Greffrath und Harald Schumann in ihrem Buch: Attac – was wollen die Globalisierungsgegner. Große Wirtschaftskrisen, die ganze Volkswirtschaften an den Rand des Bankrotts treiben, haben in aller Regel nicht nur einen Auslöser. Im Falle Russlands gab es sogar eine ganze Kette von Ursachen und Fehlsteuerungen. Als die Berater von IWF und der US-Regierung 1992 in Russland eintrafen, hatten sie bereits ihren üblichen Maßnahmenkatalog im Gepäck. Auch das Riesenreich mit seinen maroden Industrieunternehmen und seinem verschwenderischen Umgang mit den enormen Rohstoffvorkommen sollte nach 08/15- Schema auf den rechten Weg zur Marktwirtschaft gebracht werden.

Aus diesem Grund wurde die Regierung des damaligen Präsidenten Boris Jelzin dazu gedrängt, die großen Staatsbetriebe zu privatisieren. Danach mussten die Märkte für ausländische Investoren geöffnet und alle Einfuhrzölle sowie die Preiskontrollen abgeschafft werden. Als dann Milliarden von Rubel aus der Zeit der früheren Planwirtschaft freigesetzt wurden, stieg durch den dramatischen Anstieg der Geldmenge auch die Inflationsrate Besorgnis erregend, wodurch in kurzer Zeit ein großer Teil der Ersparnisse der einfachen Bevölkerung vernichtet wurde.

Um die Geldentwertung zu stoppen, erhöhte Jelzins Regierung auf Empfehlung des Internationalen Währungsfonds die Zinsen und koppelte den Rubel an den Dollar. Danach würde der Wert der russischen Währung steigen, wenn der des Greenback stieg, und wenn der Dollar durchhing, würde auch der Kurs des Rubels fallen. Eine fatale Entscheidung mit schweren Folgen für das Land, aber glänzenden Aussichten für die Banken. Denn damit wurde zwar die Inflation gebremst, aber gleichzeitig auch die Wirtschaftsentwicklung abgewürgt. Wegen der hohen Zinsen konnten die russischen Firmen keine Kredite mehr aufnehmen und daher auch nicht mehr investieren oder ihre Produktion aufrechterhalten. Viele Betriebe konnten nicht einmal mehr die Löhne zahlen. Die Wirtschaft sank in eine tiefe Rezession.

Satte Gewinne mit dubiosen Rubel-Anleihen Doch die neuen Reichen der russischen Gesellschaft konnten ihre Vermögen, die meist aus dubiosen Privatisierungsgeschäften stammten, ungehindert außer Landes in die bekannten Kapitalfluchtburgen bringen. Die westlichen Banken konnten dafür der Regierung des maroden Riesenreiches immer mehr Geld borgen. Das brauchte die Jelzin-Administration auch dringend, um die Löcher in der Staatskasse zu stopfen, die durch die Privatisierung der Staatsbetriebe entstanden waren. Deren Erträge kassierten jetzt die neuen Eigentümer, ausländische Konzerne oder russische Investoren – die nicht selten zu den Weggefährten des Präsidenten zählten.

Den ganz großen Reibach aber machten die US-Investment – banken mit kurzfristigen Staatsanleihen auf Rubelbasis, den so genannten GKOs. Aufgrund der rasch anwachsenden Staatsverschuldung stiegen die Zinsen für diese auch Junkbonds genannten Anleihen sprunghaft auf 150 Prozent. Damit waren sie für die Zeichner ein höchst lukratives, aber ebenso riskantes Geschäft. Denn die Chancen, dass die russische Regierung diese Anleihen je würde bedienen können, ohne neue Schulden aufzunehmen, war gleich null. Doch wer sich im internationalen Schuldenmanagement auskannte wusste, dass die prominenten Käufer dieser Junkbonds sowohl mit heiler Haut als auch mit dicken Gewinnen aus der russischen Schuldenkrise hervorgehen würden.

Als die russische Zentralbank im Juli 1992 ihre Reserven zur Stützung des Rubelkurses aufgebraucht hatte, sprang der IWF als Retter der westlichen Kapitalinteressen in die Bresche und gewährte eine Finanzspritze von 23 Milliarden Dollar. Zwischen der US-Investmentbank Goldman Sachs als Konsortialführer der Staatsanleihen, dem IWF und der russischen Regierung wurde ein Deal über das Umrubeln, das heißt die Umschuldung der GKOs, geschlossen. Im Wert von sechs Milliarden Dollar konnten die Investoren ihre wertlosen Rubel-Junkbonds in langfristige Dollar- Papiere tauschen.

Mit der Umtauschofferte können sie nun ihre riesigen Rubel- Zinseinnahmen kassieren und trotzdem wieder in Dollar-Papiere gehen, zitieren Grefe, Greffrath und Schumann einen Frankfurter Bankenanalysten. Goldman Sachs habe dabei auf einen Schlag mehr Geld eingefahren als die deutschen Großbanken zusammen seit dem Ende des Kommunismus verdient hätten. Die russische Bevölkerung hingegen ging unvorstellbar harten Zeiten entgegen: Die Regierung ließ den Rubelkurs um 60 Prozent absacken und versuchte das vom IWF verordnete Sparprogramm umzusetzen. Die Folge: Die Wirtschaftsleistung schrumpfte um 40 Prozent. Innerhalb eines Jahrzehnts stieg die Zahl der Menschen, die mit weniger als vier Dollar am Tag auskommen müssen, von zwei Millionen auf 60 Millionen. Und wieder einmal hatte der IWF den Interessen der Großfinanz trefflich in die Hände gespielt und gleichzeitig ein Land in den finanziellen Kollaps geführt.

Der Fall mit WestLB und die Folgen der Düsseldorfer Flugaffäre

Wann immer in Deutschland Firmen verkauft, Beteiligungen verschachert, junge Unternehmen an die Börse gebracht, Milliardenkredite organisiert oder marode Unternehmen gerettet werden sollen – schlicht: Wann immer in Deutschland Kapital gebraucht wird oder angelegt werden soll – mischen neben den privatrechtlichen Großbanken meist auch die öffentlich-rechtlichen Landesbanken mit. Sie sind natürlich auch dabei, wenn etwas schief geht. Die Bayerische Landesbank ist der größte Gläubiger der Kirch- Gruppe und auch beim Berliner Pleitier Hetzel im Boot.

Doch keines der regionalen Institute drehte in den vergangenen zehn bis 15 Jahren ein größeres Rad als die Westdeutsche Landesbank Girozentrale, die WestLB. An der Bank mit Hauptsitzen in Düsseldorf und Münster lief bisher keine bedeutende Kapitaltransaktion des bevölkerungsreichsten Bundeslands – oder meist auch der Bundesrepublik – vorbei.

Am 21. August 2001 trat eine der umtriebigsten und schillerndsten Figuren aus der deutschen Bankenszene in den Ruhestand: Ein Eckpfeiler der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland, nannte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement den Pensionär auf dem Abschiedsempfang im WestLB- Schloss Krickenbeck und lobte den Banker als einen Mann, der die Spielregeln der internationalen Finanzmärkte beherrscht und die Bank zu einem sehr starken Stück Nordrhein-Westfalen gemacht habe. In seinen Augen, so der Landesvater, habe der Chef der Landesbank, einen unanfechtbaren, leidenschaftlichen Einsatz für das Land gezeigt. Friedei Neuber hat das Steuer der Bank auch dann auf Kurs gehalten, wenn die See einmal rauer war. So viel Lob zum Abgang mag manchen der anwesenden Gäste verwundert haben, denn das Verhältnis zwischen dem sozialdemokratischen Chef der Landesregierung und seinem Topbanker war längst nicht mehr das Beste. Zu viele Affären und Skandale, die sich in den letzten Jahren seiner Amtszeit um den hünenhaften Banker mit dem Hans-Albers-Lächeln rankten, hatten Clement längst auf Abstand gehen lassen. Im Netz von gegenseitigen Gefälligkeiten und Verpflichtungen, das Neuber in den 20 Jahren seiner Amtszeit an der Spitze der Landesbank geknüpft hatte, drohte sich auch Wolfgang Clement zu verfangen. Der rote Filz zwischen der Bank und der Regierung bot der Opposition im Düsseldorfer Landtag immer wieder eine breite Angriffsfläche.

Im Reich des roten Paten
Neuber verfügte nicht nur über glänzende Beziehungen in die Zentralen der nordrhein-westfälischen Konzerne, sondern als ehemaliger Abgeordneter der SPD im Düsseldorfer Landtag auch in die Politik. Doch nicht nur seine Gefolgsleute wurden von Neuber bedacht, er sorgte dafür, dass auch die Gegner nicht zu kurz kamen. Und so manchem Politiker und Wirtschaftsmann war sein persönliches Fortkommen schon mal einen Kotau vor dem mächtigen Financier wert. Gegen den Willen des roten Paten lief lange Jahre nichts in Nordrhein-Westfalen, gegen sein Veto konnte nicht einmal beim Energieversorger RWE ein Führungsposten besetzt werden.

Doch in der zweiten Hälfte der 90er Jahre hatte auch der oberste Landesbanker sein Konto überzogen. Im September 1996 fielen in der WestLB-Zentrale 600 Steuerfahnder ein. Zweck der Razzia war die Beschlagnahme von Aufzeichnungen, Akten und Dokumenten, mit denen der Verdacht auf Steuerhinterziehung erhärtet werden sollte. Zu ihrer Überraschung fanden die Beamten allerdings polierte Schreibtische und leere Aktenordner vor.

Offensichtlich war die Bank gewarnt worden. Es dauerte nicht lange, bis die Suche nach dem Tippgeber auf Neubers Vertrauten, den nordrhein-westfälischen Finanzminister und Verwaltungsratsmitglied der WestLB, Heinz Schleußer, stieß. Doch Schleußer, den mit dem Banker eine enge Freundschaft verband, wies jeden Verdacht von sich und bewiesen werden konnte ihm nichts. 1999 durchkämmten Steuerfahnder auch Neubers Privathaus. Gegen den Bankchef und einige seiner Vorstandskollegen wurde ebenfalls ermittelt.

Im November 1999 enthüllt ein Bericht in dem Magazin Der Spiegel, wie großzügig Neuber sich gegenüber seinen politischen Freunden gezeigt hatte. Die SPD-Spitzen wurden jahrelang von der Düsseldorfer Flugfirma Privat-Jet-Charter transportiert. Ob der damalige Ministerpräsident Johannes Rau oder sein Finanzminister Schleußer geschäftlich oder privat unterwegs waren, ein Anruf in Neubers Vorstandssekretariat genügte und der Flieger stand bereit – die Bank zahlte. Der Spiegel konnte die Flugaffäre mit Hilfe der Aufzeichnungen, die der 1997 verstorbene PJC- Chefpilot Peter Wichmann angefertigt hatte, aufdecken.

Monatelang beschäftigten die Reisegewohnheiten von Rau, Schleußer und seltener auch des damaligen Leiters der Staatskanzlei, dem heutigen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement, die deutsche Politszene und die Öffentlichkeit. Rund 200-mal pro Jahr waren die PJC-Flieger 1995 und 1996 im Dienste der Landespolitiker unterwegs gewesen.

Für die Flüge wurden der Bank zwischen 15.000 und 60.000 € in Rechnung gestellt – ein Businessflug der Lufthansa hätte in den meisten Fällen nicht einmal 1.000 € gekostet. Aus seinen Aufzeichnungen, die der PJC-Chef Wichmann erst nach seinem Tod zur Veröffentlichung freigegeben hatte, und den Aussagen seiner Witwe, ging allerdings auch hervor, dass die Bank von ihrem Chefpiloten kräftig abgezockt wurde. Wichmann hatte oft nachträglich die Flugzeiten verlängert und so einen satten Zuschlag kassiert. Doch das war den Bankern offensichtlich nicht aufgefallen, die Rechnungen wurden einfach abgezeichnet.

An manchen Tagen hoben die PJC-Flieger sogar mehrmals ab, um die viel beschäftigten SPD-Oberen pünktlich zu ihren dringenden Terminen in andere Landeshauptstädte zu bringen. Bei so vielen Flugbewegungen im Dienst der Bürger und Wähler war dann auch mal ein privater Zwischenstopp oder ein kleiner Urlaubsflug drin.

Vor allem Schleußer nutzte die private Flugbereitschaft der Bank gerne, um sich für ein paar Ferientage nach Kroatien zu seiner Yacht fliegen zu lassen. Das war allemal bequemer als eine Reise mit der Lufthansa, weil der Bootsbesitzer ja auch immer wieder größere Ersatzteile fürs Schiff mitnehmen musste, was sich die Lufthansa als Übergepäck gerne extra bezahlen lässt. Auch der mittlerweile zum Bundespräsidenten aufgestiegene ehemalige Landesvater Rau gehörte zu den Vielfliegern der von der Bank gecharterten Fluggesellschaft. Unrechtsbewusstsein war bei den Spitzen der SPD-Connection eher selten: Die WestLB ist ja zu über 40 Prozent unser Laden, zitierte Der Spiegel im Herbst 1999 einen führenden Politiker der Düsseldorfer SPD. Das Reise Business kam erst zum Erliegen, als die Steuerfahndung die Büros von PJC filzte und wenig später auch der Chefpilot verhaftet wurde, als er gerade seinen Hauptauftraggeber Neuber nach Frankfurt fliegen wollte.

Die Folgen der Düsseldorfer Flugaffäre Im Zuge der Ermittlungen kamen dann noch einige delikate Details aus dem Umgang der Düsseldorfer SPD-Prominenz mit ihrer Bank ans Tageslicht. So hatte Schleußer einige Trips in weiblicher Begleitung angetreten, ohne die Kosten für den Passagier, der nicht seine Frau war, zu begleichen. Da hatte sich der Ministerpräsident an seinem Wohnort Wuppertal Geburtstagsempfänge von der WestLB ausrichten lassen – allein die Party zu seinem 65. Wiegenfest soll die Bank 150.000 € gekostet haben. Und dann gab es bei der WestLB noch einen speziellen Investmentclub, in dem die Spitzengenossen durch geschickte Geldanlagen unter der Aufsicht von Bankexperten ihr Vermögen mehren konnten.

Im Düsseldorfer Landtag wurde schließlich im Januar 2000 ein Untersuchungsausschuss eingesetzt, der die Vielflieger vernehmen sollte. Vor allem Schleußer verstrickte sich immer tiefer in Ausflüchte und Widersprüche. Noch im selben Monat trat der nordrhein-westfälische Finanzminister, ein SPD-Urgestein, von seinem Amt zurück. Rau kam glimpflich davon, weil er die meisten Flüge als Dienstreisen deklarieren konnte und die häufigen Empfänge zu seinen Repräsentationspflichten als oberster Landesvater zählten. Doch das Ansehen des Bundespräsidenten hatte schweren Schaden genommen. Auch Clement überstand die Affäre mit nur geringen Blessuren, er wurde jedenfalls bei seiner Wiederwahl im darauf folgenden Frühjahr in seinem Amt bestätigt.

Den größten Schaden trug – nicht überraschend – Neuber selbst davon. Mit seinen großzügigen Angeboten hatte der Pate die sich aufopfernden Politiker schließlich erst in die Bredouille gelockt. Die Düsseldorfer Flugaffäre mobilisierte auch andere Gegner des mächtigen WestLB-Chefs. Bei den Frankfurter Großbanken! hatte sich Neuber schon lange unbeliebt gemacht. Die feinen Herrschaften der großen Geldhäuser irritierte weniger sein barocker Lebensstil, seine Trinkfestigkeit und seine Nähe zu den Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen als vielmehr der Nutzen, den der gewiefte Finanzmann Neuber aus dem Status seiner Bank als öffentlich- rechtliches Institut ziehen konnte.

Unter Neubers Führung war die WestLB zu einem der größten Kreditinstitute Deutschlands aufgestiegen. Die Bilanzsumme wuchs in den 20 Jahren seiner Regentschaft von 124 Milliarden auf 782 Milliarden €. Damit hatte die WestLB sogar den ewigen Dritten in der deutschen Bankenlandschaft, die Commerzbank, überholt. Während Neubers Amtszeit hatte sich die Regionalbank zu einem der großen Powerhäuser mit eigener Investmentbank gemausert. Die nordrhein-westfälischen Landesbanker haben Zweigstellen und Repräsentanzen in 18 europäischen Staaten eröffnet und sind auf der ganzen Welt in 35 Ländern vertreten. In Asien finanziert die Bank den Bau von Hafen- und Kraftwerken, in Nordamerika sind es Projekte im Energiebereich, in Europa engagiert sich die Bank im Telekommunikationssektor, bei Infrastrukturprojekten sowie im Tourismus und im Flugverkehr. In Großbritannien führt sie das Konsortium, das den geplanten Neubau des Londoner Wembleystadiums mit einem Gesamtkostenvolumen von 1,1 Milliarden Euro finanzieren will. Die WestLB soll dabei ein Finanzierungspaket für rund die Hälfte der Kosten schnüren.

So richtig in seinem Element war der Banker Neuber, wenn er über Beteiligungen im großen Stil Industriepolitik betreiben konnte. Die WestLB erweiterte ihr Imperium durch das Zusammengehen mit anderen Landesbanken. Jahrelang herrschte Neuber zudem über die Chartergesellschaft LTU und den größten europäischen Reiseveranstalter TUI. Mit diesen Engagements hat Friedei Neuber die Entwicklung des Tourismusmarktes entscheidend beeinflusst und beim Umbau des Maschinen- und Anlagenbauer Preussag zum Ferienveranstalter TUI kräftig nachgeholfen.

Die Großbanken versuchten den Macht- und Geschäftszuwachs des Düsseldorfer Powerhauses mit allen Mitteln zu bremsen. Der Weg führte die Neuber-Gegner nach Brüssel. Bei der EU-Kommission beschwerten sie sich über die Wettbewerbsverzerrungen, die im deutschen Markt durch die öffentlich rechtlichen Landesbanken entstünden. Weil sie nicht den Haftungsbedingungen und Mindestreserveauflagen der privaten Bankwirtschaft unterliegen, könnten sie sich günstiger refinanzieren und billigere Kredite vergeben. Für die Schieflagen der Landesbanken muss die jeweilige Landesregierung (und damit der Steuerzahler) einspringen. Nach jahrelangem Streit einigten sich die EU und die Landesbanken darauf, bis zum Jahr 2005 ihre Organisation zu teilen: Die Finanzierung der landespolitischen Strukturpolitik soll künftig die öffentlich-rechtliche Muttergesellschaft Landesbank NRW übernehmen, die kommerziellen Bankgeschäfte die Tochter WestLB AG.

Unbewältigte Altlasten
Bei der alten WestLB war die EU-Kommission aber noch auf ein spezielles Problem gestoßen. Die Übertragung von Wohnungseigentum des Landes auf die WestLB zu Beginn der 90er Jahre wurde nach Ansicht der EU-Wettbewerbshüter zu einem Zinssatz vollzogen, der deutlich zu niedrig gewesen war. Nach langer Prüfung der Umstände deklarierte Brüssel diese Zuwendung 1999 als unzulässige Beihilfe und forderte die WestLB auf, Zinsen in Höhe von mehr als 800 Millionen € nachzuzahlen. Um diese Rückerstattung stritten sich WestLB und EU-Kommission noch im Sommer des Jahres 2002 vor dem Europäischen Gerichtshof.

Das sind aber längst noch nicht alle Altlasten, die Neubers Nachfolger Jürgen Sengera abarbeiten muss. Zu den weniger gelungenen Deals der WestLB zählt auch das Engagement der Bank im Formel-1-Rennsport. So hatte sie 1998 als Konsortialführerin eine Anleihe über 1,4 Milliarden Dollar für die Formel-1-Tochter Formula One Finance BV auf den Markt gebracht. Weil die Anleihe jedoch nicht zu platzieren war, musste die WestLB Papiere im Wert von rund einer Milliarde Euro ins eigene Portfolio nehmen, gut die Hälfte davon liegen da noch immer. Seit dem Konkurs der Kirch-Gruppe, der der Rennzirkus mehrheitlich gehörte, dürfte auch bei diesem Posten der Wertberichtigungsbedarf schnell steigen. Dazu könnten noch Schadensersatzforderungen von geprellten Infomatec- und EM.TV-Anteilseignem kommen. Denn auch am Neuen Markt hatte die Bank in den letzten Jahren des Paten kräftig mitgemischt und wie die Beispiele von EM.TV und Infomatec gezeigt haben, nicht immer eine glückliche Hand bei der Auswahl ihrer Börsendebütanten bewiesen.

Die Pannenserie ging weiter: Im Sommer 2003 musste auch Neubers Nachfolger Jürgen Sengera seinen Platzrähmen . Der WestLB-Chef stolperte über das Engagement der Bank in Großbritannien. Das NRW-Institut hatte nicht nur Großprojekte wie das Wembley-Stadion mitfinanziert, sondern war auch bei einigen maroden Unternehmen eingestiegen. Zu den teuren Missgriffen zählte die Finanzierung des TV-Geräteverleihers Boxclever, den Robin Saunders, die Top-Investmentbankerin des Kreditinstituts, erworben hatte. Mit Wertberichtigungen von 700 Millionen Euro trug Saunders Investment kräftig zum Verlust der Bank im Jahr 2002 bei. Miese von 1,7 Milliarden Euro musste die WestLB melden. Die Höhe des Verlustes und die riskanten Investments der Bankerin, die zu den schillerndsten Repräsentanten der Londoner Bankenszene gehört, alarmierten die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin).

Die Prüfer monierten die ungenügenden Risikokontrollen der Landesbank. Sengera ging, sein Nachfolger Johannes Ringel wies an, dass dünftig Kreditgeschäft und Investments getrennt werden müssten. Dem einstigen Star Saunders wurde verboten, neue Beteiligungen abzuschließen – was einem Berufsverbot gleichkam.

Saunders zog es vor, Ende 2003 die Bank zu verlassen. Ein Abgang ohne Abfindung, wie die Bank betonte. Allerdings etwas Geld gab es dann doch, die Bank versüßte der smarten Bankerin den Abschied mit ein bis zwei Millionen Euro – das wären Bonuszahlungen, die Saunders zuständen, ihr aber nach dem Boxelever- Desaster zunächst nicht ausgezahlt worden wären. Auch Interimschef Ringel ist vorzeitig in den Ruhestand gegangen, denn nun hat der frühere Deutsch-Bank-Vorstand Thomas Fischer das Ruder übernommen, um das schlingernde Bankhaus durch die Turbulenzen zu steuern.

Gegen Sengera, Saunders und andere Bankmanager ermittelt derweil die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft.

Die System in Deutschland besser verstehen – Tipps und Tricks für Kredite

Viele Banken locken ihre Kunden mit bunten Kreditangeboten, die ein sorgloses Leben auf Pump ermöglichen sollen. Wer jedoch im Fall der Fälle dringend Geld braucht, wird schärfsten Kontrollen unterzogen und nicht selten übervorteilt.

Die Schuldenfalle
Da steht er, der Traumwagen. Jetzt können Sie sich ihn leisten: Mit easyCredit, unserem Sofortkredit bis 50.000 Euro. Mit einem festen günstigen Zinssatz ab 5,9 Prozent, gleich bleibenden Raten und flexibler Laufzeit. So umwirbt die HypoVereinsbank auf ihrer Homepage im Internet ihre Kunden. Dies bedeutet eine Aufforderung zum Leben auf Pump – frei nach dem Slogan der Kreditkartenorganisationen: Leben Sie jetzt, zahlen Sie später.

Die Münchner Großbank ist nicht das einzige Institut, das Ratenkredite wie Sauerbier anbietet. Auch andere Geldinstitute versuchen ihre Kundschaft zu großzügigem Umgang mit Geld zu animieren. Verfügungskredit, gurrt die Commerzbank auf ihrer Website, beim Einkaufsbummel entdecken Sie das elegante Kleid oder die Dolby-Suround-Anlage zum Schnäppchenpreis. Chancen, die Sie sich einfach nicht entgehen lassen sollten. Warum auch! Mit einem Betrag bis zur dreifachen Höhe Ihres Monatsgehalts sind Sie flexibel. Schließlich ist die Inanspruchnahme Ihres Verfügungskredits vom laufenden Girokonto kein Thema, sondern ein Stück Lebensfreiheit. Viele Verbraucher bezahlen ihren Konsumrausch auf Kredit mit einem jahrelangen Kater. Sie sind überschuldet, wissen nicht, wie sie ihren Verpflichtungen nachkommen können.

Statistisch gesehen hat jeder Bundesbürger – vom Säugling bis zum Greis – Konsumschulden in Höhe von 11.451 Euro, jeder vierte Haushalt ist überschuldet, das heißt er kann Tilgung und Zinszahlungen aus dem verfügbaren Einkommen nicht mehr begleichen. Gegen 1,2 Millionen private Schuldner wurden bereits Vollstreckungsverfahren eingeleitet – sie waren pleite.

Leben auf Pump
Sicher geht nicht jeder Privatkonkurs auf das Konto der Banken. Sicher ist aber, dass die Banken an dem Konsum auf Kredit gut verdienen. Zinssätze zwischen 9,5 bis 15 Prozent werden derzeit für die Überziehung eines Girokontos verlangt – oft mehr als das Doppelte des Zinssatzes für Ratenkredite und fast das Dreifache des Satzes, zu dem derzeit Hypothekenkredite vergeben werden. Die teuren Kontokorrentkredite werden üblicherweise bis zum Dreifachen der monatlichen Einkünfte gewährt.

Dass Banken selbst jugendlichen Kontoinhaber/! – Schülern, Lehrlingen und Studenten – schon teils erhebliche Überziehungsspielräume einräumen, wird immer wieder von Elternverbänden und Verbraucherschützern kritisiert. Eine Studie des Bundesfamilienministeriums ergab, dass von 1988 bis 1999 bereits 20 Prozent der jugendlichen in Westdeutschland und 14 Prozent der jugendlichen in Ostdeutschland verschuldet waren. Kräftig mitgeholfen an der Finanzmisere der Kids haben die Kreditinstitute. Sogar Schülern wurden Dispositionskredite eingeräumt, die den jugendlichen Kontoinhabern die Überziehung um 100 bis 200 Euro gestatten – oft ein Mehrfaches des monatlichen Taschengelds. Für die jungen Kunden, die dem Lockruf der Banken erliegen, folgt meist ein böses Erwachen. Das Geld ist weg, ausgegeben für Handyrechnungen, schicke Klamotten und Discobesuche, und dann verlangt die Bank den Kredit zurück. Viele der jungen Kreditnehmer bezahlen ihren Leichtsinn mit jahrelanger Abhängigkeit von der Kreditwirtschaft, bis sie ihre Schulden abgestottert haben.

Enteignung auf Raten: Kombikredite
Ein erhebliches Maß an Kreativität beweisen die Banken auch bei der Kreditvergabe. Neben den üblichen Ratenkrediten, die für eine Laufzeit von einem bis fünf Jahren abgeschlossen werden und bei denen der Schuldner einen monatlichen Festbetrag, der sich aus Zinsen und Tilgung zusammensetzt, an die Bank zahlt, werden bei größeren Summen auch gerne Kombikredite angeboten. Bei dieser Variante wird das Darlehen nach einer mehljährigen Laufzeit durch einen auf diese Frist abgeschlossenen Sparplan oder eine Lebensversicherung getilgt. Der Schuldner muss dabei zwei Verträge erfüllen, einmal die Zinsen für den Kredit bezahlen und obendrein die monatlichen Prämien für die Versicherung oder den Sparplan aufbringen. Für die Bank sind diese Verträge, die vor allem für Hypotheken zum Hausbau und Immobilienerwerb abgeschlossen werden, ein lohnendes Geschäft. Sie kann auf Jahre hinaus mit festen Einnahmen aus beiden Verträgen rechnen.

Für den Kreditnehmer birgt diese Konstruktion jedoch ein erhebliches Risiko: Sollte er nicht mehr in der Lage sein, den Sparbetrag zu bedienen, sitzt er nicht nur auf dem Schuldenberg in alter Höhe, sondern muss auch noch mit erheblichen Einbußen bei seinem Sparguthaben rechnen, weil er bei einer vorzeitigen Kündigung dieser Prämienverträge auch die Sonderleistungen verliert.

Auf Kundenfang im Elsass
Wie schnell eine solche Kreditkonstruktion in den Ruin führen kann, beschrieb ein Beitrag der ZDF-Sendung Frontal 21 vom 29. Mai 2001, der unter dem Titel Schuldenfalle Commerzbank ausgestrahlt wurde. Dem Bericht zufolge ist die Commerzbank in Frankreich auf Kundenfang gegangen und hat vor allem im grenznahen Elsass reiche Beute gemacht.

Kreditvermittler, die im Auftrag der Commerzbank unterwegs waren, drehten ahnungslosen Immobilienbesitzern und Bauherren Lebensversicherungshypotheken an. Weil es diese Kreditform bisher in Frankreich nicht gab, waren die neuen Commerzbank- Kunden sehr angetan von den niedrigen Zinsen, die ihnen die Kundenberater anboten. Die Risiken dieser Kombikredite hingegen blieben ihnen verborgen. Den Haken bei dieser Konstruktion, bei der der Kreditnehmer eine Lebensversicherung abschließen und dafür die Beiträge leisten, gleichzeitig aber auch die Zinsen für den Kredit über die gesamte Versicherungsdauer begleichen muss, haben die meisten der Betroffenen nicht erkannt.

Kommt der Kunde während der Versicherungsdauer durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder andere Schicksalsschläge in finanzielle Nöte und kann seine Beiträge nicht mehr aufbringen, droht der Zusammenbruch der Finanzierung. Die Versicherung kündigt den Vertrag, die Bank stellt das Darlehen fällig.

Wie ein Rentnerehepaar sein Haus verlor
So geschah es – wie Frontal-21 -Autor Stefan Härtig berichtete – im Fall der Commerzbank-Kunden Albert und Louise W.: Das französische Rentnerehepaar verlor sein Haus, weil es sich auf die Lebensversicherungshypothek der Commerzbank verließ.

Dabei wollten die beiden Ruheständler nur einen neuen Kredit aufnehmen, um ihr Anwesen zu renovieren – für einen Ausbau von Garage und Dach, die Gartenanlage und eine neue Küche. Bei der Zeitungslektüre stießen sie auf eine Anzeige der Kreditvermittlung Cofia. Auf ihren Anruf bekamen sie Besuch von einem Vertreter der Commerzbank Saarbrücken. Er pries ihnen einen Kredit an, der mit einer Lebensversicherung abgezahlt werden sollte. Für die Tilgung des Kredits über 167.000 € sollten sie eine Lebensversicherung ansparen. Nach 22 Jahren würden sie dann 300.000 € ausgezahlt bekommen. Von dieser Summe sollte dann auch die ganze Schuld auf einmal getilgt werden.

Doch bis zur Auszahlung der Versicherung müssten sie den vollen Zinsbetrag auf die gesamte Summe leisten. Im Fall des Rentnerpaars W. beliefen sich die monatlichen Verpflichtung aus diesem Kombikredit auf 1.677 €: 460 € für die Lebensversicherung und 1.217 € an Zinsen. Als das Rentnerpaar nach zwei Jahren vorübergehend nicht die volle Monatsrate aufbringen konnte, platzte das Modell. Die Familie verlor ihre 300.000 € von der Versicherung und ihr Haus, denn die Commerzbank forderte den Kredit zurück.

Gefährliche Kombination
Der Jurist Udo Reifner vom Institut für Finanzdienstleistungen kritisierte diese Konditionen mit folgenden Worten: Scheitern ist tödlich bei dieser Konstruktion, die eigentlich einen legalen Betrug darstellt. Von einer Kapitallebensversicherung wird bei vorzeitiger Kündigung nur ein ganz kleiner Bruchteil der eingezahlten Beträge zurückerstattet. Trotzdem muss der Kredit von dem Betroffenen in voller Höhe bedient werden. Die meisten not- leidenden Kreditnehmer landen dann unausweichlich in einer Schuldenfalle.

So erging es auch dem Ehepaar W.: Die Bank teilte ihren Kunden mit, wenn sie nicht bezahlen können, würde eben das Haus versteigert, sie könnten es aber auch selbst verkaufen. Unter Zeitdruck erzielte das Ehepaar für ihr Haus lediglich einen Preis in Höhe von 206.000 €. Die Commerzbank nahm sich die ganze Summe, obwohl sie nur einen Kredit über 167.000 € vergeben hatte.

Zusammen mit den bis dahin kassierten Zinsen und Prämien machten die Commerzbank und die Lebensversicherung ein Plus von 83.000 €. Das entspricht einem sagenhaften Zinssatz von jährlich 16 Prozent, berichtete Frontal-21-Autor Stefan Härtig. Das Schicksal der Familie W. teilten viele Franzosen, denn die Commerzbank war ausgesprochen rührig bei der Akquisition von Kreditkunden.

In diesem Zusammenhang sind jetzt zahlreiche Verfahren vor Gericht anhängig. Die Verbraucherschützerin Anke De Villepin von Euro-Info e. V. wirft der Commerzbank vor, dass sie nicht darüber aufgeklärt hat, welche Kosten und Belastungen auf die Kunden zukommen und welches Eigeneinkommen man haben muss, um solche Belastungen dauerhaft tragen zu können. Das war einfach Betrug.

23 Prozent Zinsen pro Jahr für eine Hypothek
Das ZDF-Magazin Frontal schilderte einen weiteren Fall: Eine Hausbesitzerin aus Lothringen hatte sich bei der Commerzbank 240.000€ für ein Haus geliehen. Nach zwei Jahren wollte sie den Kredit schnell zurückzahlen und verkaufte ihr Haus. Die Bank verlangte nun zusätzlich zur Kreditsumme noch weitere 105.000 €. Das entspräche – so der Bericht der Frontal-Autoren – bei zwei Jahren, die der Kredit lief, 23 Prozent Zinsen im Jahr.

Für den deutschen Juristen Reifner handelt es sich um ein Beratungsverschulden, wenn man die Kreditnehmer nicht über die enormen Risiken aufklärt, dass sie hinterher mit wahnsinnigen Schulden dableiben, nur weil sie diese schwachsinnige Konstruktion gewählt haben.

Ein brisantes Urteil
Der XI. Senat des Bundesverfassungsgerichts hat sich dieser Geschäftsgebahren, die auch in Deutschland in vielen Fällen eingesetzt wurden, angenommen und im Dezember des Jahres 2001 ein für die Finanzwelt brisantes Urteil gefällt (AZ: BGH XI ZR 156/01).

Das oberste Zivilgericht entschied, dass Darlehen in derartigen Finanzierungskonstruktionen – Kredit plus daran gekoppelten Bausparvertrag oder Lebensversicherung – immer die Gesamtbelastung für den Kreditnehmer enthalten muss. Der Kreditvertrag muss sowohl die Kosten des Darlehens als auch die Kosten des Bausparvertrags beziehungsweise der Lebensversicherung wiedergeben. Dies haben die Kreditinstitute in den meisten Fällen jedoch aus gutem Grund vermieden.

Doch damit nicht genug: Der Bundesgerichtshof hat in weiteren Ausführungen ergänzt, dass – sofern die Gesamtbelastung für den Kreditnehmer nicht angegeben ist – Paragraph 4 des Verbraucherkreditgesetzes Anwendung findet. Dort wird geregelt, dass dem Darlehensgeber nur ein verminderter Zinssatz von vier Prozent zusteht (§ 4 Abs. 1 Satz 4 Nr. 1 b a. F., § 6 Abs. 2 Satz 2 VerbrKrG, § 246 BGB).

Das bedeutet, dass Kombikreditnehmer Anspruch auf Neuberechnung der Darlehenszinsen und Rückerstattung zu viel gezahlter Zinsen haben. Die Höhe einer derartigen Rückzahlung ergibt sich aus der Differenz des Vertragszinses zum gesetzlichen Zinssatz von vier Prozent.

Auch Immobilienkredite sind betroffen
Für die Kreditwirtschaft stellt dieses Urteil eine empfindliche Niederlage dar. Viele Konsumentenkreditverträge müssen nun überprüft werden, bei denen das Darlehen aus einem gekoppelten Bausparvertrag oder einer Lebensversicherung getilgt werden soll. Das betrifft den Kauf von Aktien oder Fondsanteilen auf Pump ebenso wie den Erwerb eines Autos, bei dem das Darlehen durch einen parallel abgeschlossenen Sparvertrag zurückgezahlt wird. Bisher gilt die Regelung zwar nur für Konsumentenkredite, Experten schließen allerdings nicht aus, dass dieses BGH-Urteil viel größere Kreise zieht und auch Hypothekendarlehen einschließt.

Dieser Auffassung ist auch Prof. Udo Reifner vom Institut für Finanzdienstleistungen in Hamburg (IFF): Die eigentliche Brisanz des Urteils liegt darin, dass das Urteil auch die Hypothekenkredite erfasst, die in Form der Lebensversicherungshypothek sowie der Bausparsofortfinanzierung vergeben werden. Dabei handelt es sich um einen Markt von rund 100 Milliarden Euro. Bei diesen Krediten muss zwar nicht der Gesamtbetrag angegeben werden, weil dies aus dem diesbezüglichen Gesetz gestrichen wurde, es muss jedoch ein repräsentativer Effektivzins angegeben werden.

Es ist dringend zu empfehlen, dass Schuldner mit Kombikrediten ihre Verträge von Verbraucherzentralen oder Rechtsanwälten überprüfen lassen. Fehlt der Hinweis auf die Gesamtbelastung, muss das Darlehen vom Kreditinstitut unter Anwendung des gesetzlichen Zinssatzes von vier Prozent neu berechnet werden. Daraus ergibt sich dann die Höhe der Rückforderung.